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  • 06.09.2017
  • von Dagmar Dehmer

Herkunftsforschung in Berliner Museen: Nachdenken über Tendaguru

von Dagmar Dehmer

Aus Kolonialzeiten. Die Rolle der Einheimischen bei der Bergung des Skeletts soll gewürdigt werden. Foto: Tobias Schwarz/Reuters

Das Berliner Naturkundemuseum arbeitet die tansanische Herkunft seines Riesendinosauriers auf.

Im Keller des Naturkundemuseums in Berlin liegen noch immer viele runde Holzkanister, in die seit mehr als 100 Jahren niemand mehr hineingeschaut hat. Die Transportbehälter stammen von der legendären Tendaguru-Expedition, die unter der Führung des Berliner Museums von 1909 bis 1913 im heutigen Tansania stattgefunden hat. Damals fanden die Naturforscher Dinosaurierfossilien – rund 230 Tonnen verschifften sie nach Deutschland. Darunter war auch ein fast vollständiges Skelett eines Brachiosaurus brancai, eines gewaltigen Dinosauriers aus der Jura-Zeit mit einem enorm langen Hals.

Rund 13 Meter hoch ist das Fossil, das seit 2007 neu aufgearbeitet im Dinosauriersaal steht – es ist das Prunkstück des Museums. Ab und zu holen die Wissenschaftler einen der Behälter aus dem Keller und öffnen ihn mal mit, mal ohne Publikum und sind immer ganz aufgeregt, was sie wohl finden werden. Die Fossilien sind mit Lehm bedeckt worden, um sie beim Transport zu schützen. Es ist wie eine Wundertüte.

Der Berliner Dino als Thema im Wahlkampf in Tansania

Seit 2015 geht eine Forschergruppe des Naturkundemuseums, PAN – Perspektiven auf Natur, gemeinsam mit Wissenschaftlern der Technischen Universität Berlin und der Humboldt-Universität der Frage nach, wie diese Fossilien in den Besitz des Museums gekommen sind. Das Museum für Naturkunde hat nun einen ersten Zwischenstand des vom Bundesforschungsministerium finanzierten Forschungsverbunds veröffentlicht. Schon der Titel des Projekts ist vielsagend: „Dinosaurier in Berlin. Brachiosaurus brancai als wissenschaftliche, politische und kulturelle Ikone, 1906–2016“.

Tatsächlich spielte der Berliner Dinosaurier schon mehrfach in Wahlkämpfen in Tansania eine Rolle. Regelmäßig fordern Politiker ihn zurück. Ernsthafte Verhandlungen darüber haben bisher nicht stattgefunden, auch weil das Interesse der tansanischen Politik in der Regel schnell wieder erlahmt. Aber zumindest arbeitet das Naturkundemuseum bei weiteren Grabungen in der Region mit tansanischen Forschern zusammen. Und was heute gefunden wird, bleibt im Land.

Der Fundort am Tendaguru wurde zu "herrenlosem Land" erklärt

Die überwiegend spendenfinanzierte Expedition zum Tendaguru-Gebirge in Tansania wurde nur möglich, weil Deutschland um die Jahrhundertwende Kolonialmacht im damaligen Deutsch-Ostafrika war. Im März 1908 hatte die Kolonialverwaltung die Fundstelle am Tendaguru zu „herrenlosem Land“ erklärt und in Besitz genommen, schreibt die Forschergruppe um Holger Stöcker vom Institut für Asien und Afrika-Wissenschaft der Humboldt-Uni. Die lokale Bevölkerung sollte davon abgehalten werden, auf eigene Faust zu graben. Während der Grabungskampagne wurden die Einheimischen dann allerdings in großer Zahl an der Fundstelle eingesetzt, auch um die schweren Fossilien bis zum Hafen zu schleppen. Dies hat das Museum schon bisher mit Fotos im Dinosauriersaal dokumentiert. In Zukunft soll der Aspekt in der Ausstellung eine größere Rolle spielen, kündigt das Museum an.

Für Bénédicte Savoy, Professorin am Institut für Kunstwissenschaft und historische Urbanistik an der TU Berlin, ist die Provenienzforschung „der minimale Dienst, den Europa denen leisten muss, von denen diese Objekte gekommen sind“, wie sie in einem Essay über die Bedeutung der Herkunftsforschung für Objekte in den Museen Europas schreibt.

Einen Artikel über einen Muster-Fall der Provenienzforschung für das Humboldt-Forum finden Sie hier.

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