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  • 13.02.2018
  • von Amory Burchard

Hochschulen: Gravierende Lücken in der Lehre zum Holocaust

von Amory Burchard

Eine Aufgabe von Lehrkräften: Schülerinnen und Schüler auf den Besuch von KZ-Gedenkstätten vorzubereiten - hier in der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Foto: Hauke-Christian Dittrich/picture alliance/dpa

Deutsche Unis bieten nur wenig Lehre zum Holocaust an. Besonders bei Lehrkräften kann das zu gravierenden Wissenslücken führen, beklagt eine Berliner Studie.

Welchen Stellenwert hat der Holocaust im Lehramtsstudium? Dass der Mord an sechs Millionen europäischen Juden von Deutschland ausging, sollte Grund genug sein, das Thema fest im Curriculum für angehende Lehrkräfte in Fächern wie Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik zu verankern. Obwohl der Holocaust in der Schule zum Pflichtstoff gehört, ist das aber keineswegs der Fall, wie Martin Lücke, Geschichtsdidaktiker an der Freien Universität (FU) beklagt.

Die Behandlung des Themenfelds sei „nicht sichergestellt und (…) auch strukturell in unserer Studienordnung nicht als erwünschtes Ziel genannt“, wird Lücke in einer aktuellen Studie über „Die universitäre Lehre über den Holocaust in Deutschland“ zitiert. Studierende könnten dem Thema auch deshalb „ausweichen“, weil es „sehr selten konkrete Angebote“ dazu gebe.

Pro Semester im Schnitt nur 1,5 Veranstaltungen über den Holocaust

Von den Autorinnen der Studie, Verena Nägel und Lena Kahle, wurde Lücke als einer von 13 Experten und Expertinnen befragt. Die Interviews ergänzen eine Datenerhebung der beiden Mitarbeiterinnen der Digitalen Zeitzeugenarchive des Centers für Digitale Systeme der FU zur Zahl der Lehrveranstaltungen zum Holocaust und zum Nationalsozialismus an 79 untersuchten Hochschulen. Darunter sind 74 der 110 der Universitäten in Deutschland sowie fünf Fachhochschulen mit einem historisch-kulturwissenschaftlichen Schwerpunkt. Nicht beteiligt waren Unis mit einer rein technisch-naturwissenschaftlichen oder etwa wirtschaftswissenschaftlichen Ausrichtung. Gefördert wurde die Studie von der Jewish Claims Conference.

Erste Ergebnisse hatten Nägel und Kahle wie berichtet schon im Juli 2016 veröffentlicht. Der wissenschaftliche Berater der Studie, Johannes Tuchel, zog damals das Fazit, es fehle massiv an Vorlesungen und Seminaren zur Realgeschichte des Holocaust, insbesondere in der Lehrerbildung. Dabei bleibt es in der jetzt vorgelegten Endfassung der Studie: In den vier untersuchten Semestern vom Sommersemester 2014 bis zum Wintersemester 2015/16 fanden sich in den Vorlesungsverzeichnissen der 79 Hochschulen 468 einschlägige Veranstaltungen. Im Durchschnitt waren es an jeder Uni oder Fachhochschule 1,5 Veranstaltungen über den Holocaust und 1,7 über den Nationalsozialismus pro Semester.

Realgeschichte bei über der Hälfte schwach oder gar nicht vertreten

Der Schwerpunkt der Lehrveranstaltungen lag nach der Analyse von Nägel und Kahle „auf wirkungsgeschichtlichen Fragestellungen der gesellschaftlichen und politischen bzw. literarischen und medialen Aufarbeitung“. Diese Richtung war mit 49 Prozent der Angebote vertreten. In nur einem Drittel (33 Prozent) thematisierten die Lehrenden die Realgeschichte des Holocaust, also die historischen Ereignisse in der Zeit von 1933 bis zur Befreiung der Konzentrationslager und dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945. An 22,8 Prozent der Hochschulen wurde zudem in keinem oder nur in einem der vier untersuchten Semester eine Veranstaltung zum untersuchten Themenkreis angeboten. Die Realgeschichte war sogar an 56 Prozent der Hochschulen gar nicht oder sehr schwach vertreten.

Die Expertinnen und Experten sehen die Studienmöglichkeiten über den Holocaust dagegen „vergleichsweise positiv“, nachdem sich die Grundlagenversorgung in den vergangenen Jahren verbessert habe. „Ich glaube, dass man zu diesem Thema heute an jedem Ort, zu jeder Zeit das Wichtigste lernen kann“, sagte etwa Nicolas Berg, Historiker und Mitarbeiter am Simon-Dubnow-Institut in Leipzig. Auch Stefanie Schüler-Springorum, Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) an der TU Berlin, findet „die Möglichkeiten nicht so schlecht“. Wer sich im Studium intensiv mit dem Holocaust beschäftigen wolle, sei in Frankfurt am Main, München, Berlin und in Hamburg gut aufgehoben. Zur vollständigen Studie von Nägel und Kahle geht es hier.

Mehr Forschungszentren und Studiengänge in jüngerer Zeit

Diese positive Wahrnehmung sei auf die verbesserte institutionelle Verankerung der Holocaustforschung in jüngerer Zeit zurückzuführen, schreiben die Autorinnen. So wurde das Zentrum für Holocaust-Studien in München verstetigt, neue Holocaust-Professuren in Frankfurt am Main und in Gießen etabliert. Hinzu kommen Angebote wie das bereits seit 2007 bestehende Master-Programm „Holocaust Communication and Tolerance“ am Touro College Berlin. Zu den Institutionen, die hervorgehoben werden, gehört auch das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung ebenso wie das Graduiertenkolleg zu „Repräsentationen der Shoa in komparatistischer Perspektive“ an der Uni Hamburg. Letzteres wurde allerdings im vergangenen Jahr wegen fehlender Anschlussfinanzierung eingestellt.

Wer sich also spezialisieren will, findet quer durchs Land renommierte Institute und profilierte Lehrende – bis hin zu Promotionsprogrammen. Dissertationen und Habilitationsschriften hätten eine große Bedeutung für die Holocaust-Forschung in Deutschland, heben Nägel und Kahle hervor. Doch die Berufsperspektiven für Nachwuchsforscherinnen und -forschen seien prekär. Es gebe kaum Perspektiven nach der Dissertation, weil eine wissenschaftliche Karriere nach wie vor nicht ohne Habilitation möglich ist. Und trotz der neu geschaffenen Holocaust-Professuren gebe es noch immer vergleichsweise zu wenige auf den Nationalsozialismus zugeschnittene.

Ein "Randthema in der Hochschullandschaft"

Deshalb ist es noch immer „sehr an die Person gebunden“, an welchen Hochschulstandorten sich Studierende insgesamt gut über den Holocaust orientieren oder gar spezialisieren können, wie Peter Klein, Professor und Dekan des M.A.-Studiengangs „Holocaust Communication“ am Touro College, kritisiert. Das Thema sei einfach „nicht strukturell an den Universitäten angelegt“. Sascha Feuchert, unlängst auf eine Professur für Neuere Deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Holocaust- und Lagerliteratur an der Uni Gießen berufen, spricht von einem „Randthema in der Hochschullandschaft“.

Zu den Forderungen, die Verena Nägel und Lena Kahle aus ihrer Studie ableiten, gehört eine „systematische Verbesserung“ der Lehramtsausbildung. Die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust, aber auch von Grundfragen der Demokratiebildung und der Menschenrechte sollten in einem Studium Generale für alle angehenden Lehrkräfte vermittelt werden.

Eine Umfrage des Tagesspiegels unter Holocaust-Expertinnen und -Experten zur Bedeutung der Wannsee-Konferenz lesen Sie hier.

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