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  • 19.12.2017
  • von Adelheid Müller-Lissner

Unsinn Früherkennung: Vorsicht mit der Vorsorge

von Adelheid Müller-Lissner

Sinnvoll? 50 Fehldiagnosen kommen auf einen früh erkannten Brustkrebs. Foto: picture alliance / Jan-Peter Kas

Jahr für Jahr werden Millionen gesunde Menschen auf Anzeichen von Krebs untersucht. Doch die Versprechen der Früherkennung sind oft überzogen.

Die Schriftstellerin Julie Zeh muss ziemlich erzürnt gewesen sein, als sie ihren  Roman „Corpus Delicti“ verfasste. Darin kommt eine unbescholtene Bürgerin vor Gericht - weil sie ihren Blutdruck nicht regelmäßig gemessen und den zuständigen Stellen weder Urinproben noch einen präzisen  Ernährungsbericht abgeliefert hat. Auch im Sport hat die Angeklagte ihr Soll nicht erfüllt. Die streitbare Autorin will mit dieser abschreckenden Zukunftsvision eine Gesellschaft aufrütteln, in der ihrer Ansicht nach Gesundheitsvorsorge zur allgemeinen Bürgerpflicht zu werden droht.

„Darf ich mich gesund fühlen, auch wenn ich Vorsorge nicht in Anspruch nehme? Darf ich mein Schicksal leben?“ So fragt nun Ingrid Mühlhauser, Inhaberin des Lehrstuhls für Gesundheitswissenschaften an der Universität Hamburg, Fachärztin für Innere Medizin und Diabetes-Spezialistin. „Unsinn Vorsorgemedizin“ - der Titel des gerade von ihr bei Rowohlt erschienenen Taschenbuchs  beweist, dass auch sie aufgebracht ist. Die Empörung der Ärztin gilt allerdings nicht wie die von Juli Zeh einem drohenden Gesundheits-Überwachungsstaat. Sie gilt den überzogenen Versprechen, die mit Krebsfrüherkennungs-Untersuchungen und Check-ups gesunder Bürger einhergehen.

Vorbeugung von der Wiege bis zur Bahre?

Frauen werden schon ab 20 jedes Jahr zum PAP-Test auf Gebärmutterhalskrebs bei der Gynäkologin erwartet. Wenn sie zwischen 50 und 69 Jahren alt sind, flattert ihnen jedes zweite Jahr die Einladung zum Mammographie-Screening ins Haus. Männer unterziehen sich regelmäßig beim Urologen einer Tastuntersuchung und vielleicht einem PSA-Test, um zu sehen, ob sich nicht in der Prostata ein Tumor gebildet hat. Für Jungen und junge Männer wird ein Hoden-Check propagiert. Beide Geschlechter sind ab 55 dann zweimal im Zehn-Jahres-Abstand zur Darmspiegelung beim Magen-Darm-Spezialisten eingeladen.

In den Kapiteln, die man mit Gewinn auch einzeln studieren kann, geht Mühlhauser die Frage nach Nutzen und Schaden zunächst für die einzelnen Krebsfrüherkennungs-Angebote durch. Immer mit dem einzig maßgeblichen Kriterium: Wo werden hier wirklich Tumore oder Vorformen von Krebs entdeckt, die andernfalls lebensgefährlich hätten werden können, dank der frühen Fahndung aber noch gut behandelbar sind? Informative Abbildungen aus dem Früherkennungsbuch, das der Wissenschaftsjournalist Klaus Koch schon 2005 für die Stiftung Warentest geschrieben hat, veranschaulichen, dass es oft auch anders kommt: Manchmal wird eine Erkrankung entdeckt, die zu diesem Zeitpunkt schon unheilbar ist – sodass die frühe Diagnose den Kranken nur länger krank sein lässt. Oder man findet bei einem älteren Menschen Krebs, der so langsam wächst, dass er oder sie höchstwahrscheinlich an etwas anderem sterben wird. Deshalb gilt allgemein: „Je älter und kränker die Menschen sind, umso sinnloser werden Vorsorgeuntersuchungen.“ Das Hauptproblem beim Screening von beschwerdefreien Menschen sei, dass viele Personen falsche Verdachtsbefunde erhalten. „Sie werden beunruhigt, und es müssen weitere medizinische Untersuchungen gemacht werden, bis Entwarnung gegeben werden kann.“

Bescheidene Erfolge

Mühlhauser betont ausdrücklich, dass einige Frauen durch das Screening vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt werden. Der Nutzen des Mammographie-Screenings wirke aber, in absoluten Zahlen ausgedrückt, deutlich bescheidener als in Prozentzahlen ohne Bezugsgröße, wie sie anfangs üblich waren. Die Kritik der Autorin an den Informationen, die im Einladungs-Couvert stecken, hat sich inzwischen allerdings weitgehend erübrigt: Sie sind im Vergleich zur Anfangsphase realistischer und klarer geworden.

Doch zutreffend bleibt, dass viele Frauen sich durch Brustkrebs sehr stark beunruhigt fühlen. Zu stark, wenn man ihn zu anderen Krankheiten ins Verhältnis setzt: Obwohl Tumoren in der Brust  zu den häufigsten Krebsformen gehörten, sterben heute nur drei von hundert Frauen daran. Umgekehrt fühlten sich Frauen durch die Entwarnung nach der Mammografie dann wieder zu stark beruhigt, meint Mühlhauser. Absolute Sicherheit bietet sie dabei nicht. So ist es die Dialektik zwischen zu großer Angst vor Brustkrebs und zu großer Sorglosigkeit nach einer Untersuchung ohne Befund, die der Gesundheitswissenschaftlerin  ein Dorn im Auge ist. „In jedem Fall gibt es Beruhigung nur, wenn zuvor Beunruhigung gestiftet wurde.“ Genau diesen Vorwurf aber erhebt sie: „Kampagnen mit emotionalen Botschaften schüren seit Jahren die Angst vor Brustkrebs.“

Die Kampagnen für die Darmkrebs-Vorsorge, die die Felix-Burda-Stiftung regelmäßig lanciert, empfindet Mühlhauser gar als „omnipräsent und aufdringlich“. Trotzdem fällt ihr Urteil bei der Darmspiegelung, die Versicherten ab 55 zweimal im Abstand von zehn Jahren zusteht, zumindest gemäßigt positiv aus. Sie erkennt an, dass hier Früherkennung und Vorsorge in einem geboten werden, weil auch mögliche Vorformen von Tumoren entfernt werden können. Und sie würdigt, dass die Einladungsschreiben, die in Zukunft auch für diese Untersuchung verschickt werden, eine vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) entwickelte Informationsbroschüre enthalten, die die Kriterien für gute Gesundheitsinformation erfüllt.

Hautkrebs-Screening schadet mehr als es nützt

Sehr kritisch geht Mühlhauser aber mit der in Deutschland seit 2008 von den Kassen bezahlten Früherkennungs-Untersuchung des gesamten Körpers auf Hautkrebs ins Gericht. Sie kann sich dabei auf das Votum  eines Fachgremiums der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde stützen, das von einem solchen Programm für das eigene Land im vergangenen Jahr abriet: Wegen der dürftigen Datenlage zum tatsächlichen Nutzen, aber auch wegen des Schadens, den Überdiagnosen und darauf folgende unnötige Therapien anrichten können.

Ein offizielles Screening-Programm auf den seltenen Krebs in der Schilddrüse existiert aus gutem Grund in Deutschland nicht. Aus ebenso gutem Grund warnt die Internistin davor, dass Gesunde einen Ultraschall der Schilddrüse oder auch Blutuntersuchungen auf die von ihr produzierten Hormone als IGeL („individuelle Gesundheitsleistung“) machen lassen. Das kleine Organ im Hals werde heute allzu oft zum Sündenbock für banale Alltagsbeschwerden wie Müdigkeit oder Gewichtsprobleme. „Testen im Blut und der Ultraschall der Schilddrüse bei gesunden Menschen ist zum Schaden der Bevölkerung.“

Prof. Dr. Ingrid Mühlhauser: Unsinn Vorsorgemedizin. Wem sie nützt, wann sie schadet. Rowohlt Taschenbuch Verlag 2017.

224 Seiten, 9,99 €

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