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  • 08.08.2017
  • von Anja Kühne, Tilmann Warnecke

Berliner Universitätsklinikum: Die Schmerzen der Charité

von Anja Kühne, Tilmann Warnecke

Für die Forschung brennen. In der ARD-Serie „Charité“ lässt sich Robert Koch (Justus von Dohnanyi, links) als Selbstversuch Tuberkulin von Paul Ehrlich (Christoph Bach) spritzen. Heute sorgen sich Professorinnen und Professoren um sinkende Drittmitteleinwerbungen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Foto: Foto: Nik Konietzny/ARD/dpa

Wissenschaftler an Berlins Uniklinikum klagen über den Spardruck und fehlende Zeit für die Forschung. Das schlägt sich auch in schwächelnden Forschungsprojekten nieder.

Der Stararzt Emil Behring rettet mit einer verwegenen Blinddarmoperation einer jungen Waise das Leben, Robert Koch besiegt die Tuberkulose, der weltweit gefeierte Rudolf Virchow thront auf seinem Lehrstuhl für Pathologie: Als Weltzentrum der Medizin präsentierte die ARD-Serie „Charité“ Berlins ältestes Krankenhaus im Frühjahr imagefördernd im Abendprogramm. Charité-Chef Karl Max Einhäupl forderte damals alle Mitarbeiter in einer Rundmail auf, in den sozialen Medien Werbung für die historische Soap zu machen: „Denn nur, wenn die Serie gut bei den Zuschauern ankommt und entsprechende Einschaltquoten erzielt werden, kann die Produktionsfirma die nächste Staffel produzieren (…). Ich wünsche Ihnen ein schönes Fernsehvergnügen“, schrieb Einhäupl.

Indes, die TV-Reise in die goldene Klinikzeit des 19. Jahrhunderts steht aus Sicht so mancher Mitarbeiter im krassen Gegensatz zur heutigen Realität. „Besorgniserregend“ sei die Lage der Charité, sogar „katastrophal“ die ihrer Forschung, heißt es in einer Mail eines Professors an seine „lieben Kollegen“, die dem Tagesspiegel vorliegt. Der Klinikrat wandte sich mit einem Schreiben an den Aufsichtsrat des Uniklinikums: sinkende Drittmitteleinnahmen, „überlastetes und überfordertes Personal“ sowie „erhebliche Struktur- und Kommunikationsdefizite“ bedrohten die Wettbewerbsfähigkeit der Charité. Ein Professor, der aus Protest über die Situation seine Klinikleitung niederlegen will, lehnte die Einladung des Charité-Vorstands zu einem Abendessen ab, „weil ich befürchte, dem einladenden Vorstand könnte das Essen im Halse stecken bleiben, wenn wir uns dann in gemütlicher Atmosphäre über die Lage der Charité unterhalten“, wie er in einer Mail an die Chefetage schrieb. – Was ist los mit der Charité?

Die Forschung schwächelt

Tatsächlich schwächelt die Forschung. Die Zahl der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekte ist gesunken, die DFG-Mittel gingen zwischen 2014 und 2016 von 47,5 Millionen auf 37,6 Millionen Euro, also um fast ein Viertel, zurück. Doch gerade DFG-Mittel gelten in der deutschen Wissenschaft als entscheidende Messlatte für die Forschungsstärke.

So hatte die Charité im Jahr 2006 noch acht der bedeutenden Sonderforschungsbereiche (SFBs) mit Sprecherfunktion (Sprecheruni zu sein bedeutet, den ganzen Verbund anzuführen). Aktuell sind nur noch drei übrig geblieben. Die Uni Heidelberg, die an der Charité gerne zum Vergleich herangezogen wird, verfügt in der Medizin dagegen über acht. Im kommenden Jahr laufen zwei der übrig gebliebenen Charité-SFBs aus. Der dritte muss verlängert werden. Wird daraus nichts und erhält die Charité bis dahin keine neuen SFBs, würde sie ganz ohne einen SFB mit Sprecherfunktion dastehen.

Bei den Publikationen blicken viele neidisch auf das Stockholmer Karolinska Institut: Die Schweden würden viermal mehr Artikel mit einem hohen Impact-Faktor, also häufig zitierte Arbeiten, herausbringen, heißt es in einem internen Charité-Vergleich, der auf Schätzungen beruht.

Schon 2015 hatte die Charité in ihrem Leistungsbericht an den Berliner Senat davor gewarnt, dass ihre Spitzenstellung in Deutschland „in Gefahr gerät, wenn der Prozess nicht umgekehrt werden kann“ (hier der gesamte Bericht). Während andere Uniklinika bei den Drittmitteln insgesamt höhere Wachstumsraten aufweisen, hat sich die Charité seit 2010 bei rund 150 Millionen Euro im Jahr eingependelt – nach dynamischen Zuwächsen in den Jahren zuvor.

Allerdings wirbt die Charité noch immer deutlich mehr ein als andere Uniklinika. Heidelberg etwa lag im vergangenen Jahr bei 105,5 Millionen Euro Drittmitteln, die beiden Münchner Uniklinika warben zusammengenommen im vorvergangenen Jahr rund 136 Millionen Euro ein. Andere Standorte kamen ohnehin nicht über 100 Millionen Euro.

Junge Kräfte würden in den Routinen der Kliniken "verheizt"

Warum sind gerade die DFG-Mittel an der Charité rückläufig? „Weil unsere Ärzte keine Zeit mehr haben, zu forschen“, sagt ein Professor. Junge Kräfte, die gehofft hätten, sich an der Charité habilitieren zu können, würden frustriert. In den unterfinanzierten Kliniken würden sie „verheizt, um Routinen abzuarbeiten und Erlöse zu generieren“. Allerdings gebe es unter den Ärztinnen und Ärzten auch „Masochisten“, die dennoch Forschungsanträge schrieben – nach getaner Klinikarbeit bis tief in die Nacht. „Die Charité ist ein Universitätsklinikum. Hier sollten Forschung und Lehre an erster Stelle stehen“, sagt der Professor. „Das ist aber komplett verloren gegangen.“ Tatsächlich bezeichnet sich die Charité offiziell als „Unternehmen“ – die Wissenschaft wird dabei zur Nebensache.

Axel Pries, der Dekan der Charité, hält die Lage in der Forschung hingegen nicht für dermaßen dramatisch. Natürlich wolle die Charité auch bei den DFG-Mitteln Spitze sein. „Aber das Bild ist gemischt“, sagt Pries. Im Jahr 2016 habe die Charité einen Höchststand bei den Drittmitteln erreicht, nämlich 153,4 Millionen Euro.

Da aufwendige DFG-Anträge wegen der knappen Personaldecke jedoch nicht gut gestemmt werden könnten, würden viele Forscher lieber Mittel vom Bundesforschungsministerium beantragen, die mit weniger Aufwand zu bekommen seien. Christine Sers, die die Forschungskommission der Charité leitet, sagt: „Ich sorge mich wie alle anderen. Aber wir können auch nicht jeden Tag mit hängenden Mundwinkeln rumlaufen. Die Charité ist nach wie vor eine Klinik mit vielen tollen und hochqualifizierten Forschern.“ Diese verdienten „optimale Startbedingungen“. Daher seien bereits „umfangreiche Maßnahmen“ auf dem Weg, die Forschungsanträge besser unterstützen sollen.

Die Charité ist unterfinanziert

Ein Grund für die Schwächen in der Forschung kann der Generationenwechsel bei den Professorinnen und Professoren sein. Die entscheidende Ursache sieht Pries bei der Unterfinanzierung der Charité. Wegen der Haushaltsnot verhängte der Berliner Senat im Jahr 2002 eine Sparauflage von 98 Millionen Euro über die Unimedizin – das entsprach dem Umfang einer ganzen Fakultät. Das Steglitzer Uniklinikum Benjamin Franklin (UKBF), also die medizinische Fakultät der FU, sollte abgewickelt und in ein städtisches Krankenhaus umfunktioniert werden. Nur nach massiven Protesten wurde das verhindert. Stattdessen wurde das UKBF in die Charité integriert, die seitdem die gemeinsame medizinische Fakultät von FU und Humboldt-Universität ist. Bei der Sparsumme blieb es aber.

Der Tiefststand war im Jahr 2010 erreicht, in dem die Charité ihr 300-jähriges Jubiläum feierte. Damals standen ihr noch 177 Millionen Euro vom Land zur Verfügung. Erst seitdem geht es langsam wieder aufwärts, die Charité hat in diesem Jahr einen Landeszuschuss von 207 Millionen Euro.

Doch auch damit liegt sie erst bei 73 Prozent der Summe, über die sie noch im Jahr 2004 verfügen konnte. Andere starke Uniklinika hätten im gleichen Zeitraum mit Zuwächsen von 40 bis 70 Prozent bei den Landeszuschüssen arbeiten können, sagt Pries. Im Vergleich mit außeruniversitären Einrichtungen sei die Konkurrenzsituation „noch kritischer“.

Dass die Charité zwischen 2018 bis 2022 vom Land jährlich 3,5 Prozent höhere Zuschüsse bekommt, wird an dem Uniklinikum zwar gewürdigt. Doch bessere Bedingungen werden nicht erwartet. Der größte Teil der Mittel werde bloß steigende Kosten ausgleichen, heißt es.

Gebeutelt wird die Charité nicht zuletzt von der Finanzierung durch Fallpauschalen, die für die Hochleistungsmedizin eines Uniklinikums viel zu knapp bemessen sind. Im Jahr 2015 machten fast zwei Drittel der 32 Uniklinika in Deutschland einen Verlust von mehr als eine Million Euro. Nur zehn Prozent der Klinika schafften einen Gewinn von über eine Million Euro. Die Charité war darunter.

Die Uniklinik fordern den Systemzuschlag

Die Uniklinika fordern wegen dieses strukturellen Nachteils seit Langem einen „Systemzuschlag“. Dieser Zuschlag ist in fast allen Ländern Westeuropas üblich, etwa in den Niederlanden oder Österreich. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will davon aber nichts wissen. Er stellte den Uniklinika lediglich in Aussicht, dass sie für diejenigen Patienten mehr Geld erhalten, die in den Hochschulambulanzen behandelt werden. Aus Sicht der Uniklinika ist das nur ein kleiner Bereich, der den Systemzuschlag nicht ersetzen kann. Dennoch sollten dadurch bis zu 265 Millionen Euro zusätzlich ins System fließen. Zwar haben Bund und Länder die gesetzlichen Vorgaben inzwischen entsprechend geändert. Geld haben die Uniklinika aber noch nicht gesehen. Wie es weitergeht, hängt maßgeblich von den Krankenkassen ab.

Den hohen Kostendruck leitet der Charité-Vorstand an die etwa 100 Kliniken und Institute weiter. „Es geht nur um Erlöse, und jedes Jahr muss es mehr Erlöse geben“, sagt ein Klinikdirektor. Die Klinikchefs haben zudem mit Einsparungen zu rechnen. Wie Pries es formuliert: „Die künftigen Jahre bergen zusätzliche Risiken, da die Infrastruktur der Charité in vielen Bereichen veraltet ist und dringend erneuert werden muss.“

Neue Kosten könnten auf die Charité auch zukommen, weil die Berliner Koalition die Integration des Charité Facility Management (CFM) in das Uniklinikum und eine Angleichung der Löhne wünscht. Allein das kostet die Charité 4,5 Millionen Euro. Werden die Löhne wie vom Senat angestrebt mittelfristig sogar an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes angeglichen, könnten Mehrausgaben von bis zu 29 Millionen Euro zusammenkommen. Im Koalitionsvertrag stellt der Senat vage Hilfe in Aussicht. Kommt es dazu nicht, könnte die Charité wieder ins Defizit abrutschen.


Das BIG sucht eine Leitung - und am Charité-Vorstand gibt es Kritik

Angesichts der schwierigen Situation der Charité beneiden manche ihrer Wissenschaftler das junge Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG). Dort werden mit viel Bundesgeld exzellente Bedingungen für die Spitzenforschung geschaffen. Rechtlich ist das BIG sogar die Mutter der Charité. Manche an der altehrwürdigen Charité fühlen sich dadurch gekränkt.

Allerdings sind Charité-Wissenschaftler über das Clinical Scientist Programm an Forschungsprojekten des BIG beteiligt – eine Chance: „Gäbe es das BIG nicht, wäre die Situation noch viel frustrierender (…) die Forschung ist aus unseren Kliniken nahezu verbannt“, mailt ein Professor. Doch nachdem BIG-Chef Erwin Böttinger das Institut verlassen hat und eine neue Leitung erst noch gefunden werden muss, sorgt man sich nun auch um das BIG: „Der Tanker Charité schrammt über den Meeresboden, das Schnellboot BIG liegt mit wirr rotierenden Propellern im Strandgebüsch, sein Kapitän hat das Weite gesucht“, stellt ein weiterer Professor fest.

Kritik am Charité-Vorstand

Auch eine Nachfolge für Charité-Chef Karl Max Einhäupl muss gefunden werden. Seine Amtszeit endet im nächsten Jahr. Ob und wie lange er danach noch bleibt, soll der Regierende Bürgermeister mit ihm aushandeln. Die Berliner Politik ist Einhäupl nicht zuletzt dafür dankbar, dass er einen ausgeglichenen Haushalt vorgelegt hat. An der Charité nehmen manche Einhäupl gerade das aber übel. Er erfülle die ruinösen Anforderungen des Senats „opportunistisch“. Während die Charité finanziell ausgewrungen werde – Einhäupls eigenes Fach, die Neurologie, sei davon ausgenommen –, ringe sich der Vorstand nicht zu nötigen Schwerpunktsetzungen durch: „Wenn es auch wehtut, muss man vielleicht auch auf Bereiche verzichten, damit die anderen besser stehen können“, sagt einer.

Die Charité weist diese Vorwürfe zurück. „Natürlich ringt der Vorstandsvorsitzende ständig mit der Berliner Politik um eine bessere Finanzierung“, erklärt Charité-Sprecher Uwe Dolderer. „Würde er es nicht tun, wäre die Lage noch schwieriger.“ Auch werde gerne vergessen, dass Einhäupl maßgeblich am Zustandekommen der Bundesförderung für das BIG beteiligt war. Und „Quatsch“ sei, dass die Neurologie an der Charité besonders weich gebettet sei. Allerdings habe sie das einzige Cluster der Charité im Exzellenzwettbewerb eingeworben („NeuroCure“) und sich somit selbst konkurrenzfähige Forschungsbedingungen verschafft. Was die Schwerpunktsetzung angehe, so habe die Charité schon vor längerer Zeit einen umfangreichen Prozess durchlaufen und die sechs bekannten Schwerpunkte gesetzt. Dazu gehören etwa Neurowissenschaft, Onkologie und seltene Erkrankungen.

Auch ein externer Kenner der deutschen Unimedizin sieht nicht mehr viele Möglichkeiten für eine Profilbildung an der Charité: „Da hat man im Vergleich zu früher schon ziemlich gut sortiert.“ Erst recht hält er eine neue Standortdebatte für überflüssig: Der Charité einen Campus zu streichen und sie somit zu verkleinern würde im internationalen Wettbewerb sicher nicht helfen. „Eine auskömmliche Grundfinanzierung und eine größere Autonomie sind viel wichtigere Faktoren für den Erfolg.“ Leider sei im Aufsichtsrat der Charité zwar die Berliner Politik vertreten, nicht aber Sachverstand zur Leitung eines Uniklinikums.

"Absoluter trumpistischer Machtanspruch"

Vorwürfe erheben Wissenschaftler auch gegen den Führungsstil des Vorstands, besonders Einhäupls. Er agiere mit „absolutem trumpistischen Machtanspruch“, heißt es. Als prominente Opfer gelten die frühere Dekanin Annette Grüters-Kieslich und der frühere BIG-Chef Böttinger, der es gewagt habe, von Einhäupl abweichende Meinungen zu vertreten und schließlich aus seiner Position verdrängt worden sei. Grüters-Kieslich hatte im Jahr 2014 ihr Amt als Dekanin im Streit mit Einhäupl um Forschungsmittel niedergelegt und ist heute Vorstandsvorsitzende des Uniklinikums Heidelberg. Mehrfach zu hören ist auch, der Vorstand mische sich in Berufungsverfahren ein – und missachte dabei Exzellenzkriterien.

Laut Pries sind solche Vorwürfe „absolut unbegründet“. Tatsächlich habe es bei einzelnen Berufungen „gekracht“. Allerdings nicht wegen Eingriffen des Vorstands. Der Vorstand und die Fakultätsleitung kommunizierten „fair und transparent“ mit den Berufungskommissionen, aber wegen der gebotenen Vertraulichkeit ließen sich nicht alle Details aus den Berufungsverhandlungen teilen.

Die Charité steht unter einem enormen wirtschaftlichen Druck, sagt Pries. Seit sechs Jahren erwirtschafte sie positive Jahresergebnisse. „Dies konnte nur mit konsequenter innerer Führung gelingen, und mit breiter Unterstützung innerhalb der Organisation.“ Die notwendigen Maßgaben seien aber oft hart und erzeugten enormen Druck. Nachvollziehbarerweise entlade sich manchmal der Zorn der unter ständigem Sparstress stehenden Kliniken und Institute am Vorstand. „Wo Rauch ist, ist auch Feuer, und die Situation der Charité ist wirklich nicht einfach“, sagt Pries. „Wenn unsere Leistungsträger sich beschweren, müssen wir das ernst nehmen.“ Als ersten Schritt habe der Vorstand bereits beschlossen, „die Kommunikation aktiv zu intensivieren“.

Das Fazit

Die Finanzen der Charité dürften sich in der nächsten Zeit nur wenig entspannen. Pries hofft, dass es trotzdem bald wieder Erfolge bei den DFG-Mitteln gibt: „Wir haben zunehmend gute Anträge und Konzepte in der Pipeline, und die Maßnahmen zur Unterstützung der Antragstellerinnen und Antragsteller greifen.“

Unterdessen lässt die ARD bereits die Drehbücher für die zweite Staffel der „Charité“-Serie schreiben.

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