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  • 07.03.2018
  • von Richard Friebe

Haut und Kunst: Der Körper erneuert Tattoos ständig

von Richard Friebe

Lebendig bunt. Neue Forschung zeigt, dass Tattoo-Künstler nicht allein arbeiten. Immunzellen helfen aktiv, die Tätowierung lebenslang zu erhalten. Foto: Getty Images/iStockphoto

Wer Bilder auf der Haut hat, schreibt sie ständig ab.

Die Haut ist eines der Organe, die sich ständig erneuern. Nachdem das nachgewiesen war, fragten sich Dermatologen, warum Tattoos nicht ziemlich schnell verschwinden. Logischerweise nahm man bald an, dass die Tinte sich in speziellen Zellen, die nicht ständig absterben und sich abschälen, dauerhaft untergebracht wird. Nun stellt sich durch die Arbeit zweier französischer Forscher heraus, dass diese Annahme komplett falsch ist.

Pigment in Immunzellen

Lange gingen Forscher davon aus, dass die Tinte in Bindegewebszellen (Fibroblasten) in einer tieferen Hautschicht gespeichert würde. Bei genauerem Hinsehen aber zeigte sich, dass es Immunzellen sind, die den Fremdstoff – die Farbpigmente – aufnehmen. Wenn die Haut beim Tätowiervorgang verletzt wird, werden solche Zellen praktischerweise massenhaft zum Ort des Geschehens beordert. Dort sollen sie Infektionen bekämpfen und eindringende Stoffe unschädlich machen. Sie nehmen, so die bisherige Theorie, das Tintenpigment auf und bleiben für den Rest des Lebens vor Ort, schön blau, oder schwarz oder bunt. Richtig ist das aber, so stellt sich nun heraus, nur zum Teil: Was bleibt, ist nur die Tinte, nicht die Zellen. Denn auch in der Haut ist das Leben stets ein dynamischer Prozess. Zellen wachsen, teilen sich ständig, sterben ab und werden von anderen aufgefressen und ersetzt. Das gilt auch für jene Immunzellen, „Fresszellen“ (Macrophagen) genannt, die das Tätowierungspigment aufnehmen.

Dass das Tattoo lebenslang an Ort und Stelle bleibt, liegt nicht etwa daran, dass diese Fresszellen ewig leben würden, sondern daran, dass diese immer wieder ausgetauscht werden. Und es liegt offenbar vor allem daran, dass die neuen Makrophagen extrem effizient darin sind, nicht nur die Abwehr-Funktion ihrer Vorgänger zu über-, sondern auch die Tintenpigmente aufzunehmen.

Körpereigene Restaurierung

Sandrine Henri und Bernard Malissen vom Centre d'Immunologie in Marseille-Luminy untersuchten Mäuse, deren Schwänze tätowiert wurden. Zum Teil waren die Tiere genetisch so verändert, dass Fresszellen gezielt zum Absterben gebracht werden konnten. Hätte die Vorstellung von den ewig lebenden Makrophagen, in denen der Farbstoff für immer bleibt, gestimmt, dann hätte dieses Absterben genau eine Folge haben müssen: Der Farbstoff hätte sich im Gewebe verteilt und wäre über das Lymphsystem letztlich abtransportiert worden. Tatsächlich blieb er aber an Ort und Stelle, weil neu einwandernde Fresszellen, deren Vorläufer Wochen zuvor noch im Knochenmark gesessen hatten, den Farbstoff direkt vor Ort aufnahmen. Und wurde einer Maus ein Stück Tattoo von einer anderen transplantiert, fanden sich einige Wochen später fast nur noch neue, von der Empfängermaus gebildete Fresszellen im Tattoo. Diese waren allesamt vollgepumpt mit Tintenpigment.

Malissen und Henri präsentieren ihre Befunde im „Journal of Experimental Medicine“. Sie zeigen, dass eine Tätowierung im Grunde ein Bild ist, das an Ort und Stelle stetig und immer wieder neu kopiert und restauriert wird, inklusive Recycling der Farbe. Und „rein biologisch“.

Wahrscheinlich liegt in diesem Prozess auch der Grund, warum Tattoos über die Jahre unschärfer werden und etwas ausbleichen. Auch dafür gab es bisher nur hypothetische Erklärungen: Die Zellen würden sich mit der Zeit etwas verschieben; schwächer werdendes Bindegewebe würde sie mit sich ziehen; oder die Zellen würden ein wenig lecken mit der Zeit. Nun sieht es so aus, als ob die Ersatzzellen nicht mehr ganz präzise den Platz ihrer Vorgänger einnehmen können und als ob bei jedem solchen Vorgang ein wenig Pigment verlorenginge.

Praktische Bedeutung haben die Ergebnisse bislang nicht. Für jene, die ein Tattoo loswerden wollen, könnten sie aber noch wichtig werden. Denn es gibt Menschen, die irgendwann nicht mehr in Renate verliebt sind oder einsehen, dass Geweihe nur auf die Köpfe von Hirschen gehören.

Immunzellen blockieren, Tattoos eliminieren

Henri und Malissen sind jedenfalls der Meinung, dass es sinnvoll sein könnte, bei der Entfernung von Tattoos die Fresszellen davon abzuhalten, in die Haut einzuwandern. Denn das würde verhindern, dass die per Laser freigesetzte Tinte wieder neu aufgenommen wird. Sie könnte dann, so nehmen die beiden Autoren der Studie an, mit der Lymphe abtransportiert werden und letztlich im Urin und in der Kloschüssel landen.

Die philosophische Bedeutung allerdings dürfte eindeutig sein: Tattoos sind keine leblosen Bilder, sondern sehr lebendige. Sie sind nicht für immer und ewig, sondern immer neu. Sie sind kein Sein, sondern ein stetiges Werden. So wie das Leben selbst.

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