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  • 24.02.2018
  • von Sabine Beikler

Berliner Energieunternehmen: "Ich bin noch ziemlich analog"

von Sabine Beikler

Vera Gäde-Butzlaff in ihrem Büro der Gasag-Zentrale am Bahnhof Hackescher Markt. Foto: Kai-Uwe Heinrich, Tsp

Gasag-Chefin Vera Gäde-Butzlaff über Digitalisierung, Energiewende, Me-Too-Debatte und ihre Erfahrungen als Managerin. Ein Gespräch.

Vera Gäde-Butzlaff wurde 2015 Vorstandsvorsitzende der Gasag AG. Die Juristin verabschiedet sich am kommenden Mittwoch in den Ruhestand.

Frau Gäde-Butzlaff, Ihr letzter Arbeitstag als Gasag-Vorstandsvorsitzende ist am kommenden Mittwoch. Wann geht es nach Kuba?

Wir reisen am darauffolgenden Wochenende. Ich freue mich darauf, dass genug Zeit ist, durch das Land zu fahren und darauf, dass es ganz entspannt wird. Da ich nicht mehr immer erreichbar sein muss, bereitet mir dieses Mal der Hinweis auf eine schlechte Wlan-Verbindung keine Sorge.

Als Sie vergangene Woche im Tipi am Kanzleramt verabschiedet wurden, sagte Gasag-Aufsichtsratschef Kramm, sie sollten die Berliner Kultur genießen. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Ich gehe gern ins Theater und in die Oper. In der letzten Zeit habe ich es aber nicht geschafft, spontan ins Kino zu gehen. Das wird sich sicher ändern.

Bei Tanz, Oper oder Theater geht es um Emotionen. Kann man es sich als Managerin leisten, Gefühle im Beruf zu zeigen?

Es wäre traurig, wenn man Emotionen völlig ausklammern würde. Aber bei Entscheidungen zählen die Fakten und Notwendigkeiten fürs Unternehmen.

Sie traten 2003 als Vorstandsmitglied in die BSR ein. Wie war das damals, als Sie als erste Managerin mit Führungsverantwortung in einem landeseigenen Unternehmen anfingen?

Die Außenwirkung kam erst später, als ich Vorstandsvorsitzende wurde. Das war sehr hilfreich, weil ich mich in Ruhe einarbeiten konnte.

Wurden Sie von den Männern in der BSR akzeptiert?

Ich hatte das Gefühl, dass es mir nicht anders ging als jeder und jedem, der neu in einem Unternehmen anfängt. Das Thema Frau und Chefin spielte bei den Mitarbeitern weniger eine Rolle als die Frage, ob ich ihre Arbeit anerkenne und mich für sie und das Unternehmen einsetze.

2007 wurden Sie BSR-Vorstandsvorsitzende. Hat sich damals etwas an Ihrem Verhalten geändert?

Nein, aber die Außenwahrnehmung war deutlich stärker, worauf ich mich natürlich einstellen musste.

Es war kein Geheimnis, dass das Verhältnis zwischen Ihnen und dem damaligen BSR-Aufsichtsratsvorsitzenden Ulrich Nußbaum miserabel war.

Das Verhältnis war nicht miserabel. Wir hatten einen sportlichen Diskurs, der aus meiner Sicht durchaus auch von gegenseitiger Wertschätzung gekennzeichnet war. Herr Nußbaum war auch keinesfalls der Grund für meine Entscheidung als BSR-Chefin aufzuhören.

Damals sagten Sie, sie wollten etwas Neues machen. Kurze Zeit später waren Sie Gasag-Chefin. Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?

Mich interessiert die Energiewirtschaft. Ich fand es reizvoll, den Weg des traditionellen Berliner Unternehmens Gasag gerade im Rahmen der vielfältigen Anforderungen der Energiewende zu begleiten.

Wie haben Sie die Gasag-Eigentümer Vattenfall, Engie und Eon in Schach gehalten?

Die musste ich nicht in Schach halten. Auch wenn die drei Eigentümer Wettbewerber sind: Der Aufsichtsrat, in dem die Eigentümer vertreten sind, hat mir die Verantwortung für die Gasag übertragen. Diese habe ich gemeinsam mit meinen Vorstandskollegen, den Mitarbeitern und im Diskurs mit der Mitbestimmung im Sinne der Gasag wahrgenommen. Dies ist auch immer so akzeptiert worden.

Wie wichtig sind Netzwerke?

Netzwerken ist sehr wichtig, man kennt andere, spricht mit ihnen und kann zu gegebener Zeit wieder auf sie zurückkommen. Das machen uns die Männer vor. Frauennetzwerke sind auch sehr wichtig, vor allem für jüngere Frauen, die sich austauschen oder über Dinge sprechen wollen, die man in gemischten Netzwerken nicht anspricht. Ich gebe den jüngeren Frauen aber immer den Rat, nicht nur in Frauennetzwerke zu gehen. Der gute Kontakt ist zu allen Entscheidungsträgern, also auch zu den männlichen, notwendig.

Sie haben immer für Frauenförderung plädiert. Nun ist ihr Nachfolger Gerhard Holtmeier ein Mann. Gab es keine Top-Frauen?

Ob und wie viele interessierte Bewerberinnen es für diese Position gab, kann ich Ihnen nicht sagen. Die Besetzung von Vorstandspositionen ist Aufgabe des Aufsichtsrats. Generell darf Frauenförderung auch nicht mit Bevorzugung von Frauen gleichgesetzt werden. Und dass das letztlich entscheidende Kriterium bei der Besetzung von Stellen die Leistung ist, liegt auch im Interesse der Frauen.

Die MeToo-Debatte läuft gerade. Ist das für Sie ein Thema?

Ich habe während meiner beruflichen Laufbahn ein bis zwei Fälle erlebt, in der abhängige Auszubildende von Führungskräften gestalkt wurden. Dem muss man sofort nachgehen. Das war in den öffentlich gewordenen Fällen leider nicht immer der Fall. Hier muss sich etwas ändern.

Hat sich jemand mal grob vergriffen im Gespräch mit Ihnen?

Durch diese Debatte fängt man an darüber nachzudenken. Ich habe zum Glück die Erfahrung nie machen müssen, dass jemand eine klare Botschaft nicht verstanden hat. Dass die mal nötig war, ja, das gab es.

Sie sagten bei Ihrer Verabschiedung: Es gibt gut geführte öffentliche und gut geführte private Unternehmen. Wie wichtig ist ein guter Kontakt zur Politik?

Der Kontakt ist in beiden Fällen wichtig. Man muss Verständnis zwischen Politik und Wirtschaft herstellen. Daran hapert es oft. Ein Gespräch auf Augenhöhe ist immer wichtig.

Die Gasag streitet sich seit Jahren juristisch mit dem Land Berlin um die Konzession. Der Konflikt liegt vor Gericht. Wie könnte eine Lösung aussehen?

Wir haben dem Land kommunalfreundliche Kooperationsmodelle angeboten. Aber im Moment warten wir alle auf die Gerichtsentscheidung in zweiter Instanz.

Der Berliner Senat tut mitunter so, als sei die Gasag Berlins Eigentum. Gab es eine Situation, in der Ihnen dieses Verhalten besonders bewusst wurde?

Ich finde nicht, dass der Senat so tut, als gehöre ihm die Gasag. Teile der Politik möchten nur gern wieder die Gasag zurück. Die Gasag ist ein seit 170 Jahren bestehendes Berliner Unternehmen, das sich für die Stadt in sehr vielen Bereichen engagiert. Ich finde es richtig, dass die Politik dieses sieht und auch wertschätzt.

Die Gasag ist auf dem Weg zum Energiedienstleister und bündelt die Dienstleistungen in der Gasag Solution Plus. Braucht man irgendwann das Netz nicht mehr?

Das Gasnetz hat eine große Bedeutung, für die Versorgungssicherheit und weil es geeignet ist zu speichern. Es gibt dazu vielversprechende Pilotprojekte. Das Gasnetz ist für das Gelingen der Energiewende dringend notwendig.

Die große Koalition findet sich gerade: Wo müsste sie im Sinne der Gasag als Energiedienstleister nachbessern?

Die große Koalition muss im Sinne der Energiewende nachbessern und technologieoffener fördern. Man setzt zurzeit alles auf Elektrifizierung. Das wird aber nicht kurzfristig funktionieren. Wir haben noch nicht die Infrastruktur dafür. Wir halten es für fahrlässig, kurzfristige und mittelfristige Lösungen nicht zu berücksichtigen. In den Städten würde es zu extremen CO2-Einsparungen führen, wenn der Ersatz von Ölheizungen durch Gasheizungen mehr unterstützt würde.

Alle reden von Digitalisierung. Der Prozess ist für Versorger besonders komplex. Wie macht das die Gasag?

In vielen Bereichen wie der Kundenbetreuung sind wir schon digital. Wir werden die Digitalisierung in allen Bereichen weiter vorantreiben.

Und wie digital sind Sie?

Ich selbst bin noch ziemlich analog.

Das Gespräch führte Sabine Beikler

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