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  • 06.02.2018
  • von Amory Burchard

Christentum, Judentum und Islam: Ein Dach für die Berliner Religionen

von Amory Burchard

Beliebte Lage. Die Humboldt-Uni will mit ihren Theologien ins Palais am Festungsgraben., entstehen soll dort das interreligiöse "Henriette-Herz-Haus". Noch ist der Wettbewerb aber nicht entschieden. Foto: imageBROKER/Lothar Steiner

Die Theologien der Humboldt-Uni sollen im Palais am Festungsgraben einziehen. Warum die Protestanten nicht dabei sind, gilt als "großes Rätsel".

„Einen Ort, an dem wissenschaftlich über das Thema Religion geforscht, aber auch in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wird“ – den brauche Berlin. Das schreibt Sabine Kunst, Präsidentin der Humboldt-Universität (HU), im Vorwort des Konzepts für ein „Henriette-Herz-Haus“. Als „Forum für Religionsfragen“ könnte es im Palais am Festungsgraben entstehen. Einziehen sollen dort Teile der theologischen und religionsbezogenen Fächer und Zentren der HU, darunter Professuren des noch zu gründenden Instituts für islamische Theologie, der katholischen Theologie, die von der Freien Universität an die HU verlagert wird, und des Zentrums für jüdische Studien.

Die Forschung „zu den drei großen monotheistischen Religionen“ sei so „im Haus präsent“, heißt es. Soll damit doch noch die „multireligiöse Mischfakultät“ entstehen, um die vor einem Jahr gestritten wurde?

Um die Nutzung des Palais läuft derzeit ein Wettbewerb

Diese Frage wirft das 40-seitige Portfolio auf, mit dem die HU im September 2017 in den Wettbewerb um die begehrte Immobilie in Nachbarschaft der Uni, des Deutschen Historischen Museums und des Gorki-Theaters gegangen ist. Den Wettbewerb hatte das Berliner Immobilien Management (BIM) ausgeschrieben, nachdem entschieden wurde, das Palais am Festungsgraben nicht an Privat zu verkaufen, sondern es öffentlichen Nutzern mit kulturellem Konzept zu überlassen. Bis 2022 soll es für 15 Millionen Euro saniert werden. Insgesamt gibt es laut BIM zehn Bewerber.

Mit dem Namen Henriette Herz verbindet die HU ein großes Programm religiöser Vielfalt. Herz’ Familie entstammte dem sephardischen Judentum, aus Portugal war sie einst vor der Inquisition geflohen. In Berlin gründete Herz (1764 - 1847) einen einflussreichen Salon, in dem sie Politiker, Literaten, Künstler und Wissenschaftler ins Gespräch brachte. 1817 konvertierte Herz zum Protestantismus.

Im Palais nun sollen die HU-Theologien etwa mit der Religionssoziologie und mit außeruniversitären Akteuren wie dem Leibniz-Zentrum Moderner Orient zusammenarbeiten. Die Liste der Beteiligten geht bis zur „Jungen Islamkonferenz“. Auch wenn nach Auskunft des BIM noch nichts entschieden ist – Fans hat das Projekt schon.

"Glänzende Idee", findet der Gründungsbeauftragte des Islam-Instituts

Von einer „glänzenden Idee“ spricht Michael Borgolte, Mittelalterhistoriker und Gründungsbeauftragter des Instituts für islamische Theologie. In einem „forschungsbezogenen interreligiösen Zentrum in der Mitte Berlins, gegenüber der Humboldt-Universität, des Humboldt-Forums und des Deutschen Historischen Museums“ könnte es gelingen, „die neuen Theologien im globalen Kontext zu verankern“, sagt Borgolte.

Den Geist des Herz-Salons will die HU durch eine Kooperation mit dem Gorki-Theater aufleben lassen, das seine Räume im Palais behalten soll. Kunst spricht von „Salons, Aufführungen, Gesprächen“ – und Gastronomie. An der HU ist zu hören, die Gründung eines interreligiösen Zentrums sei ein Herzensanliegen der Präsidentin. Es biete die Chance, dem nicht problemfreien Ausbau der Theologien an der HU um Islam und Katholizismus einen positiven Drive zu geben.

Ein Gegenentwurf zur großen theologischen Fakultät?

Doch Kunst treibt die Pläne für das Haus keineswegs alleine voran. Als federführender Autor des Konzepts gilt Christoph Markschies, evangelischer Theologe, Professor für Ältere Kirchengeschichte, ehemaliger HU-Präsident – und vor einem Jahr vehementer Gegner der Idee einer Fakultät für alle Religionen. Wie passt das zusammen mit dem gemeinsamen Dach im Palais am Festungsgraben? Hat Markschies womöglich ein Gegenmodell zur großen Fakultät entworfen, indem er nun diejenigen Professuren der anderen Theologien, die zu interreligiösen Fragen arbeiten, zusammenbringt?

Das liegt nahe, denn die evangelische Theologie wird im Konzept lediglich als Kooperationspartnerin genannt. Eine protestantische Professur soll nicht ins Palais ziehen.

Markschies: kein institutionelles, sondern ein Raumkonzept

Auf Nachfrage wiegelt Markschies ab. Bei dem Konzept handele es sich „nicht um eine Blaupause, wie die Theologien und religionsbezogenen Institute der HU neu geordnet werden“. Das werde erst dann entschieden, „wenn die Institute aufgebaut und die Professuren besetzt sind“. Insgesamt sei der Entwurf für das Henriette-Herz-Haus „kein institutionelles Konzept, sondern ein Raumkonzept, das Antworten auf die Raumnot der HU sucht und die Chance wahren will, die lange geplante Kooperation mit dem Gorki-Theater zu ergreifen“, sagt Markschies. „Religion und Religionskritik“ seien dabei „eines der möglichen Themen, bei dem der Gesellschaftsbezug einer Universität besonders sichtbar wird“.

Eigene Räume der Protestanten "auskömmlich"

Warum aber fehlt dann die evangelische Theologie? Dies gelte an der HU als „großes Rätsel“ des Antrags, ist zu hören. Hat Markschies sie herausgelassen, um die Eigenständigkeit seiner Fakultät zu sichern? Solche Gerüchte seien aus der Luft gegriffen, sagt Markschies. Die evangelische Theologie müsse nur deshalb nicht mit ins Palais einziehen, weil ihre eigenen, wenige hundert Meter entfernten Räume auskömmlich seien.

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