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  • 04.10.2010
  • von Matthias Zimmermann

„Danach ich fahr nach Hause“

von Matthias Zimmermann

Was das Kiezdeutsch mit der Kognitionswissenschaft verbindet

Der forschende Blick auf das geschmähte Kiezdeutsch, das in vielen Berliner Bezirken und anderen deutschen Großstädten längst den Ton angibt, führt tief hinein in die Kognitionswissenschaft. Heike Wiese, Professorin für deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam, leitet hierzu ein Projekt. Wer wie sie „die Sprache als das betrachtet, was den Menschen zum Menschen macht, kann bei einer Disziplinen übergreifenden Zusammenarbeit nur gewinnen“. Psychologie, Soziologie, Kultur- und Erziehungswissenschaften, sie alle können etwas beitragen zu einer Frage, die sich nicht an Fachrichtungen, sondern an der Wirklichkeit der Jugendsprachen orientiert. Gemeinsam untersuchen die Wissenschaftler, wie Jugendliche die deutsche Sprache kreativ nutzen und dabei einen neuen Dialekt schaffen – durch neue Wortschöpfungen, aber auch neue grammatische Regeln. Oft wird die Grammatik verändert, um die „Informationsstruktur“ besser zu berücksichtigen. Gemeint ist die Art und Weise, wie man beim Sprechen Informationen verpackt, um sicherzustellen, dass man einander versteht. Was dabei herauskommt, ist keineswegs „gebrochenes Deutsch“, so Wiese, „sondern eine Bereicherung des deutschen Dialektspektrums“ und ausgesprochen schöpferisch.

Bei bisherigen Untersuchungen hat sich vor allem die Zusammenarbeit mit Soziologen als fruchtbar erwiesen. Aber auch Sprachhistoriker und -typologen konnten durch den Blick auf frühere Formen des Deutschen sowie den Vergleich mit anderen Sprachen zeigen, dass Kiezdeutsch eben nicht der Verfall, sondern eine durchaus produktive Variante des Deutschen ist und manche grammatischen Formen nutzt, die es zum Beispiel im Althochdeutschen schon einmal gab.

In einem weiteren Schritt sollen jetzt mit Unterstützung von Psychologen und Neurowissenschaftlern die Gehirnströme bei der Verarbeitung bestimmter Sätze gemessen werden. Wie reagiert unser Gehirn auf unterschiedliche neue Satzstrukturen? Finden wir vielleicht auch bei Menschen, die nicht Kiezdeutsch sprechen, Hinweise darauf, dass Strukturen aus dem Kiezdeutsch besser ins System der deutschen Grammatik passen als andere? Und zeigt unser Gehirn, dass wir Sätze wie „Danach ich fahr nach Hause“ sehr wohl von unsystematisch „falschem Deutsch“ unterscheiden, auch wenn wir sie selbst nicht verwenden würden? Weitere Forschungen werden es zeigen. Matthias Zimmermann

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