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  • 09.03.2018
  • von Thomas Grundmann

Debatte um die Philosophie an deutschen Unis: Die Philosophie lebt - und sucht diszipliniert nach der Wahrheit

von Thomas Grundmann

Einspruch. In der „Zeit“ hat Wolfram Eilenberger der deutschen Philosophie vorgeworfen, sie erlebe derzeit ihren „geschichtlich schwächsten Moment“. Doch das geht von einem völlig falschen Bild des Faches aus, erwidert unser Gastautor. Foto: promo/Uni Köln

Liegt die akademische Philosophie hierzulande in Agonie? Unser Gastautor weist die Kritik als "bizarr" zurück. Heute arbeiteten Philosophen aktueller denn je.

Der kritische Blick von außen auf eine Disziplin kann augenöffnend sein. Denn keine Zunft ist ganz frei von Betriebsblindheit. So haben philosophische Grenzgänger wie Friedrich Nietzsche oder Ludwig Wittgenstein, die selbst nicht fest in der akademischen Philosophie verankert waren, eine befreiende Wirkung auf den Philosophiebetrieb gehabt. Andererseits droht stets die Gefahr, dass der Kritiker dem Fach einen Spiegel vorhält, der ein verzerrtes Bild entstehen lässt, das am Ende mehr über den Kritiker selbst verrät als über den Gegenstand seiner Kritik.

In der „Zeit“ hat der Publizist und Autor philosophischer Bestseller Wolfram Eilenberger, Mitorganisator der phil.cologne, bis vor Kurzem Chefredakteur des „Philosophie Magazins“ und bekennender Fußballfan, nun der deutschsprachigen Philosophie den Spiegel vorgehalten. Und was man darin erblickt, ist alles andere als schön: Die letzten Denker von Rang und Bedeutung seien längst hochbetagt (man wundert sich, dass auf der Liste Ernst Tugendhat oder die kürzlich verstorbenen Karl-Otto Apel und Günther Patzig keinen Platz finden, wohl aber Peter Sloterdijk; vielleicht liegt es daran, dass Eilenberger generell unmusikalisch für Analytische Philosophie ist).

Keine Antworten auf die wirklich großen Fragen der Zeit?

Die deutschsprachigen Philosophen vermögen es nicht mehr, echte Akzente zu setzen oder gar echte Aufbrüche im Denken anzuzetteln. Niemand habe mehr Interesse an ihren hyperspezialisierten Texten – am Ende nicht einmal sie selbst; und die akademische Philosophie liefere keine Antworten auf die wirklich großen Fragen der Zeit, sondern verheddere sich stattdessen in fortdauernder Selbstbespiegelung. Die deutschsprachige Philosophie sei in einem desolaten Zustand der Totalstagnation und „erlebt derzeit ihren geschichtlich schwächsten Moment“.

Wohlgemerkt, es geht hier allein um die akademische Philosophie, so wie sie sich an deutschen Universitäten abspielt. Eilenberger lässt seinem dramatischen Befund gleich eine passende Diagnose folgen: Die deutschsprachige Philosophie kranke vor allem an ihrer Verwissenschaftlichung und Überspezialisierung, daran, dass die Philosophen nicht mehr den Mut dazu hätten, ganze Bücher zu schreiben, sondern sich dem Konformitäts- und Normierungsdruck der gerankten Fachzeitschriften beugten, und daran, dass sie sich der Eigenlogik ausgelaugter Forschungsprogramme auslieferten, anstatt lebendig, frei und mit dem Mut zum Neuen zu philosophieren. Natürlich weiß Eilenberger ganz genau, dass er die Lage der deutschsprachigen Philosophie damit überzeichnet und überdramatisiert. Aber er will seine Wahrheit nun endlich lauthals verkünden, um das Fach aus seiner Lethargie wachzurütteln.

Nationale Kategorien verstellen den Blick

Als Mann oder Frau vom Fach reibt man sich verblüfft die Augen. Von einer allgemeinen Hoffnungslosigkeit oder gar stillen Verzweiflung in der universitären Philosophie ist hierzulande nirgendwo etwas zu spüren. Überhaupt stolpert man über den Begriff der „deutschsprachigen“ Philosophie. Es gibt eine deutschsprachige Literatur und Poesie. Aber eine deutschsprachige Philosophie gibt es genauso wenig wie eine deutschsprachige Mathematik oder Physik. Philosophie ist eine weltumspannende und sprachübergreifende Angelegenheit. Nationale oder nationalsprachliche Kategorien verstellen nur den Blick darauf.

Doch natürlich gibt es deutsche Philosophen. Die aber schreiben längst nicht mehr nur auf Deutsch und publizieren regelmäßig bei den besten internationalen Verlagen oder in den besten internationalen Fachzeitschriften. Sie haben Lehrstühle in Oxford, Cambridge, London, Toronto oder Berkeley genauso wie in Berlin oder Siegen. Und es gibt Philosophen, die aus aller Welt nach Deutschland kommen, weil die Forschungsbedingungen hier besser sind als in ihrer Heimat.

Jüngere Philosophen, deren Strahlkraft sich gerade erst entfaltet

Was meint Eilenberger also, wenn er von der Misere der deutschsprachigen Philosophie spricht? Vermutlich will er sagen, dass deutsche Philosophen nicht mehr denselben Einfluss in der Philosophie haben, den sie einmal zu Zeiten von Benjamin, Heidegger oder Cassirer hatten und den nur noch wenige hochbetagte Granden wie Habermas oder Henrich immer noch haben. Nun ist es wahr, dass der Einfluss der Deutschen auf die Weltphilosophie gegenüber den frühen Tagen des zwanzigsten Jahrhunderts gesunken ist. Vor allem, weil viele einflussreiche deutsche Philosophen vor der Naziherrschaft über den Atlantik geflohen sind. Und es hat lange gedauert, bis sich die Philosophie in Deutschland nach langer Nachkriegsagonie davon wieder erholt hat.

Doch gerade jetzt blüht sie hierzulande wieder wie lange nicht. Eilenberger hat auf seiner Liste der wichtigen deutschen Philosophen nicht nur die etwas jüngeren unter den älteren vergessen (wie Wolfgang Künne, Ansgar Beckermann, Dieter Birnbacher, Rüdiger Bittner, Wolfgang Spohn), die alle eine wichtige internationale Rolle spielen. Er hat auch die noch jüngeren vergessen, deren Philosophie ihre Strahlkraft gerade erst richtig entfaltet (wie Benjamin Schnieder und Barbara Vetter in der Metaphysik, Hannes Leitgeb und Stephan Hartmann in der formalen Philosophie, Martine Nida-Rümelin und Thomas Metzinger in der Philosophie des Geistes oder Christof Rapp in der Antiken Philosophie).

Philosophen als Originalgenies? Genau darum sollte es nicht gehen

Ob aus einem von ihnen einmal ein Denker von bleibender Bedeutung werden wird, lässt sich noch nicht sagen. Dazu braucht man zeitlichen Abstand. Paradoxerweise verkleinert Nähe oft. Auch der Vater der Analytischen Philosophie, Gottlob Frege, war in Deutschland zu Lebzeiten ein fast Unbekannter. Seine Bedeutung musste erst durch Russell und Wittgenstein entdeckt werden, bevor die Deutschen im Nachkriegsdeutschland auf ihn aufmerksam wurden. Wie dem auch sei, von Müdigkeit oder Trostlosigkeit ist die Arbeit deutscher Philosophen weit entfernt.

Wie kommt Eilenberger zu seinem verblüffenden Befund? Eine Vermutung ist, dass er ein bestimmtes Bild von Philosophie im Kopf hat. Danach erlebt die Philosophie nur dann eine Blütezeit, wenn Philosophen Originalgenies sind, wenn sie eine charismatische Strahlkraft weit über die Grenzen ihres Faches entfalten und wenn sie die hergebrachten Denkmuster anarchisch durchbrechen oder schlicht Neues denken. Eigentlich aber sollte es Philosophie nicht um Originalität, Wirkung und Denkanregungen als Selbstzweck gehen. Denn der Philosoph ist kein Künstler oder Anarchist. Er sucht behutsam, sorgfältig und diszipliniert nach der Wahrheit. Wahrheit ist aber nicht immer spektakulär, sie ist manchmal auch langweilig und unaufregend. Der Philosoph sollte dabei niemals nur Einsichten wie Offenbarungen verkünden, sondern argumentativ mit Gründen verteidigen. Dann ist Philosophie aber ihrem Wesen nach wissenschaftlich. Das ist beileibe kein neuer Gedanke, sondern so haben es fast alle großen Philosophen seit Aristoteles gesehen. Aber es ist ein Gedanke, der nicht ohne Konsequenzen ist.

Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Vernünftigkeit von Liebe

Sobald man die Philosophie nämlich als Wissenschaft versteht, kann man erkennen, dass die gegenwärtige Philosophie in Deutschland sich keineswegs im Zustand fortgesetzter Agonie befindet, sondern quicklebendig ist. Teams von Philosophen arbeiten zumindest an den Zentren der Philosophie in Deutschland beharrlich an wichtigen Sachfragen und versuchen Stück für Stück Probleme zu lösen. Keine der großen und gesellschaftspolitisch wichtigen Zeitfragen wird dabei ausgeklammert, nur wird die Arbeit daran eben nicht spektakulär inszeniert. Und die Philosophen gehen dabei auch Fragen an, die neu sind oder lange nicht als theoriefähig galten. So fragt die politische Erkenntnistheorie danach, ob und unter welchen Bedingungen demokratische Verfahren zu richtigen Entscheidungen und wahren Ergebnissen führen. In der sich neu formierenden analytischen Existenzphilosophie geht man Fragen nach dem eigenen Tod, dem Sinn des Lebens und der Vernünftigkeit von Liebe mit rationalen Methoden nach.

Damit wird aber auch klar, dass Eilenberger neben einem falschen Befund auch gleich noch die falsche Diagnose dazu liefert. Philosophie als Wissenschaft lebt von der Spezialisierung, denn nur Spezialisten können über die schwierigen Fragen im Detail kompetent urteilen. Philosophie als Wissenschaft lebt auch von anonym begutachteten Fachzeitschriften. Nur sie filtern aus einer unüberschaubaren Flut von Publikationen die qualitativ hochwertigen heraus. 2005 gab es etwa 12 000 philosophische Publikationen. Wer sollte da ohne solche Filter den Überblick behalten? Nur so können Debatten fokussiert ablaufen.

Der rationalen Annäherung an die Wahrheit verpflichtet

Die Angst, dass ältere Professoren als „gate keeper“ im Begutachtungsprozess abweichlerische Ideen aussondern, ist in Anbetracht der Tatsache, dass umstürzende Ideen (wie die von Gettier, dass die klassische Wissenskonzeption falsch ist) regelmäßig in solchen Journalen veröffentlicht wurden und nach wie vor werden, haltlos. Das gilt übrigens auch für den Konformitätsdruck, den Forschungsprogramme angeblich erzeugen. Solche Programme erlauben es überhaupt erst, ungeschliffene philosophische Ideen sorgsam zu entfalten. Nur durch diesen Normalbetrieb entsteht so etwas wie wissenschaftlicher Fortschritt, auch in der Philosophie.

Der Blick auf andere Wissenschaften, wie die Physik, hilft zu sehen, wie bizarr Eilenbergers Diagnose ist. Man müsste dann auch den deutschen Physikern vorwerfen, dass seit der Zeit der Giganten des Faches im frühen 20. Jahrhundert, also seit Einstein und Heisenberg, in der Physik nicht mehr viel passiert ist, sondern nur noch relativistische oder quantenphysikalische Forschungsprogramme stupide verfolgt wurden. Doch wer wollte den Physikern so etwas ankreiden?

Was Eilenberger deutschen Philosophen unterm Strich vorwirft, ist, dass sie akademisch und wissenschaftlich arbeiten, wie übrigens ihre englischen und US-amerikanischen Kollegen auch, mit denen er sich aber doch lieber nicht anlegen möchte und die er deshalb geflissentlich in seiner Kritik ausspart. Wer sich jedoch den philosophischen Idealen einer behutsamen und rationalen Annäherung an die Wahrheit verpflichtet fühlt, der sollte sich nicht zu sehr beeindrucken lassen, wenn ihm mangelnde Originalität, fehlende Ausstrahlung und zu wenig Querdenken attestiert werden.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Uni Köln und Präsident der Gesellschaft für Analytische Philosophie.

Eine Tagesspiegel-Umfrage zu den neuen "Schulen" der Philosophie finden Sie hier.

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