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  • 12.10.2017
  • von Hannah Seidl

Stollberg-Rilinger übernimmt 2018 in Berlin: Das plant die zukünftige Rektorin für das Wissenschaftskolleg

von Hannah Seidl

Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger wird nächstes Jahr Direktorin des Wissenschaftskollegs zu Berlin Foto: picture alliance / Hendrik Schmi

Nächstes Jahr übernimmt erstmals eine Frau das Wissenschaftskolleg. Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger will mehr Künstler in das Kolleg holen.

Im Garten der Villa in der Wallotstraße 19 im Grunewald glänzen die Teile eines abgebauten Badezimmers im Regen. Im dunklen, holzvertäfelten Treppenhaus liegen in Streifen geschnittene Teppichböden übereinandergeschichtet.

Wo unterm Jahr die Bewohner des Wissenschaftskollegs zu Berlin gemeinsam essen, Kolloquien und Abendveranstaltungen besuchen, ist es noch still. Die Mitarbeiter bereiten alles für den nächsten Jahrgang vor. Sie lassen Wohn- und Arbeitsräume renovieren, lesen sich in die neuen Themen ein und lösen die letzten praktischen Fragen: Musik- und Sportkurse für die Kinder der Fellows und Visumsanträge zum Beispiel

Mit dem neuen akademischen Jahr beginnt auch das letzte Jahr von Luca Giuliani als Rektor. Der Archäologe wird 2018 an die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger übergeben. Erstmals wird eine Frau das Kolleg leiten. Wie Giuliani kennt auch Stollberg-Rilinger die Häuser zwischen Halensee und der Königsallee bereits aus ihrer Zeit als Fellow am Kolleg.

Ihren Aufenthalt dort vom Herbst 2015 bis Sommer 2016 beschreibt sie – wie viele vor ihr – als paradiesisch. „Man hat einen Freiraum, den man sonst nie hat und jeden denkbaren Service, den man sich wünschen kann“, sagt die 62-Jährige, die seit 1997 den Lehrstuhl für Geschichte der frühen Neuzeit an der Universität Münster innehat.

Ein Jahr lang hat sie sich am Wissenschaftskolleg auf das Schreiben an der Biografie von Maria Theresia konzentriert. „Im Universitätsalltag muss man sich die Zeit zum Schreiben vom Munde absparen“, sagt sie.

Für dieses Werk, das inzwischen auch in einem der gläsernen Bücherschränke in der Fellow-Bibliothek angekommen ist, wurden ihr 2017 der Preis der Leipziger Buchmesse für das beste Sachbuch und der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa verliehen.

Berlin war zu verlockend

Die Leibniz-Preisträgerin Stollberg-Rilinger ist eine der führenden Expertinnen für die Geschichte der frühen Neuzeit, die sie aus einer kulturgeschichtlichen Perspektive untersucht, anhand der Bedeutung von Ritualen, Symbolsprache und Zeremonien. Vonseiten des Wissenschaftskollegs heißt es, sie habe „ein neues Forschungsfeld erschlossen und den Blick auf Herrschaftsausübung in der Vormoderne verändert“.

Raum für neue Forschungsideen und die Erschließung neuer Forschungsfelder zu bieten, ist auch ein Ziel des Kollegs. Das 1981 nach dem Vorbild des Institute for Advanced Studies an der US-Universität Princeton gegründete Institut entlastet die Wissenschaftler von allen nicht forschungsbezogenen akademischen Aufgaben, damit diese sich ganz auf ein selbst gewähltes Forschungsvorhaben konzentrieren, Ideen entwickeln und sich untereinander austauschen können. Verpflichtend sind dabei nur die Teilnahme an gemeinsamen Mittag- und Abendessen sowie dienstäglichen Werkstattberichten.

„Das Wissenschaftskolleg funktioniert wie eine gut geölte Maschine. Das Team ist derartig handverlesen und kompetent, dass man nicht wahnsinnig viel ändern wollen sollte“, ist Stollberg-Rilinger überzeugt. Allerdings habe sie zunächst Skrupel gehabt, die Leitung des Kollegs zu übernehmen.

Der Ruf nach Berlin war aber zu verlockend. „Die Stadt Berlin mit ihrem unglaublichen Angebot und ihrer Lebendigkeit habe ich nach der Rückkehr nach Münster doch vermisst.“ Hinzu komme die Fülle an Gesprächspartnern, Anregungen, aufregenden Dingen, die man am Kolleg jeden Tag erlebe. 42 Fellows aus 20 Ländern werden es im kommenden akademischen Jahr sein. Darunter Historiker, Biologen, Juristen, Philologen, Literatur- und Kulturwissenschaftler, Komponisten und Musiker, Publizisten und Schriftsteller.

Mehr Künstler und Fotografen ans Wissenschaftskolleg

Stollberg-Rilinger sieht es als eine Aufgabe des Wissenschaftskollegs, einen Beitrag zu leisten, dem härter werdenden Klima für die Wissenschaft und wissenschaftliche Elite entgegenzuwirken. „Ich glaube, dass das Wissenschaftskolleg als Multiplikator wirken kann für die Wissenschaftskultur, wie sie hier bei uns Gott sei Dank noch herrscht, indem Wissenschaftler aus der ganzen Welt eingeladen werden und nach ihrer Rückkehr dafür werben.“ Gerade mit Ländern, in denen die Freiheit der Wissenschaft bedroht sei, müsse man die Kooperation stark vorantreiben und Kolleginnen und Kollegen den Rücken stärken.

„Es gibt den Glaubwürdigkeitsverlust wissenschaftlicher Eliten und eine bisher nicht da gewesene Verachtung gegenüber wissenschaftlicher Expertise“, sagt Stollberg-Rilinger Das spüren gerade auch die Kooperationspartner des Kollegs in Osteuropa, darunter die Central European University in Budapest und das dort angesiedelte Institute for Advanced Study, das eng mit dem Wissenschaftskolleg verbunden ist.

Ein bisschen etwas ändern möchte Stollberg-Rilinger aber doch: Sie möchte die Fellows eines Jahrgangs noch stärker auf ein gemeinsames Thema oder eine übergreifende Frage lenken und den Austausch zwischen Geistes- und Sozialwissenschaften auf der einen und Naturwissenschaften auf der anderen Seite stärker anregen, zum Beispiel, indem sie Gespräche über Themen in Gang bringt, die beide Seiten gleichermaßen beschäftigen.

Zudem will sie mehr bildende Künstler und Fotografen ans Kolleg zu holen, aber auch Fellows aus Regionen, die bislang nicht so stark vertreten waren. Da die ehemaligen Fellows ein Vorschlagsrecht haben, verstetigen sich Ungleichgewichte.

Die Lösung sieht Stollberg-Rilinger nicht darin, darauf zu achten, dass mehr Leute sich bewerben oder mehr aus bestimmten Weltregionen vorgeschlagen werden, sondern im Knüpfen von Netzwerken, etwa in Afrika oder Lateinamerika. „Das ist alles schon auf dem Schirm des bisherigen Rektors gewesen, aber man muss das dauerhaft weiterverfolgen“, sagt die Historikerin.

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