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  • 25.04.2012
  • von Anika Kreller

„Notschlachtung“

von Anika Kreller

Thilo Sarrazin erzählt vom Ende der DDR – und ruft reichlich Empörung hervor

Das Ende der DDR ist noch immer eine emotionale Angelegenheit für viele – und Thilo Sarrazin hat noch immer eine ganz spezielle Beziehung zu sensiblen Themen. Das zeigte sich wieder bei der Vorstellung des Buches „Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand“ (Pantheon Verlag) von Dirk Laabs am Montagabend in Berlin. Mit auf dem Podium im dbb-Forum saß Sarrazin und sorgte mehrmals für empörtes Raunen im Publikum. Anfang der 90er führte er im Bundesfinanzministerium die Aufsicht über die Treuhandanstalt, die umstrittene Institution, die nach der Wende die ostdeutschen Betriebe in die Marktwirtschaft überführen sollte und für drei Millionen Menschen keine Arbeit mehr fand. Einige davon sitzen an diesem Abend im Publikum und erleben auf der Bühne den Bürokraten Sarrazin, für den sich die Wende vor allem als Kostenfrage in einer fünfspaltigen Excel-Tabelle vollzog. „Mir war klar: Wir Westdeutschen müssen für alles zahlen“, sagt Sarrazin. „Die Frage war, wie man das in eine rationale Form bringen kann.“

Während Sarrazin spricht, starrt Detlef Scheunert am anderen Ende des Podiums auf seine Hände. Dann erklärt der einzige von 46 Treuhand-Direktoren, der aus dem Osten kam, was seiner Meinung nach schiefgelaufen ist: Am Ende habe die Wertschätzung für die Arbeit, für das Leben der Menschen im Osten gefehlt. Es fehlte das Fingerspitzengefühl.

Es fehlt auch Sarrazin an diesem Abend. Sein Fazit der Treuhandarbeit: „Es war eine Notschlachtung, so wie die Schweine damals gekeult wurden, die keiner mehr essen wollte.“ Unruhe entsteht im Publikum. Christa Luft meldet sich zu Wort. Bis jetzt saß die ehemalige Wirtschaftsministerin der DDR-Übergangsregierung still im Publikum. „Es war nicht alles Schrott, es gab Fachkräfte, Märkte, Forschungsergebnisse, an denen sich bereichert wurde“, wendet sie sich an Sarrazin. Der sitzt tief im Ledersessel, ein Arm baumelt über die Lehne. Das Statement ignoriert er. Stattdessen dreht er sich zu Autor Dirk Laabs und hält einen Kurzvortrag über den Kapitalismus.

Erst dann wendet Sarrazin sich der eigentlichen Frage zu: „Es gab Glücksritter, aber sie haben sich nur an einer Quelle bedient: Dem Geld von West nach Ost“, sagt er. „Das stimmt nicht“, ruft es aus dem Raum. Auf eine Diskussion lässt sich Sarrazin nicht weiter ein. „Ostdeutschland hat am Ende profitiert.“ Auch dass das Buch vor allem die mangelnde Kontrolle bei den Privatisierungen – und damit Sarrazins Zuständigkeit damals – kritisiert, ficht ihn nicht an: Es habe eben „ein absoluter Mangel an Übersicht geherrscht“. Anika Kreller

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