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  • 07.03.2018
  • von Sascha Karberg

Früherkennung: Ein PSA-Test allein ist zur Diagnose von Prostatakrebs nicht von Vorteil

von Sascha Karberg

Die von Nervenbahnen durchzogene Prostata liegt unter der Harnblase. Wenn die Drüse von Krebs befallen ist und anschwillt, erhöht sich der Gehalt an PSA-Protein im Blut. Foto: imago/Science Photo Library

Das Messen eines Tumormarkers im Blut hilft zwar, frühe Krebsstadien zu entdecken, ändert aber nichts am Therapieerfolg.

Je früher Ärzte von einer Krebserkrankung erfahren, umso besser können sie den betreffenden Patienten helfen und womöglich vor einem vorzeitigen Tod bewahren. Das gilt schon fast als Binsenweisheit und ist Grundlage diverser Früherkennungsprogramme und Tests. Nur leider stimmt das scheinbar so Offensichtliche nicht immer – etwa im Fall der Früherkennung von Prostatakrebs, wie jetzt Forscher der Universität Bristol im medizinischen Fachblatt „Jama“ berichten. Sie hatten in einer der größten randomisierten Studien zur Prostatakrebsfrüherkennung hunderttausende Männer, die sich in über 500 britischen Arztpraxen einer Prostatakrebsfrüherkennung unterzogen hatten, über zehn Jahre nachbeobachtet.

Ein Test, über dessen Sinn schon lange gestritten wird

Auch in Deutschland wird älteren Männern in Arztpraxen oft ein Früherkennungstest angeboten, der PSA-Test. Dabei wird die Konzentration eines Proteins, des prostataspezifischen Antigens PSA, im Blut gemessen. Ein Wert unter drei Nanogramm pro Milliliter Blut gilt als unbedenklich. Allerdings muss eine erhöhte Konzentration nicht unbedingt Krebs bedeuten. Zwar legen das einige Studien nahe. Manchmal sind aber auch nur Prostata oder Harnwege gerade entzündet. Deshalb folgt auf einen oder mehrere auffällige PSA-Tests meist eine Biopsie, eine Entnahme von Gewebe aus der Prostata. Dabei wird unter Betäubung mit einer Nadel mehrfach durch die Darmwand des Enddarms in die Prostata gestochen. Selbst wenn diese unangenehme, mit Nebenwirkungen wie Fieber und Schmerzen verbundene Untersuchung eine Geschwulst in der Prostata feststellt, handelt es sich oft nur um langsam wachsenden Krebs, der nicht zwingend entfernt oder behandelt werden muss, weil er in der Regel bis ins hohe Alter keine Probleme verursacht. Inwiefern nützt der Test dann überhaupt? Provoziert er bei den Patienten unnötige Sorgen und Schmerzen durch die Biopsie oder gar überflüssige Operationen und Therapien? Nicht zuletzt aufgrund dieser ungeklärten Fragen übernehmen die Krankenkassen die Kosten für den Test von 15 bis 50 Euro derzeit nicht.

Die Forschergruppe um den Epidemiologen Richard Martin von der Uni Bristol ging diesen Fragen zwischen 2001 und 2016 in einer Studie an 189 386 Männern zwischen 50 und 59 in Großbritannien nach, bei denen der PSA per einmaligem Bluttest gemessen wurde. In der Folge wurden bei ihnen zwar häufiger Prostatakrebsformen (8054 Mal, 4,3 Prozent) entdeckt als bei den 219 439, die keinen PSA-Test hatten (7853, 3,6 Prozent, mit Krebsdiagnose). Nach 10 Jahren starben aber in der Gruppe der getesteten Männer statistisch ebenso viele (0,29 Prozent) an Prostatakrebs wie in der Gruppe derjenigen, die ungetestet durchs Leben gingen.

"Mehr Schaden als Nutzen"

Die Frage sei, ob dieses Ergebnis „das Pendel weiter in die Richtung ausschlagen lassen sollte, keine PSA-Tests mehr anzubieten“, schreibt der nicht an der Studie beteiligte Arzt Michael Barry vom Bostoner Massachusetts General Hospital in einem Kommentar für „Jama“. In der Tat sei ein einzelner PSA-Test bei Männern zwischen 50 und 59 „unwirksam“ und verursache „mehr Schaden als Nutzen“. Zwar sei es nicht auszuschließen, dass sich der Vorteil eines Tests erst später, 15 oder 20 Jahre nach einer PSA-Messung, in Form von weniger Todesfällen erkennen lässt, wie Martins Team betont. Doch das hält Barry aufgrund der Studiendaten für unwahrscheinlich.

Für gänzlich sinnlos hält Barry PSA-Tests aber dennoch nicht. Eine genaue Analyse der „European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer“ habe ergeben, dass eine kontinuierliche, etwa zwei- bis vierjährige Überprüfung der PSA-Konzentration im Blut bei Männern mit auffälligen Werten offenbar hilfreich sein kann: Unter 1000 so vom Arzt beobachteten Patienten gab es nach neun Jahren 0,71 Todesfälle pro 1000 Untersuchten weniger als in der Gruppe der Männer, die keine PSA-Tests bekommen hatten. Nach 13 Jahren waren es 1,28 Todesfälle pro 1000 Untersuchten weniger.

"Im praktischen Sinne verursacht Screening Krebs"

Aber ist das wirklich ein Argument für ein breites Screening möglichst aller Männer mit PSA-Tests? „Im biologischen Sinne verursacht Screening natürlich keinen Prostatakrebs, aber im praktischen Sinne schon“, sagt Barry. Denn damit ein Mann vor einem frühzeitigen Tod durch Prostatakrebs bewahrt werden kann, müssen 27 Männer mit der Diagnose und den Folgen leben, denen diese „Erkenntnis“ keinen Vorteil bringt, sondern eher Nachteile durch die Biopsie und unnötige Ängste. Die Entscheidung für oder gegen PSA-Tests sollten daher die Männer selbst treffen. Einer Umfrage zufolge entschließt sich ein Drittel auch nach der Information über Vor- und Nachteile noch für den Test.

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