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  • 11.01.2018
  • von Alfons Frese

Konflikt um die Arbeitszeit: Eisenharte Tarifrunde

von Alfons Frese

Die Warnstreiks werden noch mindestens zwei Wochen dauern, dabei steht die Forderung nach sechs Prozent mehr Geld eher im Hintergrund. Die IG Metall will mehr Zeitflexibilität für ihre Mitglieder - und teilweise Geld für weniger Arbeit. Foto: dpa

Im Tarifkonflikt der Metallindustrie ist keine Lösung bei der Arbeitszeitverkürzung in Sicht.

Jörg Hofmann hofft auf einen fetten Nachschlag durch die Arbeitgeber, wenn heute die Tarifverhandlungen in die dritte Runde gehen. Der IG Metall- Chef weiß aber auch, dass es bis zu einem kompromissfähigen Angebot noch weit ist. „Relativ mager“ sei der Stand der Dinge nach zwei Treffen, bei denen die IG Metall in den vergangenen Wochen ihre Forderung der anderen Seite erläutert hat: Sechs Prozent mehr Geld bei einer Vertragslaufzeit von zwölf Monaten für die 3,8 Millionen Metaller; einen Anspruch auf Verkürzung der Arbeitszeit plus Rückkehrrecht auf Vollzeit; schließlich ein Teillohnausgleich für bestimmte Gruppen: Wenn Schichtarbeiter weniger arbeiten sowie Beschäftigte, um Kinder oder Pflegebedürftige zu betreuen, dann soll der Arbeitgeber den Verdienstausfall mit bis zu 200 Euro/Monat ausgleichen.

Arbeitgeber wollen nicht zahlen für weniger Arbeit

„Der große Knackpunkt ist der Teillohnausgleich“, sagt Stefan Moschko, ehrenamtlicher Verhandlungsführer der Metallarbeitgeber in Berlin-Brandenburg. Der Personalmanager von Siemens sieht den „Betriebsfrieden gefährdet, wenn wir einem Teil der Belegschaft die Arbeitszeit verkürzen und auch noch Geld dazu geben, und bei anderen nicht“. Und er argumentiert mit den Umständen der Demografie: „In Berlin und Brandenburg gehen in den nächsten Jahren Tausende Metaller in Rente. Auch deshalb wären wir doch mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn wir für kürzere Arbeitszeiten mehr zahlen würden“, sagte Moschko dem Tagesspiegel.

Von einer „gewissen Unwilligkeit der Arbeitgeber, sich dem Thema Arbeitszeit zu nähern“, spricht Gewerkschaftschef Hofmann. Den Ansatz des Tarifpartners, mit einem Gutachten die IG Metall-Forderung als rechtswidrig zu bewerten, weil nicht alle Teilzeitbeschäftigten vom Lohnausgleich profitieren würden, will die IG Metall nächste Woche mit einem eigenen Gutachten zurückweisen. „Es ist Humbug, sich dem Thema über Rechtsfragen zu nähern“, sagt Hofmann. Er will inhaltlich diskutieren und hat für die Tarifpolitik den Anspruch, „sozialpolitische Innovationen voranzubringen“. Wie eben den Lohnausgleich für bestimmte Gruppen.

IG Metall will innovativ sein

„Kinder, Pflege, Schichtarbeit sind zentrale Themen der Beschäftigten“, und den unteren Einkommensgruppen ermögliche man mit dem Teillohnausgleich überhaupt erst, die Arbeitszeit zu drosseln. „Die Leute finden es gerecht, dass tarifliche Leistungen solidarisch organisiert werden“, meint Hofmann. Arbeitgebervertreter Moschko hält dagegen: „Unsere Aufgabe ist es nicht, staatliche Sozialpolitik zu machen. Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe und der Arbeitsplätze im Auge behalten.“

Die Metall- und Elektroindustrie ist der Wirtschaftsbereich mit der höchsten Exportquote und deshalb auch ein Träger des Wohlstands in Deutschland. „Die Branche braucht mittelfristig attraktive Arbeitszeitmodelle“, sagt Hofmann, um ausreichend Fachkräfte zu bekommen. Vor allem auch Frauen, die bislang nur ein Fünftel der Belegschaft in der Metallindustrie ausmachen.

Lohnausgleich vor allem für untere Einkommen

Wenn sich die IG Metall mit ihren Vorstellungen durchsetzte, also einen Lohnausgleich für 750 Euro/Jahr für Schichtarbeiter und 200 Euro/Monat für Familienangehörige, dann ist das Hofmann zufolge rund ein Prozent der Lohn- und Gehaltssumme; die Arbeitgeber kommen allerdings auf 2,7 Prozent. In den unteren Entgeltgruppen mache der Lohnausgleich 50 Prozent aus: Wenn jemand die Arbeitszeit von 35 auf 28 Stunden verkürzt, also um 20 Prozent, dann würde das Einkommen eben nicht um 20 Prozent sondern nur um zehn Prozent fallen. Je höher das Einkommen, desto geringer der Entgeltausgleich. Kinderbetreuung oder Pflege dürfe nicht vom Einkommen abhängen, warnt Hofmann: „Mit der Veto-Position der Arbeitgeber werden wir eine Eskalation haben.“

Die Ostdeutschen arbeiten weiter länger

Wie die dann genau aussieht, entscheidet der Vorstand der Gewerkschaft am 26. Januar. Vermutlich wird die IG Metall anschließend mit Streiks über 24 Stunden ganze Unternehmen lahm legen und den Druck auf die Arbeitgeber erhöhen. Und dann gibt es vermutlich wie immer einen Tarifabschluss, den beide Seiten vertragen. „Ich schätze den Pragmatismus der IG Metall“, sagt Stefan Moschko.

Beim Thema Arbeitszeit Ost dürfte gar nichts passieren. Hofmann sagt zwar, er sei „frohen Mutes“, dass man einen Prozess zur Angleichung bekomme. Im Osten arbeiten die Metaller drei Stunden länger als im Westen. „Die 38-Stunden-Woche in Ostdeutschland ist ein Erfolgsmodell und ein bedeutender Standortvorteil“, meint Moschko. „Das Thema steht für uns nicht an.“

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