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  • 11.08.2018
  • von Heike Jahberg

Interview mit dem Chef der Ullrich-Supermärkte in Berlin: "Frau Merkel trägt ihre Einkaufstüten immer selbst"

von Heike Jahberg

Bundeskanzlerin Angela Merkel kauft ein. An ihrer Seite: der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang, geschehen am 10. Oktober 2014 im Verbrauchermarkt an der Mohrenstraße. Foto: Tim Brakemeier/dpa/picture alliance

Im Supermarkt an der Mohrenstraße genießt die Kanzlerin keine Vorzugsbehandlung, sagt Gert Schambach. Sein Lieblingsladen ist der Ullrich am Zoo.

Herr Schambach, in der kommenden Woche eröffnen Sie in der Schloßstraße in Steglitz Ihren vierten Ullrich-Markt in Berlin. Hat Berlin denn nicht schon genug Supermärkte?


Es geht nicht um Quantität, sondern um echte Vielfalt. Bei uns können Sie den schnellen, preisgünstigen Einkauf machen, aber auch den Großeinkauf. Wir haben die großen Marken, aber auch viele regionale Produkte und legen besonderen Wert auf Bio und Frische.


Aber das macht die Konkurrenz doch auch.


Wir werden in Steglitz 30.000 Artikel auf 2200 Quadratmeter Fläche haben, das ist schon ein Mehrwert für die Kunden.


Fünf Fußminuten von Ihrem neuen Markt entfernt sind drei Edekas, zwei Rewes, ein Aldi und ein Lidl. Was wollen Sie da noch?


Die Schloßstraße ist die zweitmeist frequentierte Einkaufsstraße Berlins. Klar gibt es dort mehrere Supermärkte in Fußnähe, aber die sind alle viel kleiner als unser neuer Markt. Es gibt einen starken Verdrängungswettbewerb im Handel, aber vor dem haben wir keine Angst. Wir sind zwar ein mittelständisches Unternehmen, aber wir arbeiten mit hochmodernen, vollintegrierten SAP-gestützten Prozessen, die viele der größeren Konkurrenten in dieser Form noch nicht haben. Wir sind aber gleichzeitig klein genug, dass jeder Markt individuell auf die jeweiligen Kunden ausgerichtet sein kann.


Das heißt in Ihrem Markt am Bahnhof Zoo gibt es deutlich mehr Billigbier als in Steglitz?


Sie unterschätzen die Kundschaft am Zoo. Ich liebe diesen Standort. Es ist faszinierend und wäre in keiner anderen Stadt möglich, dass wie bei uns sonntags bedeutende Schauspieler mit Obdachlosen in einer Schlange stehen. Das ist eine Liberalität, die man wirklich lieben muss. Man darf nicht immer auf die vermeintlichen Problemthemen schauen. Der Laden ist doch Kult.


Aber würden Sie sich dort freiwillig an die Kasse setzen? Die Verkäufer und Verkäuferinnen brauchen schon starke Nerven.


In dem Laden gibt es ganz geregelte Abläufe. Wir haben natürlich auch Sicherheitsvorkehrungen, falls mal was passieren sollte. Aber es passiert tatsächlich nicht viel. Es ist doch so: Unabhängig von ihrer sozialen Situation können sich doch alle Leute gleich vernünftig benehmen. Der Laden am Zoo ist unser Lieblingsladen in Berlin.


Der bringt ja auch am meisten Umsatz, oder?


Ja. Der Markt hat große Akzeptanz. Und wir freuen uns, wenn sonntags die Schlangen trotz vollbesetzter Kassen lang und die Gänge voll sind.


Haben Sie im Ullrich am Zoo mehr Security als in Ihrem Laden an der Mohrenstraße?


Ja, sicherheitshalber. Wenn Frau Merkel zu uns in die Mohrenstraße kommt, um einzukaufen, bringt sie ihr Sicherheitspersonal ja selber mit (lacht). In der Mohrenstraße ist es schon ruhiger.


"Frau Merkel ist absolute Stammkundin"


Wie oft ist die Kanzlerin bei Ihnen?


Sagen wir mal so: Sie ist eine absolute Stammkundin. Und wenn sie im Ausland auf Dienstreise ist, kommt ihr Mann. Wir haben viel Politprominenz in dem Laden, auch viele Minister. Bei der Bundeskanzlerin ist ja bekannt geworden, dass sie unsere Kundin ist, als sie vor vier Jahren Chinas Premier Li gezeigt hatte, wie sie einkauft, und mit ihm an der Fleischtheke stand. Das war für uns natürlich eine Superwerbung.


Stehen Frau Merkel und ihre Minister bei ihren Einkäufen eigentlich ganz normal an oder werden sie bevorzugt bedient?


Ja. Sie bekommen keine Vorzugsbehandlung. Frau Merkel trägt ihre Einkaufstüten übrigens immer selbst, nicht die Sicherheitsbeamten. Das ist alles ganz normal.


Viele Politiker kaufen in der Mohrenstraße ein und beziehen einen Großteil ihrer Erfahrungen mit Lebensmitteln, Ernährungs- oder Handelsthemen aus Ihrem Markt. Ist Ihnen bewusst, dass Sie Politik machen?


Na ja, wir haben ja keinen politischen Auftrag, sondern sind Lebensmittelhändler. Deshalb freuen wir uns darüber, dass die Umsätze in dem Markt kontinuierlich steigen. Uns sind alle Kunden gleich lieb, egal ob sie prominent sind oder nicht.


HIT ist ein Familienunternehmen. Im Handel ist Größe aber gleich Einkaufsmacht. Wie können Sie mit den großen Konzernen Rewe, Edeka oder der Schwarz-Gruppe mithalten?


Wir kooperieren in Warenbereichen, in denen Großkonzerne das Geschäft bestimmen, beim Einkauf mit Rewe. Aber Obst und Gemüse, die Sortimente in den Wurst-, Fleisch- und Fischtheken machen wir komplett selbst. Unser Biosortiment ist größer als bei der Konkurrenz, und wir haben viele lokale Artikel von Mittelständlern im Sortiment. In Steglitz werden wir als erster Lebensmittelhändler außerhalb des Internets die kalorienreduzierten Proteinprodukte von Rocka Nutrition aus Berlin anbieten.


Sie haben 100 Märkte in Deutschland. Wie schnell wollen Sie in Zukunft wachsen?


Der 101. Markt wird der in Steglitz sein. Wir sind ein Familienunternehmen, und wir sind nicht börsennotiert. Wir müssen daher nicht ständig Wachstumsstorys präsentieren, um Bankkredite zu bekommen. Wir wachsen nicht überstürzt, aber stetig. Letztes Jahr haben wir fünf neue Märkte aufgemacht, dieses Jahr zwei, nächstes Jahr werden es mindestens drei sein – davon wird einer im nächsten Frühling hier in Berlin nach Mariendorf kommen. Wir haben allein aus der Expansion ein jährliches Umsatzwachstum von zwei bis drei Prozent.


Die Eigentümerfamilie heißt Dohle, die Gruppe HIT, die Märkte Ullrich. Wer hat sich die Firmennamen ausgedacht?


Unser Senior und Gründer Kurt Dohle kam in den 70er Jahren auf die Idee, das Unternehmen HIT zu nennen. Die Leute sollten im Kopf haben, dass jeder Einkauf bei uns ein Hit ist. Der Name Ullrich rührt aus der Übernahme der Ullrich-Gruppe. Der Name ist in Berlin eingeführt, das wollten wir nicht ändern.


Die Familie Dohle hat eine Stiftung, die sich um benachteiligte Jugendliche kümmert. Hat die Stiftung Einfluss auf das Geschäft?


Beides ist getrennt. Allerdings speist sich die Stiftung aus den Erträgen, die das Geschäft abwirft. Die Stiftung hat ein ganz erhebliches Volumen und unterstützt viele Projekte. Die Familie macht aber nicht viel Aufhebens darum. Sie sagen: Lieber viel tun und wenig darüber reden als viel reden und wenig tun.

Gert Schambach (50) war lange im Vorstand der Edeka-Zentrale in Hamburg und ist jetzt geschäftsführender Gesellschafter der HIT Handelsgruppe. Zur Gruppe gehören 100 HIT- und Ullrich-Lebensmittelmärkte, davon drei in Berlin (Bahnhof Zoo, Mohrenstraße, Wilmersdorfer Straße). In der kommenden Woche eröffnet ein weiterer Markt in Steglitz. Die Handelsgruppe, die ihren Sitz in Siegburg hat, ist mit einem Umsatz von 1,49 Milliarden Euro auf Platz 16 der größten deutschen Lebensmittelhändler. Größter Anbieter in Deutschland ist Edeka mit einem Jahresumsatz von 55,89 Milliarden Euro. Die HIT-Gruppe gehört der Familie Dohle. Kurt und Maria Dohle, die Gründer der Handelskette, haben neben dem Handelsunternehmen auch die Kurt & Maria Dohle Stiftung, in der sie sozial benachteiligte Jugendliche unterstützen. Zudem fließt Geld in Umwelt- und Naturschutzprojekte.

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