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  • 01.10.2013

„Die Lehrerbildung ist besser als ihr Ruf“

Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Der Didaktikprofessor Stefan Kipf über Lehramtsstudium und Referendariat – und über die Pläne des Berliner Senats

Herr Kipf, was muss eine gute Lehrerin, ein guter Lehrer können?

Eine Menge! Zunächst sein Fach – damit fängt alles an. Mein alter Schulleiter hat immer gesagt: „Wer sein Fach nicht beherrscht, hat keine Zeit, auf dem pädagogischen Klavier zu spielen.“ Dann muss man die Didaktik seines Faches beherrschen. Man muss Kinder mögen. Man muss sich in Pädagogik und Psychologie auskennen. Man muss die Geschichte seines Berufs kennen, damit man nicht immer denkt, man sei der Erste, dem etwas Bestimmtes widerfährt. Man muss es als seine Berufung sehen, Lehrer zu sein, und nicht als einen Job. Sonst gehört man schnell zu den Burn-out-Gefährdeten.

Viele Leute denken, es sei vor allem eine Frage der Persönlichkeit, ob jemand für den Beruf geeignet ist. Stimmt das?

Ja, die Persönlichkeit spielt eine entscheidende Rolle. Das sehe ich ganz deutlich an meinem Fach Latein, das natürlich stark hinterfragt wird. An Schulen, an denen die Lateinlehrer sich nicht in Kinder hineinversetzen können, wird Latein abgewählt und stirbt schließlich. Hat man aber Lateinlehrer, die für ihr Fach begeistern und für ihre Schüler da sind, findet Latein begeisterte Anhänger. In den letzten Jahren ist bei aller Empirie die Person des Lehrers etwas aus dem Blick geraten – der menschliche Faktor scheint manchmal als störend empfunden zu werden. Ich selbst sehe die persönliche Entwicklung der Lehramtsstudierenden als wichtigen Teil des Studiums. Und immer wieder erlebe ich, wie Studierende dabei gewaltige Sprünge nach vorn machen.

Wie gut ist die deutsche Lehrerbildung darin, den angehenden Lehrern die nötigen Fähigkeiten nahezubringen?

Die deutsche Lehrerbildung gibt es ja nicht, denn sie ist durch den Föderalismus und durch die Phasen der Ausbildung stark fragmentiert. Insgesamt ist sie aber sicher besser als ihr Ruf. Allerdings sagen die Studierenden häufig, dass sie sich in der Fachdidaktik besser ausgebildet fühlen als in der Wissenschaft ihres Unterrichtsfachs. Hier ist im Bachelor- und Master-System ein neues Problem entstanden: Die Fachwissenschaft wurde schon ziemlich knapp bemessen. Das wirkt sich gerade in den Fremdsprachen ungünstig aus, wo es zum Beispiel auf die langfristige und intensive Entwicklung sprachlicher Kompetenzen ankommt.

Und wie steht es um den praktischen Teil der Ausbildung, das Referendariat?

Das Referendariat kommt mir in der öffentlichen Wahrnehmung viel zu schlecht weg: Hier denkt man zu sehr an Extremstress und anderes Negative mehr. Das dürfte aber mit der Wirklichkeit der meisten nichts zu tun haben. Das Referendariat ist stressig, weil man andere Aufgaben und Pflichten als im Studium hat und die Ausbilder in der Schule einen genau beobachten. Dennoch kann diese Zeit auch als kreative und gute Phase erlebt werden. Ich bin meinen Ausbildern immer noch dankbar, sie sind für mich zu Vorbildern geworden. Wer im Übrigen in Berlin studiert hat, muss bestimmt keinen Praxisschock erleiden.

In den 16 Ländern ist das Studium unterschiedlich gestaltet, die Abschlüsse auch. Ist das ein Gewinn oder ein Problem?

Es gibt ja einen gemeinsamen Rahmen, an den sich alle halten, und die Abschlüsse werden gegenseitig anerkannt. In Deutschland existieren nun einmal unterschiedliche Bildungstraditionen. Warum sollte man diese Eigenheiten zentralistisch nivellieren, warum sollten die Bayern etwas machen, nur weil die Menschen in Schleswig-Holstein das für sich wollen?

In Berlin gibt es jetzt eine große Reform der Lehrerbildung. Es bleibt aber bei der als problematisch geltenden Zweiteilung in Studium und Referendariat, also der Trennung von theoretischer und praktischer Ausbildung. Wird beides nun dennoch enger verzahnt werden?

Ich hoffe es. Bisher hängt es von persönlichen Kontakten ab, wie eng Wissenschaftler und Praktiker zusammenarbeiten. Mit dem neuen Praxissemester könnte man gegenseitige Vorurteile systematisch abbauen. Es gibt ja Wissenschaftler, die befürchten, die Studierenden würden in der Schulpraxis verbildet. Umgekehrt halten manche Schulpraktiker die Wissenschaftler für weltfremd. Tatsächlich streben Universität und Schule über unterschiedliche Wege das gleiche Ziel an. Man muss einander auf Augenhöhe begegnen.

Andere Bundesländer, auch Brandenburg, haben schon seit längerem ein Praxissemester. Was kann Berlin von ihnen lernen?

Die Universitäten dürfen die Studierenden während des Praxissemesters nicht an den Schulen alleinlassen, sie müssen sie sehr gut betreuen. Da ist Thüringen für uns ein besseres Vorbild als Baden-Württemberg. Generell soll im Praxissemester forschend gelernt werden, das wird wohl überall so gesehen. Eine neue Herausforderung ist die Internationalisierung. Die Humboldt-Universität bemüht sich um Partnerunis und -schulen im Ausland, an denen Studierende einen Teil des Praxissemesters verbringen können, in Schanghai oder in Helsinki.

Was haben die Berliner Lehrer in der Schule davon, wenn sie die Studierenden im Praxissemester betreuen?

Na ja, es gibt ja leider für die Mentoren weder Anerkennung durch ein Honorar oder durch bessere Karrierechancen noch durch eine Reduktion der Unterrichtsverpflichtung. Diejenigen Lehrer, die sich bereits um Praktikanten kümmern, tun das aus Verantwortung und weil es ihnen Spaß macht. Das Praxissemester wird aber nur ein Erfolg, wenn auch die Schule profitiert. Damit meine ich nicht, dass die Praktikanten nun als stille Vertretungsreserven willkommen sind. Es geht darum, dass das Lernforschungsprojekt des Praktikanten so eng mit der Schule abgestimmt ist, dass diese es auch als Bereicherung erlebt. Wenn ein Praktikant untersucht, wie der Wortschatzerwerb im Englischen in der siebten Klasse läuft, sollte das Ergebnis auch für die Lehrer von Interesse sein.

Die angehenden Studienräte für die Integrierte Sekundarschule (ISS) sollen in Berlin fortan genauso lange studieren wie angehende Gymnasiallehrer. Aber inzwischen hat die CDU durchgesetzt, dass es getrennte Masterstudiengänge für künftige Gymnasiallehrer und künftige ISS-Lehrer geben soll. Wie weit sollte die unterschiedliche Profilierung im Masterstudium gehen?

Sinnvoll ist es, die Profilierung im Praxissemester anzusiedeln, so wie wir es vorbereiten. Wer sich für die Arbeit an der ISS besonders interessiert, macht dann dort sein Praktikum. Für zwei getrennte Studiengänge haben wir jedoch nicht die Kapazität. Sie würden auch sonst wenig Sinn machen: Einerseits interessieren sich nach unseren Erfahrungen bisher viel zu wenige Studienbewerber für ein Lehramt an der ISS. Außerdem ist es die Aufgabe der Universitäten, allen angehenden Lehrkräften eine solide Basis zu verschaffen, die ihnen ermöglicht, sowohl mit schwierigen Schülern am Gymnasium umzugehen als auch leistungsstarke Schüler an der ISS zum Abitur zu führen. Die Spezialisierung muss im Referendariat und in der Fortbildung stattfinden.

Seit langem wird beklagt, dass die Fachwissenschaften sich nur am wissenschaftlichen Nachwuchs orientieren. Angehende Lehrer fühlen sich oft verprellt. Nun soll es zumindest spezielle Kurse für Grundschullehrer in Mathe und Deutsch geben. Schaffen die Unis das?

Diesen Teil der Reform halte ich für besonders sinnvoll. Für die Fachwissenschaften ist es aber eine große Herausforderung, auf die Bedürfnisse der Grundschullehrer einzugehen. Denkbar ist beispielsweise, dass in Deutsch ein besonderes Augenmerk auf die Hinführung zur Literatur oder die Sprachentwicklung gelegt wird. An der Humboldt-Universität geht die Entwicklung in Mathematik und den Naturwissenschaften überhaupt in diese Richtung. Unsere Physiker haben einen eigenen Studiengang für Lehramtsstudierende entwickelt, die Mathematiker machen einige spezielle Angebote.

Die Lehramtsstudierenden fühlten sich an den Unis nie wirklich geschätzt. Schon vor einigen Jahren haben die FU und die HU aber Lehrerbildungszentren als Anlaufstellen gegründet. Hat das geholfen?

Das hat dazu geführt, dass die Studierenden leichter Hilfe bei der Organisation des Studiums bekommen. Aber eine richtige Heimat für Lehramtsstudierende ist so ein Lehrerbildungszentrum per se nicht. Ein Lehramtsstudent, der Anglistik studiert, fühlt sich doch zuerst einmal am Anglistikinstitut zu Hause. Wir versuchen dennoch, die Studierenden auch im Rahmen einer solchen Institution zu erreichen. An unserer Professional School of Education werden in nächster Zeit die Kurse zu Deutsch als Zweitsprache angeboten, das bringt die Studierenden zu uns. Auch machen wir Zusatzangebote, die freiwillig belegt werden, wie Sprecherziehung oder Stressbewältigung für Lehrer, was sehr gut angenommen wird.

Die Professional School of Education der Humboldt-Universität war sogar Teil des erfolgreichen Antrags in der Exzellenzinitiative. Haben Sie dadurch zusätzliche Millionen für die Lehrerausbildung?

Das nicht. Aber dass wir Teil des Exzellenzantrags sind, ist durch Geld gar nicht aufzuwiegen. Ich bin seit 1992 in der Lehrerbildung tätig, ich hätte mir nicht träumen lassen, dass sie noch einmal so zentral für die Universität wird. Wir haben davon einen ungeheuren Schub an Wertschätzung erfahren, es herrscht Aufbruchstimmung in der Lehrerbildung. Plötzlich ist es für viele attraktiv, sich auf diesem Feld zu engagieren.

Die Fragen stellte Anja Kühne.

Stefan Kipf, Jahrgang 1964, ist Professor für Didaktik der Alten Sprachen und Direktor der Professional School of Education der Humboldt-Universität

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