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  • 12.06.2018
  • von Amory Burchard

Bibliothekartag in Berlin: Digitalisierung ohne Steckdosen

von Amory Burchard

Neuland. Ein Potsdamer Bibliotheksmitarbeiter erklärt die Fernsteuerung eines Miniroboters mittels Tablet. Foto: Andreas Klaer

Bibliothek 4.0? Vieles im Angebot der Bücherhallen klingt schon danach. Doch beim Bibliothekartag in Berlin wird über fehlende Steckdosen und W-Lan-Verbindungen geklagt.

Berliner Bezirksbibliotheken richten die ersten Makerspaces ein, Werkstätten, in denen Nutzer sich im Coding oder im Storytelling ausprobieren können. In der Kölner Stadtbibliothek bringt ein humanoider Roboter Kindern das Programmieren bei. An der Hochschulbibliothek in Wildau verrät Roboter Pepper, wo die Bücher stehen – und kommt gleich mit zum Regal. An solchen Szenarien erfreuen sich die 4000 Bibliothekarinnen und Bibliothekare, die sich bis zum Freitag bei ihrer Jahrestagung im Berliner Estrel Congress Center austauschen.

Doch die Gebäude, in denen sie arbeiten, seien kaum für den technologischen Wandel zur „Bibliothek 4.0“ geeignet, sagt Konstanze Söllner, Vorsitzende des Vereins Deutscher Bibliothekare. In den vielfach aus den 60er und 70er Jahren stammenden Gebäuden fehle es schlicht an Steckdosen und ausreichenden W-Lan-Verbindungen.

Ansturm von Schülern und Studierenden: Bibliotheken sind überfüllt

„Offen und vernetzt“? Damit das Motto des 107. Deutschen Bibliothekartages nicht nur für einige Leuchtturmprojekte, sondern für alle 7530 öffentlichen und 244 wissenschaftlichen Bibliotheken gilt, bräuchten sie einen eigenen Digitalpakt, sagte Söllner. Bei dem Fünf-Milliarden-Euro-Programm für die Schulen, auf das sich die große Koalition für diese Legislaturperiode geeinigt hat, seien die Bibliotheken vergessen worden. Dabei entwickelten sie sich zunehmend zu alternativen Lernräumen. Mit den doppelten Abiturjahrgängen sei die Zahl der jungen Nutzer stark gestiegen – und hoch geblieben. „Schüler und Studierende stürmen unsere Gebäude“, sagt Söllner, die die Unibibliothek Erlangen-Nürnberg leitet. Studierende würden wegen Überfüllung an der Uni auf Stadtbibliotheken ausweichen.

Was es kosten würde, den Sanierungs- und Digitalisierungsstau sowie die Platznot der deutschen Bibliothekslandschaft zu lösen, haben die Fachverbände nicht berechnet. Aber „eine Bibliotheks-Milliarde“ sollte man schon fordern, meint Söllner. Mehr öffentliche Zuwendungen brauchen die Bibliotheken auch, um als Arbeitgeberinnen wettbewerbsfähig zu werden. Denn egal, ob jemand mit einem Bachelor in Bibliotheks- und Informationswissenschaft, in Medienpädagogik oder in Informatik eingestellt wird – über die klassische Entgeltgruppe E 9 im Tarifvertrag der Länder (TvL) kommt kaum jemand hinaus.

85 Prozent der Mitarbeitenden sind Frauen

2700 Euro brutto für Berufseinsteiger: Da könnten Bibliotheken nicht mehr einfach nur ihre Stellen ausschreiben, sondern müssten etwa auch mit Imagefilmen um potenzielle Mitarbeitende werben, sagt Dirk Wissen, Direktor der Stadtbibliotheken Reinickendorf. In diesem Sommer verhandeln zudem die Tarifparteien. Die Ungleichheit, die die unflexible Eingruppierung von Bibliotheksangestellten (in den Öffentlichen zu 85 Prozent Frauen) bedeute, müsse beseitigt werden, sagt Konstanze Söllner.

Auch für die wissenschaftlichen Bibliotheken ist die Digitalisierung nach wie vor eine große Herausforderung, wie Andreas Degkwitz, Direktor der Universitätsbibliothek der Humboldt-Uni, erläuterte. Überall werden selbstverständlich E-Journals angeboten; die Häuser unterstützen Forschende und Lehrende aber auch beim Open Access, dem freien Zugang zu wissenschaftlichen Informationen. Über das Management von Forschungsdaten, die in Bibliotheken gespeichert und publiziert werden, „treten wir selber in den Wissenschaftsprozess ein“, sagt Degkwitz.

Auch Bibliotheken suchen Quereinsteiger

Gleichzeitig bemühe man sich um die Digitalisierung des kulturellen Erbes, indem alte Bestände eingescannt und weltweit online zugänglich gemacht werden. Doch gerade für den Spagat zwischen den traditionellen bibliothekarischen Aufgaben und den neuen Services fehlt es Degkwitz zufolge häufig an Geld und Personal beziehungsweise an den nötigen Weiterbildungsangeboten. „Wir haben noch keine Lösung gefunden, wie wir neue Services in Routine überführen.“

So setzen die Bibliotheken – auch die öffentlichen – zunehmend auf Quereinsteiger, vor allem auf solche aus der Informatik. Doch die kommen nicht, wenn anderswo weitaus bessere Gehälter und Aufstiegschancen locken.

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