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  • 09.01.2017
  • von Christoph Stöppler

Berliner Fotograf in Detroit: Wie junge Farmer die Pleitestadt der Autoindustrie erobern

von Christoph Stöppler

Vorerst geschlossen. Dieser Laden für Cadillac-Zubehör war 2014 verfallen. Foto: Christoph Stöppler

In Detroit schlug einst das Herz der US-Autoindustrie. Jetzt steigt dort wieder die berühmte Detroit Motor Show. Im Herbst 2014 zog ein Berliner Fotograf durch die fast entvölkerten Straßen im Zentrum der Pleitestadt. Hier nochmal sein Bericht

Im Februar 2013 hatte die Regierung des US-Bundesstaates Michigan die verarmte Metropole Detroit unter Zwangsverwaltung gestellt. 2014 zog der Berliner Fotograf Christoph Stöppler kreuz und quer durch die Stadt, um ihren Verfall rund um die Downtown und zu dokumentieren - und einem damals neuen Trend nachzuspüren: Dem "Urban Farming". Junge Leute besetzten Brachflächen, um Bio-Landwirtschaft zu betreiben. Einige Fotos von dieser Reise gibt es an dieser Stelle zu sehen, weitere Motive der Reihe aktuell auch in der Ausstellung "Detroit Images" in der Caritas Galerie in Berlin - noch bis zum 3. Februar 2017. (Hier die Adresse und Öffnungszeiten).

Detroit: Wo 1908 Fords "Model T" vom Band rollte

Der junge Farmer Noah Link steht auf seinem Feld, sein Blick wandert entlang der Reihen mit Kohl und Salat hinüber zu den Obstbäumen, den Gewächshäusern, „alle mithilfe freiwilliger Helfer gebaut“, sagt er. Dann weiter zu den Hühnern: Wo die jetzt gackern, kreischten einmal Kinder auf dem Schulhof – Arbeiterkinder aus dem Norden von Detroit, Michigan. Diese Stadt galt einst als eine der reichsten Metropolen der Welt, sie war das Herz der US-Automobilindustrie: Detroit Motor City. Aber das trifft es heute nicht mehr.

Die Stadt ließ die Schule mangels Schülern vor Jahren abreißen. Da kam Noah aus Lansing, der Hauptstadt Michigans, nach dem Studium mit einem Freund, kaufte dem Staat die fünf Acres, etwa zwei Hektar Schulgelände, ab und baute dort seine Farm Foodfield auf – nur wenige Straßen entfernt vom heute nicht mehr so stolzen Villenviertel Boston Edison, wo einst auch Henry Ford lebte. Der brachte 1908 das legendäre Model T auf den Markt, das erste Fließbandauto der Welt und bis 1972 das meistverkaufte Auto überhaupt.

„The city that changed the world“, wie der Detroiter Fotograf Bill Rauhauser (95) seine Stadt einst nannte, erlebte einen beispiellosen Niedergang: Fast alle Fabriken in der Stadt, die sich fast ausnahmslos auf die Automobilindustrie konzentrierten, stehen heute leer. Einige schon seit mehr als 40 Jahren, andere erst seit der Wirtschaftskrise ab 2008. Im Juli 2013 musste Detroit Insolvenz anmelden und steht nun als erste US-Großstadt unter Zwangsverwaltung: Von einst 1,8 Millionen Einwohnern sind nur 700 000 geblieben, viele von Ihnen leben unterhalb der Armutsgrenze. Geschätzte 80 000 Häuser und Wohnungen stehen leer.

Mit die höchste Kriminalitätsrate der USA

Die Stadt hat eine der höchsten Kriminalitätsraten der USA, die Feuerwehr und Polizei lassen schon einmal eine Stunde auf sich warten, zeigen Statistiken. Schulen und Krankenhäuser wurden geschlossen.

Die so entstandenen Freiräume locken seit wenigen Jahren Kulturschaffende in leere Fabriketagen. Die internationale Club-Szene feiert Detroit längst als „das Berlin der frühen 90er“. Doch die Träger des neusten Trends dieser Stadt kommen eher un-hip daher: Wie die ersten Siedler erobern auch sie dieses Land in der Stadt zwischen verrammelten Häusern mit dem Spaten, sie betreiben Kleinviehzucht entlang der „8 Mile Road“, die die Stadt von den wohlhabenderen Vororten trennt, bekannt aus dem Film des Rappers Eminem aus dem Jahr 2002.

Acker- statt Autobau: Das klingt wie Rückschritt, kommt aber fortschrittlich daher. So gewinnt Noah Link seinen Strom aus Solarzellen, er legt auch Wert darauf, dass seine Produkte „organic“, also „bio“, sind. Auch wenn er sie nicht so nennen darf, weil er sich – wie die meisten Urban Farmer Detroits – die Kosten für die Zertifizierung sparen will.

Auf dem „Eastern Market“, dem größten Handelsplatz für Detroiter Agrarprodukte, wird der Wettbewerb zwar stärker, berichtet Noah, „aber derzeit ist noch genug Platz für alle da“ – obwohl diese Landwirtschaft für ihn und seinen Kompagnon nicht genug zum Leben abwirft: Neben dem Marktverkauf beliefern sie zusammen mit vier weiteren Farmen 80 private Haushalte mit wöchentlichen Obst- und Gemüsekisten. Die gesamte Ernte kann er so absetzen. Und sollte doch einmal etwas übrig bleiben, spendet er es an karitative Einrichtungen. Nebenbei arbeitet Noah in einem Restaurant.


Detroit gilt als "Food Desert"

Detroit gilt als „Food Desert“, als Ort, an dem Bewohner kaum bis keinen Zugang zu bezahlbaren und gesunden Lebensmitteln haben. Mit der kaufkräftigen Mittelschicht sind in den letzten Jahrzehnten auch die meisten Supermärkte in die Vororte abgewandert. Was blieb, waren die vielen Corner- und Liquor-Stores mit billigem Fast-Food. Herz-Kreislauf- Erkrankungen oder Diabetes sind entsprechend verbreitet.

Das junge Ehepaar Sam (23) und Katelyn Becze (24) haben sich zum Ziel gesetzt, die Bevölkerung mit gesunden und frischen Lebensmitteln zu versorgen und den Kindern im Viertel Interesse und Wissen über den Anbau von Lebensmitteln zu vermitteln. Sie stammt ursprünglich aus Texas, er aus Indiana. Mit Detroits Pleite 2013 kamen sie nach dem Studium in Chicago nach Detroit, genauer nach Hamtramck, einem der vielen kleinen selbstständigen Orte, um die Detroit im Laufe der Jahre herumgewachsen ist und die mittlerweile als Enklave von Detroit umschlossen werden.

Sam und Katelyn kauften ein Grundstück von nur 0,3 Hektar und gründeten ihre Firma Terra Farms. Die wirkt derzeit eher noch wie ein überdimensionierter Gemüsegarten. In der Mitte steht eine halb fertige selbst gebaute Holzhütte. Den Bau konnten sie noch nicht vollenden, da dafür eine Genehmigung der Stadt erforderlich ist; Bürokratie ist demnach kein rein deutsches Phänomen. Das Wasser für die Farm können sie direkt aus dem Hydranten an der Straße nehmen. Wegen des hohen Eisengehaltes des Löschwassers schimmert der Wassertank mitten auf der Farm rot in der Sonne.

Obstkisten für eine "Lebensmittelwüste"

Derzeit sind Sam und Katelyn dabei, ihr erstes Gemüse zu ernten: Salat, Paprika, Broccoli und vor allem Grünkohl verkaufen die beiden Veganer auf einem örtlichen Bauernmarkt und an Restaurants. „Der Absatz ist noch ein Problem im ersten Jahr“, sagt Sam. Sie haben sich daher auch einer Organisation angeschlossen, die Haushalte mit Gemüse- und Obstkisten versorgt. Kunden erhalten von Juni bis Oktober 20 Wochen lang je eine Kiste Frischgemüse aus Michigan für 350 Dollar (276 Euro), also für 17,50 Dollar (gut 13 Euro) die Woche. Das reicht auch für sie noch nicht zum Leben: Sam muss in einer der letzten Fabriken für Autoteile jobben, Katelyn bei einer Hilfsorganisation.

Freiwillige Arbeit spielt eine große Rolle im Selbstverständnis der Detroiter. An sehr vielen Straßenecken findet man „Community Gardens“, von Freiwilligen betreute Gärten, die ärmeren Menschen in der Nachbarschaft helfen sollen, an gesunde Lebensmittel zu kommen. Ehrenamtliche bringen Kindern dort bei, wie man Gemüse und Obst anbaut.

Mitten in Downtown Detroit steht Devin Kuziel (22) in den Lafayette Greens, einem Sozialprojekt. Hier werden schon seit 2011 auf einem kleinen Areal Obst und Gemüse angebaut, nachdem an der Stelle das 13-geschossige Lafayette Building von 1923 abgerissen worden war. Die studierte Umweltwissenschaftlerin ist eine der wenigen hauptamtlich Beschäftigten. Sie erklärt, dass die Pflanzen hier in Hochbeeten wachsen müssen, da der Boden in Downtown zu verschmutzt sei. Das Obst und Gemüse, das hier wächst, gilt nun als „bio“ und wird den freiwilligen Helfern, bedürftigen Nachbarn oder Flüchtlingen in der Stadt zur Verfügung gestellt.

Die Stadt gibt Grundstücke - bis bessere Zeiten kommen

Das Grundstück hat die Stadt Detroit kostenlos zur Verfügung gestellt. Sollte es mit der Stadt irgendwann einmal wieder aufwärtsgehen, erklärt Devin, könne die Verwaltung den Platz jederzeit wieder zurückverlangen. Sie sieht darin kein Problem, dann ziehe man eben einfach weiter, „es gibt genug ungenutzten Platz in der Stadt“, sagt sie.

Ob sozial oder kommerziell erzeugt: Viele dieser City-Lebensmittel landen an dem bekanntesten Markt der Stadt, dem Eastern Market, gegründet in den 1890er-Jahren. Er gilt als der größte historische Markt der USA. Jeden Sonnabend verkaufen hier in den Markthallen am nordöstlichen Rande von Downtown Farmer aus ganz Michigan. Tausende Besucher kommen jede Woche.

Auf Schildern an den Ständen heißt es oft „Grown in Detroit”. Hier, auf kleinem Raum, trifft man die Ur-Detroiter, die den Glauben an ihre Stadt noch nicht verloren haben. Und die Künstler und Touristen, die die Pleitestadt zunehmend für sich entdecken.

Derzeit kann man sich kaum vorstellen, dass es wieder einen industriellen Aufschwung gibt und die neuen Farmer zurück aufs Land verdrängt werden. Aber wer weiß? Am ehemaligen Detroiter Hauptbahnhof jedenfalls, der Michigan Central Station, erzählt ein freundlicher Obdachloser für ein paar Dollar die Geschichte dieses Gebäudes im neoklassizistischen Stil. Vor gut 26 Jahren wurde hier der letzte Amtrak-Zug abgefertigt, seither galt der 18-geschossige Riesenbau lange als Spielplatz für Vandalen und Junkies. Doch der Mann deutet auf die oberste Fensterreihe. Er habe gehört, der Bau gehöre mittlerweile einem reichen Privatmann, der hier Wohnungen errichten möchte. Zum Test habe der schon verschiedene Fenster in die Ruine einbauen lassen, um zu schauen, welche sich für den Ausbau eignen würden. Aber bis an diesem Ort wirklich Mieter einziehen, dürfte noch so manche Ernte eingefahren werden.

Mitarbeit: Kevin P. Hoffmann

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