1941 war der Nichtangriffspakt Makulatur

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80 Jahre Hitler-Stalin-Pakt : Die Sowjetunion hatte die Wahl – und entschied sich für Hitler
Frank Herold
Unterzeichnung. Der deutsche Außenminister Ribbentrop (links neben Stalin) und sein sowjetischer Amtskollege Molotow (sitzend).
Unterzeichnung. Der deutsche Außenminister Ribbentrop (links neben Stalin) und sein sowjetischer Amtskollege Molotow (sitzend).Foto: imago

Im Frühsommer 1939 redete in Europa noch immer jeder mit jedem. Zu kaum einem Zeitpunkt hat es eine intensivere Pendeldiplomatie zwischen den Staaten gegeben. Aber jeder misstraute auch jedem – aus gutem Grund. Hitler wollte Frankreich und Großbritannien davon abbringen, Sicherheitsgarantien für Polen auszusprechen, dessen Vernichtung er schon beschlossen hatte. Frankreich und Großbritannien wollten Hitlers aggressive Absichten von sich selbst ablenken und auf Russland richten. Polen versuchte vergeblich, sich gegen Deutschland wie gegen den Nachbarn im Osten abzusichern. Die Sowjetunion hatte vor, sich aus den europäischen Angelegenheiten herauszuhalten und ihre militärischen Ressourcen gegen Japan zu bündeln.

Stalin selbst hatte die Rote Armee erst zwei Jahre zuvor in einer mörderischen Säuberungskampagne um ihre Führung gebracht. Seit Mitte der 30er Jahre wuchsen im Fernen Osten jedoch die Spannungen mit dem faschistischen Japan. Dass nicht nur Hitler, sondern auch Stalin „in zwei Fronten“ dachte, wird in Europa kaum reflektiert. Doch der Vertrag mit Hitler sollte aus Sicht des sowjetischen Diktators die Verbündeten Berlin und Tokio spalten.

Das Ende der sowjetischen Bemühungen um eine Anti-Hitler-Koalition liegt Monate vor dem Kriegsbeginn. Wenn man so will, lässt es sich sogar auf die Minute genau festlegen. Im Mai 1939 begannen in Moskau trilaterale Gespräche mit Großbritannien und Frankreich, um eine Allianz gegen Hitler zu schmieden. Die Dinge schritten rasch voran, und im August waren die militärischen Unterhändler kurz davor, eine Vereinbarung für den Fall einer deutschen Aggression zu schließen.

Doch am 21. August um 17.25 Uhr beendete die sowjetische Seite unerwartet die Gespräche. Briten und Franzosen verstanden kurz darauf, warum. Um 23.15 Uhr unterbrach der deutsche Rundfunk seine Übertragung für folgende Mitteilung: Die Regierung des Reiches und die sowjetische Regierung, hieß es da, hätten vereinbart, einen Nichtangriffspakt zu schließen. Der Reichsaußenminister werde am Mittwoch, dem 23. August zur Unterzeichnung des Vertrages nach Moskau fahren.

Moskau wollte Revanche für den Frieden von 1920

Stalin hatte die Wahl – und entschied sich für Hitler. Das auch deshalb, weil ihn die Westmächte in verhängnisvoller Fehleinschätzung der Situation hinhielten. Aber das ist nicht der einzige Grund.

Hitler gab Stalin ohne zu zögern, was ihm Frankreich und Großbritannien verweigerten: freie Hand für die Annexion des Baltikums und Revanche für den Frieden von Riga 1920, als die junge Sowjetunion ihre Ansprüche auf den Westen Weißrusslands und der Ukraine an Polen abtreten musste. Auch Hitler fuhr bis zu einem bestimmten Zeitpunkt mehrgleisig, ließ vor allem mit Großbritannien verhandeln. Aber spätestens im Mai 1939 hatte er sich entschieden: die Vernichtung Polens bekam absoluten Vorrang.

Dass Großbritannien und Frankreich Sicherheitsgarantien für Warschau abgaben, störte seine Pläne immens. Anders als noch Mitte der 30er Jahre brauchte er jetzt Stalin. Wenn er schon einen Krieg in Polen und gegen den westlichen Nachbarn würde führen müssen, konnte eine zweite Front im Osten, ein Eingreifen der Sowjetunion in den Krieg, tödlich sein. Die Initiative zum Hitler-Stalin-Pakt ging vom deutschen Diktator aus.

Von da an lief alles sehr schnell ab. Im Juli signalisierten Beamte des Reichsaußenministeriums den russischen Gesandten in Berlin, wenn Moskau im Falle eines deutschen Krieges gegen Polen neutral bleibe, könne die Sowjetunion mit bestimmten Zugeständnissen rechnen. Es war das entscheidende Argument, das Stalin auf die Seite Hitlers zog. Am 19. August sandte Stalin seinen Entwurf eines Abkommens nach Berlin. In einem Begleitbrief legte er fest, dass es den Nichtangriffsvertrag nur mit dem geheimen Zusatzprotokoll geben werde. Das sicherte der deutsche Botschafter in Moskau den sowjetischen Stellen am nächsten Tag zu. Am 21. August erhielt Stalin um 15 Uhr eine persönliche Botschaft von Hitler. Nach zwei Stunden antwortete der sowjetische Diktator nach Berlin. 25 Minuten später wurden die Verhandlungen mit Großbritannien und Frankreich beendet.

1941 war der Nichtangriffspakt Makulatur

Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 in den Morgenstunden mit dem Angriff deutscher Truppen auf Polen. Am 17. September 1939 überschritt die Sowjetarmee mit 600 000 Mann die polnische Grenze. Offiziell hieß es: zum Schutz der „Blutsbrüder“ vor den vorrückenden Deutschen. Ein paar Tage später aber marschierten sowjetische Soldaten Seite an Seite mit eben diesen Deutschen bei einer Parade durch Brest. 1940 wurden dann Estland, Lettland und Litauen – „auf deren Bitten“ – gezwungen, ihre Unabhängigkeit aufzugeben.

Der Hitler-Stalin-Pakt sei gerechtfertigt gewesen, heißt es in Moskau wieder, weil er der UdSSR „fast zwei Jahre zum Atemholen“ gegeben habe, um sich auf den deutschen Überfall vorzubereiten. Dem wird auch von russischen Historikern entgegen gehalten: Der Pakt sei strategisch ein Desaster gewesen, weil er den Beginn der Aggression gegen die Sowjetunion beschleunigt habe. Das sei nur deshalb schnell in Vergessenheit geraten, weil die UdSSR die Hauptlast des Kampfes gegen Hitler getragen hat und in welchem sie schließlich glücklicherweise obsiegte.

Stalin hatte 1939 darauf spekuliert, dass sich Hitler auf viele Jahre in einem Krieg im Westen verkämpfen würde. Tatsächlich war Paris innerhalb weniger Wochen eingenommen – auch angetrieben von den Rohstofflieferungen, die Moskau nach weiteren Verträgen für die deutsche Kriegsmaschine geliefert hatte. Wie ernüchternd die rasche Kapitulation Frankreichs für die Sowjetunion war, hat der Schriftsteller Ilja Ehrenburg 1942 in seinem Roman „Der Fall von Paris“ beschrieben. Die Enttäuschung über die französische Schwäche findet sich dort beinahe auf jeder Seite. Den Hitler-Stalin-Pakt und sowjetische Lieferungen für die deutsche Rüstungsindustrie erwähnt Ehrenburg mit keinem Wort.

Als Hitler 1941 dann gegen die Sowjetunion marschieren ließ, war der Nichtangriffspakt Makulatur. Er hatte das Land in eine Isolation gebracht, die auch noch lange nach dem Überfall der Wehrmacht nachwirken sollte. In den folgenden Jahren waren es nun die Westmächte, die darauf hofften, Hitler und Stalin mögen sich in einem langen Krieg gegenseitig schwächen. Erst als die Sowjetunion als Sieger faktisch feststand, eröffneten sie in der Normandie 1944 die zweite Front. Kurz danach sicherten auch sie in Jalta Stalin das zu, was er mit dem Hitler-Stalin-Pakt bekommen hatte: die Kontrolle über den Osten Europas.