• 26.07.2012

Grönland taut ab

Riss in der Gletscherzunge. Ein gewaltiger Eisbrocken hat sich in der vergangenen Woche vom Petermann-Gletscher gelöst. Foto: dpa

Grönland-Eis schmolz im Juli auf 97 Prozent der Fläche / Potsdamer Forscher: Extremereignis liegt im Trend

Das Eis Grönlands schmilzt in jedem Sommer an. Doch noch nie in den vergangenen drei Jahrzehnten war das Ausmaß so verheerend wie jetzt. Ursache waren offenbar ungewöhnliche Hitzewellen. Wie viel Eis verloren ging, ist noch unklar. Ebenso die Folgen. Fast die gesamte Oberfläche des grönländischen Eisschildes ist Mitte Juli zumindest angetaut. Wie die US-Weltraumagentur Nasa mitteilte, ist das Ausmaß größer als in den zurückliegenden 30 Jahren, in denen die Schmelze mit Satelliten beobachtet werde. Die Daten stammen von drei verschiedenen Satelliten. Sie wurden den Angaben zufolge von Fachleuten der Nasa und von Universitätsexperten ausgewertet.

Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) bewertete die Daten als sehr außergewöhnliches Extremereignis – in einer Reihe von Extremereignissen in den vergangenen Jahren. „Dass wir solche Extremereignisse unter globaler Erwärmung sehen, ist nicht verblüffend und sogar zu erwarten“ sagte der Professor für die Dynamik des Klimasystems am Mittwoch. „Im Moment können wir aber die Folgen noch nicht abschätzen. So wissen wir nicht, was so eine extreme Schmelzperiode bedeutet, außer dass in diesem Moment mehr Wasser verloren geht und der Wasserspiegel ansteigt“, sagte Levermann.

Erst kürzlich hatten die PIK-Forscher festgestellt, dass die Erderwärmung den Eismassen Grönlands wahrscheinlich stärker zusetzt als bislang angenommen. „Extremereignisse wie das derzeitig beobachtete sind hierbei noch gar nicht berücksichtigt“, erklärte Levermann. Möglicherweise würden Prozesse beschleunigt. In einem durchschnittlichen Sommer schmelze das Eis natürlicherweise etwa auf der halben Oberfläche Grönlands, heißt es bei der Nasa. In großer Höhe friere der größte Anteil des Wasser aber schnell wieder. Nahe der Küste wird einiges Wasser von Eisbarrieren zurückgehalten, etwas Wasser fließt in den Ozean. „Aber in diesem Jahr hat das Schmelzen an der Oberfläche einen dramatischen Sprung gemacht“, heißt es. Den Satellitendaten zufolge schmolz das Eis an einem nicht genau bestimmten Zeitpunkt um den 12. Juli herum auf etwa 97 Prozent der Fläche.

Son Nghiem vom Jet Propulsion Laboratory der Nasa im kalifornischen Pasadena hatte Radardaten des „Oceansat-2“-Satelliten der kooperierenden indischen Raumfahrtagentur ISRO ausgewertet. „Das war so außergewöhnlich, dass ich das Ergebnis zuerst infrage gestellt habe: War das real oder ein Datenfehler?“ Die Ergebnisse wurden mit Messgeräten an Bord weiterer Satelliten überprüft, dabei bestätigten sich die hohen Temperaturen über der Eisfläche.

Das extrem starke Schmelzen könnte seine Ursache in einer ungewöhnlich warmen Luftschicht haben, die Nasa spricht gar von einer Hitzeglocke. Seit Mai gab es mehrere davon, jede stärker als die vorherige. Die zuletzt beobachtete baute sich am 8. Juli auf, am 16. Juli begann sie sich aufzulösen. Ob die Schmelze einen Einfluss auf das Volumen des Eisverlustes Grönlands haben wird, haben die Wissenschaftler noch nicht ermittelt.

Laut PIK-Wissenschaftler Levermann ist zunächst auch unklar, ob das Schmelzwasser beispielsweise dazu führen kann, dass das Eis im Untergrund rutschiger wird. „Die Frage hierbei ist, ob so eine extreme Schmelzperiode Einfluss hat auf die Bewegung des Eisschildes und den Eisverlust auf Grönland“, so der Experte. „Dazu gibt es Theorien und Ideen – aber im Detail verstanden ist das nicht.“

In den vergangenen Wochen war es auf Grönland zu spektakulären Ereignissen gekommen. Satellitenaufnahmen zeigten einen riesigen Gletscherabbruch des gewaltigen Petermann-Gletschers im Norden der Insel, der einen Eisberg von 200 Quadratkilometern produzierte. Vorher waren an Grönlands Küste Rekordtemperaturen von bis zu 20 Grad gemessen worden, selbst auf dem Inlandeis wurden bis zu drei Grad Plus registriert.

Meteorologen gehen davon aus, dass eine ungewöhnliche Großwetterlage mit einem ortsfesten Hochdruckgebiet auf dem Atlantik Ursache für die Eisschmelze war. Das Hoch brachte mit südlichen Winden wochenlang sehr warme Luftmassen bis nach Nordkanada und Grönland. Auf der anderen Seite des Hochdruckgebiets konnte dagegen wiederholt kühle Luft nach Süden und Südosten strömen: Eine wochenlang andauernde wechselhafte und kühle Sommerphase in West- und Nordeuropa war die Folge.

Klimaforscher haben anhand von Eisbohrkernen herausgefunden, dass so eine extreme Eisschmelze etwa alle 150 Jahre vorkommt. Das letzte Mal gab es 1889 ein ähnlich starkes Abtauen des Grönlandeises. In jüngster Zeit beobachten Klimaforscher allerdings wiederholt stark positive Temperaturabweichungen über der Arktis und Grönland. Das aktuelle Extremereignis reiht sich also in einen Trend ein. tr/mvk/Kix

  • Erschienen am 26.07.2012 auf Seite 07

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