Unverständliche Hieroglyphen. Atommüll strahlt Tausende Jahre. Doch wie kann man unseren Nachfahren zu verstehen geben, dass in den gelben Fässer kein Schatz verborgen ist? Foto: picture alliance/ dpa
Forscher diskutieren, wie man Menschen in ferner Zukunft vor Gefahren radioaktiver Abfälle warnen soll
In zehn Jahren soll das letzte deutsche Kernkraftwerk vom Netz gehen, einige Jahrzehnte später werden alle Meiler abgerissen sein. Oberflächlich ist das Kapitel Kernenergie dann abgeschlossen. In der Tiefe aber gärt es weiter. Hochradioaktiver Abfall muss für mindestens 100 000 Jahre sicher verwahrt werden. Selbst Naturgewalten wie Erdbeben oder Vereisungen dürfen den Atommüll unseren Nachkommen nicht zu nahe bringen. Doch das ist nur eine Gefahr für die Unversehrtheit der strahlenden Lager. Eine andere könnte Homo sapiens selbst sein.
Das muss keine böse Absicht sein. Aus Neugier oder Rohstoffhunger könnte der Mensch auch zufällig irgendwann in der Zukunft zu dem radioaktiven Abfall gelangen – wenn er nicht gewarnt wird. Aber wie soll das funktionieren? Wie können Informationen über Jahrtausende erhalten und verstehbar bleiben? Die Frage beschäftigt Forscher seit Jahrzehnten, zurzeit erlebt das Thema eine Renaissance.
Auf einer Fachtagung in Dublin stellten nun Wissenschaftler aus Schweden und Frankreich zwei solcher Projekte vor. Das Besondere daran ist, dass Geisteswissenschaftler wie Linguisten und Archäologen mehr als bisher ihre Erfahrungen einbringen sollen. Konkrete Empfehlungen für die Zukunft hatten auch sie nicht parat. Stattdessen machten sie das Problem noch größer als es ohnehin erscheint. „Bisher ging man davon aus, dass die Menschen in Zukunft genauso denken wie wir“, sagt Cornelius Holtorf, Archäologe von der Universität Kalmar in Schweden. Er und sein Kollege Anders Högberg bezweifeln das. „Auch wir wissen über die Menschen vor 100 000 Jahren sehr wenig – was sie dachten, was ihr Wesen ausmacht“, sagt Högberg. „Ebenso wenig können wir es von den Generationen nach uns wissen.“
Umso wichtiger sei es, die Erinnerung an die tiefen Lager so lange wie möglich lebendig zu halten. Patrick Charton von der französischen Agentur für radioaktiven Abfall (Andra) hatte dafür einen speziellen Datenträger mitgebracht, der Informationen zumindest physisch lange erhalten soll: Eine rund 25 Zentimeter große, runde Scheibe aus künstlich hergestelltem Saphir. In dieses Material wurden Platinpartikel „eingeschossen“. So kann es nach dem Prinzip eines Mikrofilms bis zu 4000 Druckseiten Informationen konservieren, etwa über die Lage und Art des eingelagerten Materials. 25 000 Euro koste der Prototyp, der angeblich zwei Millionen Jahre halten soll. Bei fachgerechter Lagerung. „Aber wo diese Scheiben aufbewahrt werden sollen, um in Jahrtausenden noch zugänglich zu sein, weiß ich nicht“, gibt er zu. Ganz zu schweigen davon, ob unsere Nachfahren die heutige Sprache in Worten, Grafiken und Formeln verstehen.
Vor dem gleichen Problem stehen Experten, die an der Oberfläche warnen wollen, dass „da unten“ etwas ist. Viele Vorschläge wurden bereits gemacht, berichtet Erik Setzman von der schwedischen Agentur für die Behandlung radioaktiven Abfalls (SKB). „In den USA hat man lange dafür plädiert, große Steinsäulen zu errichten aus einem Material, das in der Gegend des Endlagers nicht vorkommt.“ So sollten künftige Bewohner auf den Gedanken gebracht werden, dass die Monumente nicht natürlichen Ursprungs sind. „Davon kommt man langsam weg, weil zum Beispiel ein massiver Granit in der Wüste von Nevada ein gutes Baumaterial wäre und in Zukunft sicher genutzt wird.“ Möglichst wertloses und dennoch haltbares Material sollte es also sein, sagt Setzman. „Denkbar wäre, große künstliche Wälle anzulegen.“
Die andere Option wäre, Endlager bewusst dem Vergessen anheim zu stellen, in der Hoffnung, dass niemand in der Tiefe herumwühlt. Immerhin scheinen potenzielle Endlagergesteine wie Granit oder Ton derzeit uninteressant. „Das kann sich ändern“, warnt Klaus-Jürgen Röhlig von der TU Clausthal. „Vor wenigen Jahrzehnten hat keiner auf Metalle der Seltenen Erden geachtet, heute werden sie gesucht.“ Nicht auszuschließen, dass künftige Generationen in den angeblich langweiligen Schichten Industrierohstoffe vermuten – und dabei auf die tiefen Lager stoßen. Aus seiner Sicht kann das Risiko eines solchen Zufallstreffers nur verringert werden, indem die Endlager mindestens einige hundert Meter tief angelegt werden. Für den Fall, dass alle Hinweise an der Oberfläche verschwunden oder nicht verstanden worden sind.
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