• 24 Haftbefehle in Brandenburg erwirkt: Schlag gegen organisierte Kriminalität

24 Haftbefehle in Brandenburg erwirkt : Schlag gegen organisierte Kriminalität

Brandenburgs Polizei hebelt in einer konzertierten Aktion mehrere Drogenhändler-Banden aus. Deren verschlüsselte Gespräche über Encrochat – eine Art Whatsapp für Kriminelle – waren geknackt worden.

Auch Waffen wurden sichergestellt.
Auch Waffen wurden sichergestellt.Foto: Polizei Brandenburg

Potsdam/Frankfurt (Oder) - Die Ermittler des Landeskriminalamtes Brandenburg (LKA) hatten die Bande in Frankfurt (Oder) bereits im Blick, doch der Durchbruch kam erst, als sie die verschlüsselten Nachrichten mitlesen konnten. Im Februar nahm die Polizei eine Bande von sechs Männern fest, Beamte durchsuchten 39 Wohnungen, Geschäftsräume und Restaurants in Frankfurt (Oder), Berlin, im Landkreis Oder-Spree und im polnischen Slubice. 

55 Kilogramm Marihuana, Amphetamine, Kokain und 330 000 Euro Bargeld wurden beschlagnahmt und Vermögenswerte im Wert von einer Million eingezogen, darunter ein Porsche Panamera, Goldmünzen und hochwertige Uhren.

Gegen 60 Verdächtige wird ermittelt

Es ist das größte der insgesamt 52 Verfahren vorwiegend zu organisierter Drogenkriminalität, das das LKA dank der verschlüsselten Chat-Daten führen konnte, seit die Krypto-Dienste des Anbieters Encrochat geknackt wurden. Die Ermittler konnten in allen Verfahren insgesamt 24 Haftbefehle erwirken, gegen 60 Verdächtige wird ermittelt. Und das dank der Zusammenarbeit der Behörden in Europa. 

Der Polizei in den Niederlanden und Frankreich war es im vergangenen Jahr gelungen, den Encrochat-Server zu infiltrieren, mehr als 20 Millionen geheimer Nachrichten abzuschöpfen. 60.000 Teilnehmer hatten den Chatdienst genutzt. Die Kryptohandys von Encrochat wurden vor allem von Kriminellen genutzt, war eine Art Whatsapp für Kriminelle. 

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Der Dienst galt wegen seiner aufwendigen Verschlüsselung als nicht zu knacken, die Kriminellen fühlten sich sicher. Auch die deutschen Behörden haben die Daten aus Frankreich über Europol und das Bundeskriminalamt (BKA) bekommen. Beim LKA Brandenburg wertete die eigens eingerichtete „AG Echt“ mit zehn Mitarbeitern die Daten aus, auch das Zollfahndungsamt (ZFA) Berlin-Brandenburg wurde eingebunden. Hinzu kamen Rauschgiftermittler. Die meisten Verfahren landeten bei der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für organisierte Kriminalität in Frankfurt (Oder).

Einblick in verborgene Drogen- und Waffengeschäfte

Es ist ein Datenschatz, als habe jemand das Licht in einem bisher dunklen Raum eingeschaltet. Erstmals haben die Ermittler einen Einblick bekommen, was die Kriminellen im Verborgenen treiben, wie umfangreich ihre Geschäfte mit Drogen und Waffen sind. Die europäische Justizbehörde Eurojust sprach von Schockwellen, die „durch organisierte Verbrecherbanden quer durch Europa“ gingen. Auch die Drogenbanden in Frankfurt (Oder) fühlten sich sicher, kommunizierten offen über ihre Geschäfte. Über die Kryptohandys wurden Drogen bestellt und Liefertermine abgesprochen.

In der Küche eines Restaurants entdeckten die Ermittler Drogen.
In der Küche eines Restaurants entdeckten die Ermittler Drogen.Foto: Polizei Brandenburg

Kopf einer überwiegend albanischen Bande soll ein in Frankfurt (Oder) bekannter Geschäftsmann gewesen sein, er besaß mehrere Restaurants in der Stadt und Umgebung, im Mai ging eines in Müllrose in Flammen auf. In einem der Restaurants des 47-Jährigen fanden die Ermittler mehrere Großverpackungen Marihuana, versteckt in Schubladen der Küche. Aus den Encrochat-Protokollen ging hervor, dass der Kopf der Bande mit rund 500 Kilogramm Marihuana und etwas unter 100 Kilogramm Kokain und Amphetamine gehandelt haben soll.

In Songs mit Verbrechen geprahlt

Der Unternehmer hatte Geschäftspartner – eine zweite Bande, deren Mitglieder teils Rocker der Gruppe „Oder City Kurmark“ sind, eines Unterstützerclubs der Hells Angels. Ein 24-Jähriger machte als „Dealer 44“ auf Gangster-Rapper, prahlte in seinen Songs damit, wie sie die Drogen über die Oder aus Polen nach Frankfurt (Oder) schmuggelten. In seinen Videos wedelte der mutmaßliche Hartz-IV-Empfänger auch gern mal mit dicken Bündeln aus Geldscheinen herum und rappte: „Ich geb ein Kopfgeld aus auf den Hurensohn von Staat.“

Die Videos sind Teil der Ermittlungen, bei ihm wurden Bargeld und Waffen gefunden. „Dealer 44“ soll als Kurier gearbeitet haben: Wenn eine mutmaßliche Drogenlieferung ins Restaurant kam, soll er kurze Zeit später mit einer Sporttasche aufgetaucht sein – offenbar, so vermuten es die Ermittler, um Drogen abzuholen. Gesehen haben die Ermittler das alles, weil sie im Frühjahr 2020 die Chats live und in Echtzeit mitlesen konnten, wie „Spiegel TV“ berichtet. 

Brandenburgs Polizeipräsident Oliver Stepien.
Brandenburgs Polizeipräsident Oliver Stepien.Foto: ZB

Von einer angemieteten, konspirativen Wohnung aus konnten sie das Treiben am Hintereingang beobachten – die mutmaßlichen Drogenlieferungen, wie mutmaßliche Dealer ein- und ausgingen. Vermutet wird, dass die illegalen Geschäfte seit Jahren liefen. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) spricht von einem Betäubungsmittel-Großhandel. Und am Ende müssen die Gerichte entscheiden, noch gelten die Verdächtigen als unschuldig.

Neben den großen Verfahren zu den beiden Banden in Ostbrandenburg mit rund 20 Verdächtigen gab es zahlreiche weitere Fälle. Ein Sprecher sagte, mit Stand Ende Juni seien 52 Verfahren mithilfe der Encrochat-Daten geführt worden. In acht Verfahren davon hatte es bereits zuvor Ermittlungen gegeben, die durch die Chat-Daten weiter vorangetrieben werden konnten. 

[Mehr zum Thema: Datenschatz Encrochat - Die umstrittene Krypto-Jagd auf Drogenbosse, Waffenhändler, Clans (T+)]

"Erfolgreicher Schlag gegen den organisierten Rauschgifthandel"

Drei Viertel der bereits identifizierten Tatverdächtigen sind deutsche Staatsangehörige, viele waren laut Polizei in der Vergangenheit wegen Drogendelikte aufgefallen. Die übrigen Verdächtigen kommen vom Balkan, vor allem aus Albanien, Serbien und Kosovo.

Brandenburgs Polizeipräsident Oliver Stepien sagte am Dienstag, Encrochat sei in Brandenburg „intensiv im Bereich des organisierten Rauschgifthandels genutzt“ worden. Dank der Arbeit der Ermittler „konnten Straftaten festgestellt, Strukturen aufgehellt, Vertriebswege nachvollzogen und Täter inhaftiert werden“. 

Damit sei der Polizei „ein erfolgreicher Schlag gegen den organisierten Rauschgifthandel in Brandenburg gelungen“, sagte Stepien. Beschlagnahmt wurden 160 Kilogramm Marihuana, ein Kilogramm Kokain sowie Amphetamin, Crystal Meth, 60 000 Ecstasy-Tabletten sowie 100 Tabletten Tilidin – ein verschreibungspflichtiges Schmerzmittel, das bei gewaltbereiten Kriminellen beliebt ist. Daneben stellten die Ermittler eine Maschinenpistole, fünf Pistolen, rund 1000 Stück Munition und Vermögen im Wert von rund 1,7 Millionen Euro sicher: Bargeld, Luxusautos sowie Schmuck.

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