• 02.09.2010
  • von Von David C. Lerch

Von David C. Lerch: Countdown für Karstadt

von Von David C. Lerch

Wie geht’s weiter? Auch nach knapp 15 Monaten Insolvenz ist die Zukunft der Warenhauskette Karstadt und von rund 25 000 Mitarbeitern weiterhin unsicher. Foto: dpa

Heute beraten die Gläubiger der Immobilien. Eine Einigung scheint in Sicht. Ende gut, alles gut?

In einer feinen Anwaltskanzlei in der Londoner City wird am heutigen Donnerstag über das Schicksal vieler deutscher Warenhäuser entschieden. Zumindest sehr wahrscheinlich. Denn bei aller gebotenen Skepsis, die das langwierige Geschacher um die insolvente Kaufhauskette Karstadt nahelegt, scheint nun die Stunde der Wahrheit tatsächlich gekommen zu sein. Der Privatinvestor Nicolas Berggruen und das Konsortium Highstreet, Vermieter von 86 der 120 Filialen, haben sich auf niedrigere Mieten geeinigt. Nur die Gläubiger von Highstreet müssen die geringeren Einnahmen noch akzeptieren.

Das wird aber allgemein erwartet. „Die Gespräche gehen alle in die richtige Richtung“, erklärte Richard Speich, Sprecher von Highstreet, am Mittwoch. „Wir sind optimistisch, dass die Abstimmung in London so abläuft, wie sich die Beschäftigten das erhoffen“, sagte die stellvertretende Verdi-Chefin Margret Mönig- Raane dem Tagesspiegel. Das sei in den vergangenen Wochen nicht immer so gewesen.

Für Unruhe und zahlreiche Gerüchte hatte der italienische Kaufhausmogul Maurizio Borletti gesorgt, der Anfang August und erneut am vergangenen Wochenende ein eigenes Angebot für Karstadt vorgelegt hatte. Borletti ist mit einem geringen Anteil von zwei Prozent an Highstreet beteiligt und steckte bereits hinter dem Konzept, das die Vermietergruppe im Mai vor dem Gläubigerausschuss vorstellte, der sich dann für Berggruen entschied.

Im seit Monaten schwelenden Poker um Karstadt ist Borletti der einzige, der wirklich über Erfahrung mit Warenhäuser verfügt. Sowohl die italienische Kaufhauskette „La Rinascente“ als auch die französischen Häuser von „Printemps“ zählen zu seinem Imperium. Bei beiden Investments ist auch eine Tochter der Deutschen Bank beteiligt, die wiederum neben der US-Bank Goldman Sachs zu den Haupteigentümern von Highstreet gehört.

Das sorgte für Verwirrung. „Wir hatten befürchtet, dass Borletti als Strohmann der Deutschen Bank vorgeschickt wurde, um bei Karstadt ein Zerschlagungszenario vorzubereiten“, sagte Mönig-Raane. Die Gerüchte gingen so weit, dass sich selbst Berggruen öffentlich über die Rolle des Frankfurter Geldhauses beschwerte. Dei Deutsche Bank blockiere die Verhandlungen mit Highstreet, lautete der Vorwurf.

Das scheint nun vom Tisch. Deutsche- Bank-Vorstand Jürgen Fitschen stellte sich hinter die Offerte von Berggruen. Der Insolvenzverwalter von Karstadt, Klaus Hubert Görg, lehnte das Angebot von Borletti zweimal vehement ab. Auch bei Highstreet hieß es am Mittwoch: „Die Frage nach Borletti stellt sich nicht.“

Doch auch bei Berggruen gibt es noch einige strittige Fragen – und wenig Zeit, sie zu klären. Am Freitag um 10 Uhr entscheidet das Amtsgericht Essen, ob die Bedingungen des Kaufvertrags erfüllt sind und Berggruen damit das insolvente Unternehmen übernehmen kann. Ist dies nicht der Fall, könnte Karstadt zerschlagen werden. Theoretisch könnte das Gericht zwar die Verhandlungsfrist verlängern, wie dies schon drei Mal passiert ist. Doch das haben die Richter bei der letzten Verlängerung ausgeschlossen.

Deshalb verlieren die Verantwortlichen keine Zeit. „Es wird weiterhin ununterbrochen verhandelt“, versicherte ein Insider am Mittwoch.

Dabei geht es um zwei unterschiedliche Gruppen von Gläubigern innerhalb des komplexen Highstreet-Gebilde. Das sind zum einen eine Reihe von Investoren, die direkt an 44 den Karstadt-Immobilien beteiligt sind. Deren Vertreter kommen am Donnerstag um 10 Uhr in einer Kanzlei London zusammen. Die zweite Gruppe, darunter viele Hedgefonds, sind direkte Gläubiger von Goldman. Auch sie müssen den Vereinbarungen zustimmen, weil sie vor Jahren an dem Immobiliendeal beteiligt waren.

  • Erschienen am 02.09.2010 auf Seite 20,21

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