80 Jahre Hitler-Stalin-Pakt : Die Sowjetunion hatte die Wahl – und entschied sich für Hitler

Hitler und Stalin teilten 1939 Europa unter sich auf, das regelte ein geheimes Zusatzdokument des Nichtangriffsvertrags. Nun wurde das Original veröffentlicht.

Frank Herold
Handschlag. Stalin und Hitlers Gesandter Ribbentrop in Moskau.
Handschlag. Stalin und Hitlers Gesandter Ribbentrop in Moskau.Foto: imago/zuma/keystone

Am Nachmittag des 23. August 1939 wehen rote Flaggen über dem Moskauer Flughafen Chodynkafeld, zehn Kilometer nordwestlich vom Kreml. An sich nicht ungewöhnlich, doch nicht alle Flaggen tragen Hammer und Sichel. Die Hälfte von ihnen zeigt auf weißem Kreis das schwarze Hakenkreuz. Die Fahnen stammen aus einem Filmstudio, in dem gerade ein Streifen gegen die Nazis gedreht wird. Auf der einen Fahnenseite sei das faschistische Symbol spiegelverkehrt abgebildet, bemerkt ein Angehöriger der deutschen Delegation, die an diesem Tag in der sowjetischen Hauptstadt landet.

Der Fehler ist unwichtig, entscheidend ist das Signal, das Josef Stalin dem deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop senden will: Der Gesandte Hitlers ist in Moskau willkommen. Am gleichen Abend unterzeichnen im Kreml Ribbentrop und sein sowjetischer Amtskollege Wjatscheslaw Molotow im Beisein des Diktators einen Vertrag, der wie kein anderes bilaterales Dokument das Schicksal der Staaten und Völker in Ostmittel- und Osteuropa auf viele Jahrzehnte beeinflussen wird. Er geht als Hitler-Stalin-Pakt in die Geschichte ein.

Die westlichen Mächte reagieren entsetzt, sie sind – durch beträchtliches eigenes Verschulden – von den beiden Diktatoren ausmanövriert worden. Die europäische Linke, die sich seit sechs Jahren nicht nur in Deutschland, sondern auch im spanischen Bürgerkrieg im Kampf gegen den Faschismus aufgeopfert hat, fühlt sich verraten. Den Pakt werden in den darauffolgenden Jahren tausende deutsche Kommunisten mit dem Leben bezahlen, weil Stalin sie an Hitler ausliefert.

Die Scans des Originalvertrags sind im Juni veröffentlicht worden

Opfer sind aber vor allem Millionen von Polen, Litauern, Letten, Esten, Bewohner der Regionen Bukowina und Bessarabien, die in der direkten Folge dieses deutsch-sowjetischen Paktes ermordet, terrorisiert oder verschleppt werden. Was zu diesem Zeitpunkt außerhalb des Kremls und der Berliner Schaltzentralen niemand weiß: Dies ist nicht bloß ein Nichtangriffspakt zwischen zwei Staaten, wie es ihn zu diesem Zeitpunkt einige in Europa gibt. Das ist nur der offizielle Teil.

In einem geheimen Zusatzprotokoll enthält der Hitler-Stalin-Pakt faktisch die Verabredung zur Vernichtung Polens und der baltischen Staaten sowie zur Teilung Osteuropas in geopolitische Interessensphären. Die Sowjetunion und Deutschland haben an diesem 23. August vor 80 Jahren das Abkommen geschlossen, das – nicht allein, aber entscheidend – den Beginn des Zweiten Weltkrieges möglich macht. Dass das Zusatzprotokoll überhaupt existiert, werden Sowjetführer bis kurz vor der Auflösung der UdSSR leugnen.

Die Scans des sowjetischen Originalvertrags sind erst im Juni diesen Jahres von der Historischen Abteilung des russischen Außenministeriums veröffentlicht worden. Der Text in russischer Sprache ist schon seit gut zwei Jahrzehnten bekannt. Gleichzeitig erschien jetzt in Moskau ein Sammelband mit dem Titel: „Anti-Hitler-Koalition 1939. Formel des Scheiterns“.

Schon diese Formulierung gibt die Hauptthese an, die die Historikerin Veronika Krascheninnikowa in ihrem Vorwort dann ausführt: „Der Nichtangriffsvertrag war für Moskau ein erzwungener Schritt, der gegangen wurde, als klar war, dass es nicht zu einer Anti-Hitler-Koalition kommen wird. Er gab der Sowjetunion fast zwei Jahre zum Atemholen für die Vorbereitungen zur Abwehr der unabwendbaren Aggression. Mehr noch, analoge Verträge haben vor der Sowjetunion auch die ,Hauptankläger’ (des sowjetischen Vorgehens, die Redaktion) geschlossen: Großbritannien, Frankreich, Dänemark, Lettland, Litauen und Estland.“

Krascheninnikowa ist nicht irgendeine Stimme in der russischen Historikerzunft, sie ist Generaldirektorin des staatlichen Instituts für Außenpolitische Studien und Initiativen. Man kann wohl sagen, sie vertritt die offiziöse Lesart des Kreml unter Präsident Wladimir Putin. Nach Jahren differenzierter historischer Analyse des Pakts ist der Hauptstrom der russischen Historiografie jetzt ganz offensichtlich wieder zurück bei der eindimensionalen Interpretation, deren Richtung schon Stalin vorgegeben hat, und die zu kommunistischen Zeiten kanonisch war. Wenn überhaupt über diesen Vertrag gesprochen wurde, waren Zweifel unzulässig. Es galt: Die Sowjetunion hatte keine andere Wahl, dieser Vertrag war „Realpolitik“ und in der gegebenen Situation im strategischen Interesse der UdSSR.

Der jüdische Minister muss gehen – ein Signal nach Berlin

Einen wesentlichen Unterschied gibt es heute im Vergleich zur sowjetischen Sicht: Die Zusatzprotokolle zu den Verträgen, in denen die Auslöschung von Staaten Osteuropas und ihre Aufteilung zwischen den Diktaturen niedergelegt ist, können nicht mehr geleugnet werden. Sie werden aber in Russland auch kaum noch kritisch analysiert. Krascheninnikowa schreibt dagegen wider die Fakten: „Im Jahr 1939 – bis unmittelbar zum Beginn der Kampfhandlungen am 1. September – unternahm die Sowjetunion unermüdlich Versuche, eine Koalition der europäischen Staaten zu formen, um die Aggression des Dritten Reiches zu stoppen.“

Die Versuche, eine Anti-Hitler-Koalition zu schmieden, waren immer nur eine Seite der stalinschen Politik. Der sowjetische Diktator hatte nicht nur eine erzwungene Option, er konnte wählen. Stalin fuhr mehrgleisig, doch die „deutsche Option“ stand spätestens nach 1935 im Vordergrund. Im Dezember 1934 hatte Stalin seinen Vertrauten Dawit Kandelaki als Leiter der Handelsvertretung nach Berlin geschickt. Der sollte nicht nur die mit der Machtübernahme der Nazis 1933 erheblich verschlechterten Wirtschaftsbeziehungen wieder ankurbeln, sondern auch einen politischen Vertrag vorbereiten. Damals hatte Hitler kein Interesse. Kandelakis Mission scheiterte.

Ein Bündnis gegen die Nazis versuchte in der zweiten Hälfte der 30er Jahre vor allem Außenminister Maxim Litwinow zu schmieden. Sicher zu diesem Zeitpunkt nicht gegen die Intentionen Stalins. Doch die Westmächte suchten lieber die Verständigung mit Hitler. Das Münchner Abkommen war aus russischer Sicht ein Wendepunkt. Litwinow verlor im Mai 1939 sein Amt – den Politiker jüdischer Herkunft abzulösen, war ein klares Signal nach Berlin. Nachfolger wurde Molotow, dessen Unterschrift neben der von Ribbentrop auf dem deutsch-sowjetischen Vertrag steht.

Unterzeichnung. Der deutsche Außenminister Ribbentrop (links neben Stalin) und sein sowjetischer Amtskollege Molotow (sitzend).
Unterzeichnung. Der deutsche Außenminister Ribbentrop (links neben Stalin) und sein sowjetischer Amtskollege Molotow (sitzend).Foto: imago

Im Frühsommer 1939 redete in Europa noch immer jeder mit jedem. Zu kaum einem Zeitpunkt hat es eine intensivere Pendeldiplomatie zwischen den Staaten gegeben. Aber jeder misstraute auch jedem – aus gutem Grund. Hitler wollte Frankreich und Großbritannien davon abbringen, Sicherheitsgarantien für Polen auszusprechen, dessen Vernichtung er schon beschlossen hatte. Frankreich und Großbritannien wollten Hitlers aggressive Absichten von sich selbst ablenken und auf Russland richten. Polen versuchte vergeblich, sich gegen Deutschland wie gegen den Nachbarn im Osten abzusichern. Die Sowjetunion hatte vor, sich aus den europäischen Angelegenheiten herauszuhalten und ihre militärischen Ressourcen gegen Japan zu bündeln.

Stalin selbst hatte die Rote Armee erst zwei Jahre zuvor in einer mörderischen Säuberungskampagne um ihre Führung gebracht. Seit Mitte der 30er Jahre wuchsen im Fernen Osten jedoch die Spannungen mit dem faschistischen Japan. Dass nicht nur Hitler, sondern auch Stalin „in zwei Fronten“ dachte, wird in Europa kaum reflektiert. Doch der Vertrag mit Hitler sollte aus Sicht des sowjetischen Diktators die Verbündeten Berlin und Tokio spalten.

Das Ende der sowjetischen Bemühungen um eine Anti-Hitler-Koalition liegt Monate vor dem Kriegsbeginn. Wenn man so will, lässt es sich sogar auf die Minute genau festlegen. Im Mai 1939 begannen in Moskau trilaterale Gespräche mit Großbritannien und Frankreich, um eine Allianz gegen Hitler zu schmieden. Die Dinge schritten rasch voran, und im August waren die militärischen Unterhändler kurz davor, eine Vereinbarung für den Fall einer deutschen Aggression zu schließen.

Doch am 21. August um 17.25 Uhr beendete die sowjetische Seite unerwartet die Gespräche. Briten und Franzosen verstanden kurz darauf, warum. Um 23.15 Uhr unterbrach der deutsche Rundfunk seine Übertragung für folgende Mitteilung: Die Regierung des Reiches und die sowjetische Regierung, hieß es da, hätten vereinbart, einen Nichtangriffspakt zu schließen. Der Reichsaußenminister werde am Mittwoch, dem 23. August zur Unterzeichnung des Vertrages nach Moskau fahren.

Moskau wollte Revanche für den Frieden von 1920

Stalin hatte die Wahl – und entschied sich für Hitler. Das auch deshalb, weil ihn die Westmächte in verhängnisvoller Fehleinschätzung der Situation hinhielten. Aber das ist nicht der einzige Grund.

Hitler gab Stalin ohne zu zögern, was ihm Frankreich und Großbritannien verweigerten: freie Hand für die Annexion des Baltikums und Revanche für den Frieden von Riga 1920, als die junge Sowjetunion ihre Ansprüche auf den Westen Weißrusslands und der Ukraine an Polen abtreten musste. Auch Hitler fuhr bis zu einem bestimmten Zeitpunkt mehrgleisig, ließ vor allem mit Großbritannien verhandeln. Aber spätestens im Mai 1939 hatte er sich entschieden: die Vernichtung Polens bekam absoluten Vorrang.

Dass Großbritannien und Frankreich Sicherheitsgarantien für Warschau abgaben, störte seine Pläne immens. Anders als noch Mitte der 30er Jahre brauchte er jetzt Stalin. Wenn er schon einen Krieg in Polen und gegen den westlichen Nachbarn würde führen müssen, konnte eine zweite Front im Osten, ein Eingreifen der Sowjetunion in den Krieg, tödlich sein. Die Initiative zum Hitler-Stalin-Pakt ging vom deutschen Diktator aus.

Von da an lief alles sehr schnell ab. Im Juli signalisierten Beamte des Reichsaußenministeriums den russischen Gesandten in Berlin, wenn Moskau im Falle eines deutschen Krieges gegen Polen neutral bleibe, könne die Sowjetunion mit bestimmten Zugeständnissen rechnen. Es war das entscheidende Argument, das Stalin auf die Seite Hitlers zog. Am 19. August sandte Stalin seinen Entwurf eines Abkommens nach Berlin. In einem Begleitbrief legte er fest, dass es den Nichtangriffsvertrag nur mit dem geheimen Zusatzprotokoll geben werde. Das sicherte der deutsche Botschafter in Moskau den sowjetischen Stellen am nächsten Tag zu. Am 21. August erhielt Stalin um 15 Uhr eine persönliche Botschaft von Hitler. Nach zwei Stunden antwortete der sowjetische Diktator nach Berlin. 25 Minuten später wurden die Verhandlungen mit Großbritannien und Frankreich beendet.

1941 war der Nichtangriffspakt Makulatur

Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 in den Morgenstunden mit dem Angriff deutscher Truppen auf Polen. Am 17. September 1939 überschritt die Sowjetarmee mit 600 000 Mann die polnische Grenze. Offiziell hieß es: zum Schutz der „Blutsbrüder“ vor den vorrückenden Deutschen. Ein paar Tage später aber marschierten sowjetische Soldaten Seite an Seite mit eben diesen Deutschen bei einer Parade durch Brest. 1940 wurden dann Estland, Lettland und Litauen – „auf deren Bitten“ – gezwungen, ihre Unabhängigkeit aufzugeben.

Der Hitler-Stalin-Pakt sei gerechtfertigt gewesen, heißt es in Moskau wieder, weil er der UdSSR „fast zwei Jahre zum Atemholen“ gegeben habe, um sich auf den deutschen Überfall vorzubereiten. Dem wird auch von russischen Historikern entgegen gehalten: Der Pakt sei strategisch ein Desaster gewesen, weil er den Beginn der Aggression gegen die Sowjetunion beschleunigt habe. Das sei nur deshalb schnell in Vergessenheit geraten, weil die UdSSR die Hauptlast des Kampfes gegen Hitler getragen hat und in welchem sie schließlich glücklicherweise obsiegte.

Stalin hatte 1939 darauf spekuliert, dass sich Hitler auf viele Jahre in einem Krieg im Westen verkämpfen würde. Tatsächlich war Paris innerhalb weniger Wochen eingenommen – auch angetrieben von den Rohstofflieferungen, die Moskau nach weiteren Verträgen für die deutsche Kriegsmaschine geliefert hatte. Wie ernüchternd die rasche Kapitulation Frankreichs für die Sowjetunion war, hat der Schriftsteller Ilja Ehrenburg 1942 in seinem Roman „Der Fall von Paris“ beschrieben. Die Enttäuschung über die französische Schwäche findet sich dort beinahe auf jeder Seite. Den Hitler-Stalin-Pakt und sowjetische Lieferungen für die deutsche Rüstungsindustrie erwähnt Ehrenburg mit keinem Wort.

Als Hitler 1941 dann gegen die Sowjetunion marschieren ließ, war der Nichtangriffspakt Makulatur. Er hatte das Land in eine Isolation gebracht, die auch noch lange nach dem Überfall der Wehrmacht nachwirken sollte. In den folgenden Jahren waren es nun die Westmächte, die darauf hofften, Hitler und Stalin mögen sich in einem langen Krieg gegenseitig schwächen. Erst als die Sowjetunion als Sieger faktisch feststand, eröffneten sie in der Normandie 1944 die zweite Front. Kurz danach sicherten auch sie in Jalta Stalin das zu, was er mit dem Hitler-Stalin-Pakt bekommen hatte: die Kontrolle über den Osten Europas.