30.000 Verdächtige im Fall Bergisch Gladbach : Sie gaben sich gegenseitig Tipps, um Kinder zu quälen

Ermittler stoßen in NRW auf eine neue Dimension von Kindesmissbrauch und Kinderpornografie. Was bislang zutage gefördert wurde, sei „zutiefst verstörend“.

Frank Bachner
Ein Haus in Alsdorf: wird von der Polizei durchsucht. Ein Verdächtiger wurde im Zusammenhang mit dem Missbrauchskomplex festgenommenen.
Ein Haus in Alsdorf: wird von der Polizei durchsucht. Ein Verdächtiger wurde im Zusammenhang mit dem Missbrauchskomplex...Foto: Dagmar Meyer-Roeger/dmp press/dpa

Der Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach nimmt inzwischen eine beispiellose Dimension an. Die Ermittler sind auf Spuren gestoßen, die zu potenziell mehr als 30000 Verdächtigen führen könnten. Diese Zahl nannte Nordrhein-Westfalens Justizminister Peter Biesenbach (CDU) am Montag bei einer Pressekonferenz in Düsseldorf. Es kann dabei allerdings Dopplungen geben: Nutzt ein Verdächtiger verschiedene Internetzugänge, könne er mehrfach auftauchen. Eine derart hohe Zahl hat es bei einem Komplex, der in Deutschland ermittelt wird, noch nicht gegeben.

Biesenbach zufolge geht es um den Verdacht des Kindesmissbrauchs sowie den Besitz und die Verbreitung Kinderpornografie. Die Ermittler seien auf einen „Sumpf“ gestoßen, sagte der Justizminister. Was bislang zutage gefördert worden sei, sei „zutiefst verstörend“.

Üblicherweise sind in solch gewaltige Missbrauchsfälle internationale pädokriminelle Netzwerke involviert, allerdings liegt diesmal der Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum. In Gruppenchats mit Tausenden Nutzern und in Messengerdiensten gingen die Täter nach Angaben von Biesenbach wie selbstverständlich mit ihren Missbrauchstaten um, heizten sich gegenseitig an und gaben sich Tipps, zum Beispiel, welche Beruhigungsmittel man Kindern am besten verabreiche, um sie sexuell zu misshandeln.

Justizminister Peter Biesenbach (rechts) auf der Presskonferenz in Düsseldorf.
Justizminister Peter Biesenbach (rechts) auf der Presskonferenz in Düsseldorf.Foto: Federico Gambarini/dpa

Nach Angaben des Ministers handele es sich um eine „neue Dimension des Tatgeschehens“, ihm sei „speiübel geworden“. Biesenbach sagte: „Wir müssen erkennen, dass Kindesmissbrauch im Netz weiter verbreitet ist, als wir bisher angenommen haben.“

Rolle des Internets eigentlich bekannt

Diese Einschätzung überrascht, denn Ermittler und auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, weisen seit Jahren auf die Rolle des Internets bei Kindesmissbrauch hin. Allerdings hatte die Politik diese Appelle und Erkenntnisse lange Zeit nicht berücksichtigt.

[Behalten Sie den Überblick: Jeden Morgen ab 6 Uhr berichten Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über Berlins wichtigste Nachrichten und größte Aufreger. Kostenlos und kompakt: checkpoint.tagesspiegel.de]

Eine Wende trat erst 2019 in Nordrhein-Westfalen ein, nachdem Missbrauchsfälle auf einem Camping-Platz bei Lüdge in der Nähe von Detmold bekannt geworden waren. Dort hatte vor allem ein Dauercamper mehr als 1000 Mal Kinder missbraucht. Das Land Nordrhein-Westfalen erhöhte daraufhin die Zahl der Ermittler erheblich. Der Haupttäter von Lüdge wurde im Juni 2019 zu 13 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Task-Force übernimmt Ermittlungen

An diesem Mittwoch soll in Nordrhein-Westfalen eine eigene „Task Force“ von Cyber-Ermittlern die Arbeit aufnehmen. Sechs Staatsanwälte würden sich dann unter großem Zeitdruck zuerst um die Fälle bemühen, bei denen davon auszugehen ist, dass der Missbrauch von Kindern fortgesetzt werde, hieß es.

In dem Komplex Bergisch Gladbach sind bisher bundesweit 72 Verdächtige identifiziert worden. Zehn waren zuletzt in U-Haft. Sieben Anklagen gegen acht Personen sind bereits erhoben worden. In der Spitze hatten 350 Ermittler an dem Komplex gearbeitet, zuletzt waren es im Juni nur noch 120 bis 140. Ermittelt wird in allen 16 Bundesländern. Die Verdächtigen sollen teilweise ihre eigenen Kinder missbraucht und Bilder dieser Taten getauscht haben.

Streit um Vorratsdatenspeicherung

Umstritten bei der Bekämpfung des Kindesmissbrauchs ist die Vorratsdatenspeicherung. Ermittler des Bundeskriminalamts hatten immer wieder erklärt, dass sie Fälle, auf die sie gestoßen waren oder die ihnen von ausländischen Polizeibehörden mitgeteilt wurden, nicht weiter verfolgen konnten, weil sie keinen Zugriff auf relevante Daten hätten.

Vor dem Hintergrund der jüngsten Missbrauchsfälle in Lüdge, Münster und Bergisch Gladbach haben die Innenminister der Länder und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) allerdings im Juni bei einer Innenministerkonferenz in Erfurt beschlossen, die Vorratsdatenspeicherung zu nutzen. (mit dpa)