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  • 10.01.2018
  • von Ralf Grötker

Bürgerbeteiligung an der Gentechnik-Debatte: Behindern Hollywood-Szenarien eine sachliche Diskussion über Gentechnik?

von Ralf Grötker

Im Film „Gattaca“ wird eine Gesellschaft skizziert, die natürlich gezeugte und daher genetisch „fehlerhafte“ Menschen („In-Valid“) gegenüber jenen benachteiligt, die im Reagenzglas entstanden und gentechnisch optimiert wurden. Foto: imago

Pessimistische Szenarien wie bei „Frankenstein“ oder „Gattaca“ erschweren den vernunftbetonten Diskurs - und sind gleichzeitig ein wichtiger Teil der Debatte.

Angenommen, man könnte menschliche Keimzellen so verändern, dass tödliche Erbkrankheiten, schmächtiger Körperbau oder beschränkte Intelligenz nicht mehr vererbt werden. Sollte man das tun? Die Antwort scheinen Zukunftsszenarien wie im Film „Gattaca“ zu geben, in dem genetisch optimierte, von Erbkrankheiten befreite Kinder soziale Anerkennung erfahren, natürlich gezeugte jedoch chancenlos bleiben. Ob es solche Keimbahntherapien sind, neue Techniken der Gewebezucht oder das Ausrotten von Krankheitsüberträgern wie Mücken mittels „Gene Drive“ – immer wieder inszeniert Hollywood die möglichen Folgen neuer Technologien in Form von Weltuntergangsszenarien oder dystopischen Fantasien.

Ein Eingriff, der die Eigenschaften des Menschen verändert, das ist wahlweise „Schöne Neue Welt“, „Frankenstein“ oder eben „Gattaca“. Zur Auswahl stehen ferner die Schlagworte „Designerbaby“ oder „Eugenik“, „Gott spielen“ sowie, positiver gefärbt, „Transhumanismus“.

Wie sollte man mit diesen „Schauergeschichten“ und Begriffen vernünftiger Weise umgehen? Bringen sie die gesellschaftliche Debatte um neue Technologien und ihre gesellschaftlichen Folgen wirklich weiter? Oder schaden sie dem Diskurs? Gehören Dystopien aus der Debatte verbannt?

Diese Fragen stellen sich derzeit Kommunikationsexperten, Sozialwissenschaftler und Philosophen in einem Forschungsprojekt des Karlsruher Instituts für Technologie. Dabei geht es um die Entwicklung und den Test neuer Methoden für die Beteiligung von Bürgern an gesellschaftlichen Diskussionen am Beispiel der Keimbahntherapie.

Hollywoods Spiel mit dem Weltuntergang

In einem vernunftbetonten Diskurs „Schauergeschichten“ völlig meiden zu wollen, ist weder praktikabel noch sinnvoll. Zum einen setzen Geschichten die abstrakten neuen Ideen oder Techniken der Wissenschaft in Szene und spinnen sie in zukünftige Realitäten fort. Sie sind oftmals erst der Grund dafür, dass sich eine größere Öffentlichkeit für komplexe Forschungsthemen überhaupt interessiert. Zum anderen sind Forscher, Wissenschaftsmanager, Unternehmer und Investoren selbst nicht immun gegen die suggestive Kraft von Geschichten. Auch sie nutzen Visionen, um die Nützlichkeit ihrer Techniken in Szene zu setzen – nur zeichnen diese Geschichten die Zukunft eben meist rosiger, utopischer.

Die Forderung, Dystopien oder Metaphern wie das „Gott spielen“ aus der Debatte zu verbannen, kann auch als strategisches Manöver gesehen werden. Um Bürger und Laien in die Diskussion einzubeziehen, ist es jedenfalls wenig hilfreich, sich nur auf Sachfragen und unmittelbare Auswirkungen einer Technik zu beschränken, die im Grunde nur Experten beurteilen können.

Lieber szenisch als abstrakt

Ob Utopien oder Dystopien – wenn man auf diese Geschichten verzichten würde, ginge etwas verloren. Denn diese vermitteln sehr wohl spezifische Einsichten, die sich dem rein sachlichen Diskurs verschließen. Sie tun dies auf dreierlei Art und Weise:

Erstens verweisen viele der Geschichten im Kern auf Argumente oder illustrieren sie. Im Falle der Keimbahntherapie sind dies Argumente für oder gegen Eugenik und das „Optimieren“ („Enhancement“) der biologischen Grundausstattung des Menschen, ferner Argumente der schiefen Ebene („Wohin wird uns das führen?“) und der sozialen Ungleichheit („Optimierte“ versus „fehlerbehaftete“ Menschen). Letztere könnte dadurch entstehen, dass einige Eltern sich die neuen Verfahren der Nachwuchs-Optimierung leisten können, andere hingegen nicht. Alle diese Argumente sind in der Technikfolgen-Diskussion bereits mehr oder weniger ausführlich ausgearbeitet und kritisch diskutiert worden – auch die Gegenargumente: So lässt die Sorge, dass Genome Editing am Menschen zur Schärfung der Unterschiede zwischen sozialen Klassen führen könnte, die Tatsache außer Acht, dass Technologien – und wohl auch Genome Editing – dazu tendieren, im Laufe der Zeit immer billiger zu werden. Auch muss eine „Designer-Baby“-Technologie keine neue genetische Unterklasse kreieren. Sie könnte genauso gut die Anzahl der Menschen verringern, die via genetischer Lotterie in eine sozial benachteiligte Situation hineingeboren werden.

"Alles wird gut" eignet sich nicht als Storyline

Stoff für einen Hollywood-Film sind solche optimistischeren Szenarien freilich nicht – die Filmemacher würden unweigerlich in den Verdacht geraten, Werbung für die Gentech-Industrie zu machen. Dystopien verkaufen sich besser, insofern haben Filmemacher in gesellschaftspolitischen Fragen die Rolle der Opposition quasi abonniert.

Die Argumente, auf welche die Erzählungen verweisen, befassen sich mit der Wahrscheinlichkeit oder der Plausibilität, dass befürchtete Missstände tatsächlich eintreffen werden. Damit ist der Fall aber noch nicht gelöst. Was für die Risikobewertung unterm Strich zählt, ist schließlich nicht nur die Wahrscheinlichkeit von Missständen, sondern auch deren Ausmaß. Die meisten Menschen, die sich gegen private Katastrophen wie Brand oder Arbeitsunfähigkeit versichern, handeln nach dieser Logik. Um sich über die Konsequenzen von Innovationen klar zu werden, arbeitet man in der Technikfolgen-Abschätzung mit Szenarien. Nichts anderes sind Geschichten wie Huxleys „Schöne Neue Welt“.

Romane und Filme testen Technikfolgen unter gesellschaftlichen Rahmenbedingungen durch

Zweitens haben Geschichten durchaus eigene Erkenntnisdimensionen. Der Frankfurter Philosoph Axel Honneth spricht in diesem Zusammenhang von einer „erschließenden Form von Gesellschaftskritik“: Geschichten schärfen das Wahrnehmungsvermögen, indem sie unsere Aufmerksamkeit steigern. So wie in einem Thriller die spannungsgeladene Musik den Zuschauer fesseln soll, so liefern die Schauergeschichten den Hintergrund, damit bestimmte Folgeerscheinungen einer Technik nicht mehr nur abstrakt, sondern in einem zumindest realitätsnahen Kontext nachempfunden werden können.

Ein konkretes Beispiel: Aldous Huxleys Roman „Schöne Neue Welt“ beschreibt, wie Menschen bereits im embryonalen Stadium auf größere oder geringere Leistungsfähigkeit getrimmt werden. Für sich genommen, ist das nicht mehr als eine mögliche, bedenkliche Fehlentwicklung der Reproduktionsmedizin. Im Gesamtkontext des Romans verdeutlicht die reproduktionsmedizinische Praxis aber beispielhaft einen soziologischen Befund: Die Leistungsgesellschaft mit ihren sozialen Verwerfungen hat eine neue Eskalationsstufe erreicht.

Gentechnik verändert nicht nur den Körper, sondern auch Sprache und Emotionen

Kritisch hinterfragen sollte man, ob die Beispiele richtig gewählt sind. Im vorliegenden Fall ist es tatsächlich wahrscheinlicher, dass die in den Dystopien beschriebenen Zustände als Folge der (bereits weithin praktizierten) Präimplantationsdiagnostik eintreten könnten als im Zuge der Keimbahntherapie. Letztere erscheint zwar in ihren Möglichkeiten bedrohlich, wird praktisch jedoch bis auf Weiteres auf ziemlich überschaubares Terrain beschränkt bleiben.

Drittens führen Geschichten vor, welche Veränderungen auf sprachlicher und symbolischer Ebene mit neuen Technologien einhergehen könnten. Die Göttinger Bioethikerin Solveig Lena Hansen spricht in einem jüngst erschienen Aufsatz zum Thema Dystopien von „symbolischer Verletzbarkeit“. So werden im Film „Gattaca“ reproduktionsmedizinisch nicht-optimierte Menschen als „In-Valid“ bezeichnet, als „ungültig“ oder „arbeitsunfähig“. „Begriffe können Menschen verletzen. Dystopien sensibilisieren uns dafür bereits in der Gegenwart“, meint Hansen. „Gattaca“ führt auch vor Augen, dass das Wissen um die Manipulationen am Erbgut nicht allein Folgen für diejenigen hat, die nicht optimiert wurden, sondern auch die Persönlichkeit der Manipulierten und die Ansprüche der Gesellschaft an sie beeinflusst.

Es geht nicht nur um Ethik

Was tun mit dieser Art Einsichten, die Geschichten vermitteln können? Der Technikfolgen-Experte Armin Grunwald vom Karlsruher Institut für Technologie meint: „Ethik ist nur ein Teil des Spiels.“ Das heißt: Wir sollten akzeptieren, dass mutmaßliche Verletzungen individueller Rechte oder bezifferbare Schäden jeglicher Art – Themen der Ethik also – nur ein Teil dessen sind, was zur Diskussion steht. Die Geschichten thematisieren viel mehr, etwa die sich durch Technik ändernden zwischenmenschlichen Aspekte. Expertengremien befassen sich vornehmlich mit ethischen Fragen. Die Debatte aber auf diese Fragen beschränken zu wollen, wäre ein willkürlicher Einschnitt. Natürlich ist der Diskurs in den Medien ein anderer als der Diskurs eines wissenschaftlichen Gremiums, das sich mit Ansätzen für gesetzliche Regulierung befasst. Es muss jedoch kein Widerspruch darin bestehen, auf großer Linie eine kritische Haltung gegenüber biotechnologischer Optimierung des Menschen zu hegen und dennoch Gesetze zu befürworten, die Grundlagenforschung oder klinische Studien zulassen. Und selbst, wenn es Widersprüche gibt: Warum sollte man die Nachteile von technologischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen, die man unterm Strich befürworten mag, nicht offen thematisieren? Das, was man den „gesellschaftlichen Diskurs“ nennt, nimmt diese Aufgabe des ewigen Nörglers verlässlich wahr.

Bürgerbeteiligung als Ablenkungsmanöver?

Den Betrachtungsrahmen von den ethischen Problemen und konkreten Entscheidungen auszuweiten auf Fragen der Gesellschaftsentwicklung und des Welt- und Menschenbildes birgt aber auch eine Gefahr: Bei dem Eifer fürs Große und Ganze geraten die tendenziell langweiligen und kleinteilig-bürokratischen gesetzlichen Verfahren schnell aus dem Blick. Sie sind es jedoch, die am Ende Tatsachen schaffen. Der immer wieder so gerne geforderte gesellschaftliche Diskurs kann deshalb, da allzu oft politisch konsequenzlos, auch ein grandioses Ablenkungsmanöver sein.

Beim Bürgerbeteiligungssprojekt „Keimbahntherapie“ sollen die Teilnehmenden selbst entscheiden, auf welcher Ebene sie diskutieren möchten und in welchen Angelegenheiten sie den Politikern Empfehlungen mit auf den Weg geben möchten.

Für das „Bürgerdelphi Keimbahntherapie“ können sich interessierte Laien für Telefoninterviews und einen Workshop am 28. April melden bei der Forschungsgruppe von Annette Leßmöllmann, Sebastian Cacean (KIT) und Ralf Grötker (Explorat) unter info@buedeka.de oder 030/25930918. Infos zum Projekt gibt es hier.

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