20.11.2017, 5°C
  • 08.11.2017
  • von Amory Burchard

Akademisches Exil: Land Berlin nimmt bedrohte Wissenschaftler auf

von Amory Burchard

In die Freiheit. Die FU Berlin hat - wie auch andere Unis und Institute - etliche bedrohte Wissenschaftler aufgenommen. Das neue Landesprogramm könnte ihnen und anderen eine sicherere Perspektive bieten. Foto: Thilo Rückeis

Forschern, die in ihrer Heimat nicht mehr frei arbeiten können, will Berlin "eine akademische Heimat" bieten. Drei Millionen Euro sind dafür eingeplant.

Das Land Berlin plant ein eigenes Programm für bedrohte Forscher. 2018 und 2019 sollen jeweils 1,5 Millionen Euro an „hochqualifizierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ vergeben werden, „die auf Grund der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in ihren Heimatländern nicht mehr wissenschaftlich frei arbeiten können“. Das erklärte die Wissenschaftsverwaltung am Mittwoch auf Anfrage, nachdem der Regierende Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller (SPD) das Programm am Dienstagabend bei der Verleihung des Berliner Wissenschaftspreises angekündigt hatte.

Bei den möglichen Herkunftsländern der Forscher und Forscherinnen gebe es keine Einschränkung, heißt es. Verteilt wird das Geld über die Einstein-Stiftung, mit der das Land exzellente Forschungsprojekte fördert und internationale Spitzenwissenschaftler nach Berlin holt.

Michael Müller: Berlin baut Engagement aus

"Ich sehe mit Sorge, dass an vielen Orten der Welt die Wissenschaftsfreiheit beschränkt wird", sagte Michael Müller bei der Verleihung des Wissenschaftspreises des Regierenden Bürgermeisters im Rahmen der Science Week. "Offenheit, Toleranz und Freiheit sind für uns nicht verhandelbar."

Mit dem "Programm zur Förderung der Wissenschaftsfreiheit" baue das Land Berlin sein Engagement für geflüchtete und gefährdete Akademiker aus. An Universitäten und außeruniversitären Instituten wurden schon etliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler etwa aus der Türkei und aus Syrien aufgenommen. Darunter sind auch solche, die ein zweijähriges Stipendium der Philipp Schwartz-Initiatiave der Alexander von Humboldt-Stiftung erhalten. Die Initiative wird vom Auswärtigen Amt und von Stiftungen finanziert.

Unklar ist noch, wie viele Forscher profitieren

Staatssekretär Steffen Krach teilte am Mittwoch auf Anfrage mit: „Das Programm soll 2018 starten, seine genaue Ausgestaltung entwickeln wir aktuell mit der Einstein-Stiftung.“ Das Land wolle „bedrohten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Berlin eine akademische Heimat bieten“. Geklärt werden muss dem Vernehmen nach unter anderem noch, ob Stipendien oder befristete Professuren ausgeschrieben werden.

Dementsprechend ist bislang unklar, wie viele Wissenschaftler von dem Programm profitieren können. Die Finanzierung des Programms ist für den neuen Etat der Einstein-Stiftung eingeplant, muss aber in den laufenden Haushaltsverhandlungen im Abgeordnetenhaus noch bestätigt werden.

Institute wünschen sich mittelfristige Perspektiven für Gäste

Institutionen, die bereits bedrohte Wissenschaftler aufgenommen haben, wünschen sich sicherere Perspektiven für ihre Gäste. "Seit der Gründung der deutschen Sektion von Scholars at Risk im September 2016 denken wir über mittelfristige Lösungen nach", sagt Sonja Hegasy, stellvertretende Direktorin des Leibniz-Zentrums Moderner Orient (ZMO).

Mit einem Stipendium für bestenfalls zwei Jahre seine Heimat zu verlassen, ist nur der erste Schritt. Doch um womöglich die Familie nachholen zu können und die Ruhe für größere Forschungsprojekte aufzubringen, brauchen die Exilierten längerfristige Mitarbeiterstellen oder Professuren, ist immer wieder zu hören.

"Zwischenzeitig hat sich die Situation in der Türkei dramatisch zugespitzt und unsere Wissenschaftler sind teilweise mit Anklagen von bis zu sieben Jahren konfrontiert", sagt Hegasy. Deshalb sei die Initiative des Senats sehr begrüßenswert. Wichtig sei es nun, "sich darüber Gedanken zu machen, was passiert, wenn die ersten Stipendien auslaufen".

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!