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  • 06.09.2017
  • von Roland Knauer

Interview mit Futurium-Direktor Stefan Brandt: Nur Neugier bringt uns weiter

von Roland Knauer

"Wir sind radikal offen", sagt Stefan Brandt im Hinblick auf die Zielgruppe des Futuriums. Foto: Doris Spiekermann-Klaasl

Das Gebäude ist fertig, jetzt gestalten Stefan Brandt und seine Kollegen das Innenleben des Futuriums. Wie sie das anpacken und wie die Zukunft im Futurium aussehen könnte.

Herr Brandt, wie stellen Sie sich eigentlich Ihre persönliche Zukunft vor?

Wenn Sie mich ganz persönlich fragen: Meine Familie ist ja erst seit wenigen Wochen aus Hamburg nach Berlin gezogen. Daher wollen wir erst einmal hier heimisch werden. Die Chancen dafür stehen bestens: Vor ein paar Tagen meinten meine Frau und meine beiden Kinder jedenfalls, wir wollen hier nie mehr weg!

Das hört bestimmt jeder Berliner mit Freude. Nun ist die Geschichte Berlins nicht erst in den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg besonders eng mit der Weltgeschichte verwoben. Da interessieren uns natürlich auch Ihre globalen Wünsche.

Wenn ich mir die aktuellen Nachrichten anschaue, würde ich mich sehr freuen, wenn wir auch in Zukunft in einer weitgehend friedlichen Welt leben können. Und ich würde mich freuen, wenn wir das, was wir in Europa erreicht haben, mehr schätzen und natürlich auch bewahren können. Gleichzeitig sollten wir uns auch fragen, ob unser Handeln wirklich nachhaltig für alle ist. Dabei denke ich nicht nur an zukünftige Generationen, sondern auch daran, dass vieles, was wir hier bei uns machen, auf Kosten von Menschen in anderen Regionen der Welt geschieht. Das betrifft zum Beispiel die Ausbeutung von Rohstoffen und die Umweltlasten. Es geht um den überbordenden Transport, der sachlich nicht mehr in jedem Fall zu begründen ist. Wollen wir uns unseren Wohlstand wirklich von anderen erarbeiten lassen, die sozial und politisch unter viel schlechteren Bedingungen leben? Über all das müsste diskutiert werden. Mehr noch: Es sollte sich im Handeln jedes Einzelnen niederschlagen.

Wie können Sie das erreichen?

Genau hier kommt das Futurium ins Spiel. Wir möchten die Besucher auf solche Zusammenhänge aufmerksam machen. Ein Besuch in diesem Haus soll durchaus Folgen haben. Ich bin überzeugt: Nur, wenn man ein Gefühl für die relevanten Fragen bekommt, entwickelt man die Bereitschaft, Zukunft aktiv zu gestalten.

Was ist eigentlich das Futurium?

Zunächst einmal sind wir ein Ort für alle, die Lust haben, die Zukunft zu gestalten. Dabei sind wir vieles gleichzeitig: Zukunftsbühne, Zukunftslabor, Zukunftsmuseum und Zukunftsforum. Etwas Ähnliches gibt es vielleicht auf der ganzen Welt nur einmal, nämlich hier in Berlin.

Könnten Sie diese vier Begriffe bitte ein wenig genauer erklären?

Zukunftsbühne heißt für mich, dass wir eine Brücke schlagen zwischen Wissenschaft, Technik und Künsten. Wir wollen zum Beispiel Dinge, die sich rational kaum oder gar nicht erschließen lassen, künstlerisch übersetzen. Konsequente Interdisziplinarität ist hier keine Floskel, sondern Programm. Wir sind Zukunftslabor, weil wir Menschen zum Mitmachen anregen und sie ermutigen wollen, sich mit Wissenschaft und Technik auseinanderzusetzen. So können unsere Besucher versuchen, einen Roboter selber zu bauen. Dabei verstehen sie dann, wie so etwas funktioniert. Oder sie erfahren, was es mit künstlicher Intelligenz auf sich hat. Im Zukunftsmuseum werden wir eine große Ausstellung haben, die sich kontinuierlich weiterentwickeln wird. Es werden immer wieder neue Ideen dazukommen, allein schon deshalb, weil wir auf rund 3000 Quadratmetern nicht alle Themen der Welt gleichzeitig abdecken können. Im Zukunftsforum werden wir viel Raum für Debatten haben. Diese vier Bereiche gehen ineinander über. Wir können zum Beispiel interessante Dinge aus der Ausstellung in das Zukunftsforum holen.

Wollen Sie auch zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften eine Brücke schlagen?

Auf jeden Fall. Das spiegelt sich ja schon in unserem Programmrat wider, der sich aus renommierten Geistes-, Natur- und Technikwissenschaftlern zusammensetzt. Unsere Gesellschafter stehen für den Brückenschlag zwischen Wissenschaft, Industrie und Politik. Bisher waren wir in Deutschland ja in der Spezialisierung sehr erfolgreich. Nur bin ich wie viele andere auch davon überzeugt, dass wir aus diesem Schubladendenken raus müssen. Diesen Wandel symbolisiert die Architektur des Futuriums, das wie ein Eisbrecher in einer recht einheitlichen Bebauung die Strukturen aufzubrechen scheint.


"Futurium? Na klar, das ist es!"

Lädt das Futurium alle Schichten ein? Politiker, Handwerker, Schüler und Wissenschaftler gleichermaßen? Bieten sie Deutschen an, die Zukunft mitzugestalten? Oder allen Europäern, vielleicht auch allen Menschen der Welt – über das Internet erreicht man heute ja auch sehr abgelegene Regionen?

Wir sind, wie ich es nenne, „radikal offen“ und zielen auf keine bestimmte Gruppe. Wir wollen keineswegs nur die wissenschaftlich Vorgebildeten erreichen. Sondern gerade auch diejenigen, die der Wissenschaft vielleicht auch skeptisch gegenüberstehen. Gerade diesen Menschen wollen wir zeigen, was Wissenschaft leisten kann. Und das im Futurium selbst, aber auch über digitale Kanäle und Social Media. Dabei geht es nicht nur um Erfindungen und Entdeckungen, sondern auch darum, dass gute Wissenschaft permanent die Dinge hinterfragt und sich vom oberflächlichen Schein nicht täuschen lässt, auch wenn er noch so verführerisch wirkt. Wir sind zudem ein Transmitter, der nicht nur die Wissenschaft zu den Menschen bringt, sondern auch das Feedback dieser Menschen zum Beispiel an die Politik übermittelt. Dazu passt unser Standort hervorragend, wir schauen aus unseren Fenstern ja direkt hinüber zum Bundestag und zum Bundeskanzleramt.

Welche Fragen wollen Sie im Futurium bearbeiten?

Ein einfaches Beispiel: Wie wird es möglich sein, zehn Milliarden Menschen auf der Erde nachhaltig zu ernähren? Geht das mit nachhaltiger Landwirtschaft? Was müsste sich dafür konkret ändern? Wir wollen hier ja keine Sonntagsreden halten! Gleichzeitig aber möchte ich nicht, dass die Menschen vor solchen riesigen Fragen ihre eigene, ganz persönliche Neugier vernachlässigen. Zukunft ohne Neugier ist für mich undenkbar. Als ich meinen Kindern erzählt habe, was ich hier tue, haben sie gemeint, da könnten sie doch auch mitmachen! Seitdem fällt bei uns zu Hause der Begriff „Erfindung“ sehr häufig. Genau diesen unverstellten, neugierigen Blick brauchen wir, wenn wir die Zukunft gestalten wollen.

Planen Sie spezielle Programme für Kinder?

Durchaus. Und zwar sowohl mit Kindern allein als auch gemeinsam mit Erwachsenen. Kinder können bei unserem „Open House“ am 16. September zum Beispiel aus Schrottmaterialien Roboter bauen, die dann in einen Wettkampf einsteigen. Wir werden dann mit dem Haus der kleinen Forscher ein spezifisches Kinderprogramm zum Thema Zukunft anbieten. Auch in Zukunft wird es in der Ausstellung eine Mitmach-Ebene für Kinder und Jugendliche geben. Wir wollen aber keine „Kinderecke“ einrichten, sondern glauben, dass solche Programme bei verschiedenen Generationen gleichermaßen funktionieren. Nur verstellen im Laufe der Jahre immer mehr sogenannte Sachzwänge und auch erlebte Erfahrungen den Blick. Genau diese Perspektive würden wir gerne wieder freiräumen. Dieses Staunen und diese Neugier der Kinder würden wir gerne den Erwachsenen nahebringen.

Diese Offenheit bedeutet aber vermutlich auch, dass es verschiedene Möglichkeiten für die Zukunft gibt. Wird so aus der Zukunft nicht „die Zukünfte“, aus Futurium nicht Futuria?

Futurium bezeichnet ja zunächst einmal die Institution an sich, da ist die Einzahl also richtig. Wir werden aber im Untertitel sicher darauf hinweisen, dass die Zukunft verschiedene Szenarien bietet, dass es also Zukünfte gibt. Aber vielleicht schaffen wir es ja auch, dass wir auf den Untertitel verzichten können und die Menschen einfach sagen: Futurium? Na klar, das ist es!

Auf welche Zukunft zielen Sie? Auf die in fünf Minuten oder auf die Zukunft des Jahres 2100?

Im künstlerischen Programm legen wir uns überhaupt nicht auf eine Zeit fest. In den Ausstellungen wollen wir uns auf den Lebenshorizont der heute Lebenden konzentrieren und uns zum Beispiel überlegen, was in den nächsten dreißig oder fünfzig Jahren passieren könnte. Wir werden aber auch Platz zum Träumen schaffen, der über diesen Horizont hinaus- schaut und sozusagen die Zukunft hinter der Zukunft in den Blick nimmt.

Kann dieser Blick in die Zukunft überhaupt funktionieren? Schließlich konnte vor 50 Jahren niemand ahnen, dass wir heute pausenlos Handys und das Internet nutzen, weil es sie und viele anderen Dinge noch nicht gab. Vieles ist gleichzeitig verschwunden. So gibt es heute kaum noch Kinos ...

… weil ich heute mein Kino in Form meines Smartphones in der Tasche stecken habe. Und was das „Nicht-Ahnen-Können“ des Internets angeht, gibt es ein schönes Gegenbeispiel: Der englische Erzähler Edward Morgan Forster schrieb1909 eine heute kaum noch bekannte Science-Fiction-Kurzgeschichte „Die Maschine steht still“. Dort beschreibt er Menschen, die unterirdisch leben und nur noch über eine Maschine mit anderen kommunizieren. Kaum einer von ihnen weiß, wie diese Maschine überhaupt funktioniert. Direkte zwischenmenschliche Interaktion gilt als veraltet, ja gefährlich. Die Menschen liefern sich letztlich bis auf wenige „Renegaten“ fast vollkommen der Maschine aus, der sie sogar noch unbegrenzt vertrauen, als sie ausfällt. In dieser Geschichte wurde das Internet also bereits vor mehr als hundert Jahren gedanklich angelegt. Und das nicht von einem strukturiert denkenden Wissenschaftler, der damals vielleicht eher an der Perfektionierung des Telegrafen geforscht hätte.

Nein, es war ein Künstler, der einfach seine Ideen ohne Scheuklappen entwickelt und Beobachtungen und Empfindungen verknüpft hat. In diesem Mut zum gedanklichen Sprung steckt aber auch eine Kernbotschaft des Futuriums: Wir möchten uns gar nicht so sehr mit der passiven Frage „Wie werden wir leben?“ beschäftigen, sondern viel lieber mit der aktiven Frage „Wie wollen wir leben?“ Und ich bin mir sicher, dass diese Antwort anders, nämlich ermutigender ausfällt als die Zukunft, die Edward Morgan Forster beschrieben hat.

Das Gespräch führte Roland Knauer.

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