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  • 14.12.2017
  • von Kevin P. Hoffmann

Spurensuche in Tegel: Was noch übrig ist von der insolventen Air Berlin

von Kevin P. Hoffmann

Über dem Haupteingang zum Flughafen-Tegel wirbt Air Berlin weiter. Foto: Kevin P. Hoffmann

Einige Wochen nach dem letzten Start ergibt eine Spurensuche rund um den Flughafen Tegel: Air Berlin ist noch lange nicht Geschichte.

Die Jalousien sind heruntergelassen am Büro des Seelsorgers am Flughafen Tegel. Hier hatten auch viele Angestellte von Air Berlin öfter Rat gesucht. Jetzt ist die Airline weg. Die Sorgen auch? 20 Sekunden nach dem Klopfen öffnet ein Mann mit lockigem Haar im Sakko die Glastür – und winkt ab. Keine Zeit jetzt. Später. Vielleicht. Hinter ihm sitzt eine Frau auf einem Sessel und starrt einen Loch in den Fußboden.

Also beginnt die Spurensuche nach dem, was jetzt noch übrig ist von der Air Berlin eben mit einem Rundgang im Sechseck, Tegels berühmten Terminal A, für den Reisende aus aller Welt diesen Airport so lieben. Jene Airline aber, die mehr als zehn Jahre lang für den meisten Betrieb in TXL gesorgt hat, hat vor fünf Wochen hier ihren letzten Flieger landen lassen. Tausende Zuschauer waren Zeugen. Die Flughafenfeuerwehr spritzte vier Fontänen in den Nachthimmel, die Belegschaft vergoss Tränen.

Doch so ein Flughafen hat kein Gewissen, kennt keine Nostalgie. Er ist ein Stück Infrastruktur für den Fernverkehr, die Menschen hier kommen und gehen. Der Betrieb geht einfach weiter.

Auf dem Gang im Sechseck bahnt sich eine Flugbegleiterin samt Rollkoffer mit schnellen Schritten ihren Weg. Sie trägt einen Mantel über tiefblauer Uniform, elegant, aufrecht, stolz. Im Vorbeirauschen erkennt man auf dem roten Halstuch die kleinen Firmenlogos, im Umdrehen mit Blick auf ihrem Koffer dann ganz deutlich den Schriftzug: „airberlin“. Bevor man fragen kann – warum, woher, wohin? – ist diese Frau weg, geschluckt von einer Schlange Fluggäste.

Das sei mutmaßlich kein Gespenst gewesen, sagt man in der Zentrale von Air Berlin. Wahrscheinlich sei die Dame Teil einer Crew, die jetzt für Eurowings fliegt. „So schnell kann man Hunderte Uniformen ja nicht austauschen“.

Die Einzelhändler vermissen seit Wochen Kunden

Ein paar Schritte weiter an dem Stand, wo oft Hunderte Air-Berlin-Kunden für eine Umbuchung anstehen mussten, sind die Wände blau gestrichen, in weißen Lettern steht dort „AHS“. Das steht für Aviation Handling Services. Diese Firma war einst Dienstleisterin der Air Berlin. Nur auf dem Tresen findet man ein kleines Schild mit Logo von Air Berlins Tochterairline Niki, die regelmäßig Berliner in die Sonne flog.

Niki, einst gegründet von Formel-1-Weltmeister Niki Lauda, galt als profitable Perle im Konzern. Jetzt ist auch diese Tochter insolvent, weil der Verkauf an die Lufthansa an Vorbehalten der EU-Kommission gescheitert ist. Niki-Flugzeuge heben nicht mehr ab.

„In der ersten Woche nach dem Ausfall von Air Berlin haben wir es deutlich in der Kasse gemerkt“, berichtet die Verkäuferin bei Quickers, einem Snack- und Zeitschriftenladen im Sechseck-Gang. Dann aber habe sich der Betrieb normalisiert. Die Dame hinterm Tresen bei Marc O'Polo, einem Freizeitmodegeschäft am Ende des Ganges ist nicht so gelassen. „Wir spüren den Ausfall jeden Tag. Es sind weniger Kunden.“ Ähnlich klingt es bei der Geldwechselstube. Und einer Dame vom Ordnungsamt, die vor dem Terminal ihre Runde dreht, scheint gar nicht mal so unglücklich über die neue Situation. „Es gibt hier trotzdem jede Menge zu tun. Die Leute stellen ihre Autos trotzdem länger ab als erlaubt. Wenn wir hier fertig sind, können wir gleich da vorne wieder anfangen“.

Rund um die Terminals werben einige Tafeln bis heute für Reisen mit Air Berlin. Doch ohne die vielen Gäste von Air Berlin scheint Tegel erstmals seit Jahren auszuatmen. Es ist sicher kein Geisterflughafen, es herrscht noch ordentlich Betrieb. Doch es gibt auch wieder Luft. Und die starken Männer der BVG, die immer an der Bushaltestelle zum TXL Menschenmassen mit Koffern an der Bushaltestelle bändigen, haben auch mal Zeit für Zigarettenpausen.

Planespotter freuen sich dafür über Lufthansas Jumbo

Matthias Winkler, seit 22 Jahren Reporter für ein Luftfahrtmagazin, ist sogar regelrecht gut aufgelegt. Der kurzgewachsene Spandauer hat sich einen Gepäck-Trolley besorgt, ist auf die Ablage gestiegen, um durch seine Kamera mit Teleobjektiv über eine Balustrade aufs Vorfeld schauen zu können. Er spricht, schaut aber nicht in die Augen, nur auf den eben gelandeten Jumbojet, eine jener Boeing 747, die die Lufthansa seit dem Ausfall von Air Berlin mehrfach täglich zwischen Tegel und Frankfurt pendeln lässt. „Dieses Design, diese Eleganz“.

Winkler hat die 747 hier in den Wochen seither oft beobachtet und weiß zu berichten, dass die Lufthansa es an guten Tagen schafft, den Riesenflieger in nur 50 Minuten „umzudrehen“, also nach der Landung wieder startklar zu machen. „Das sind Vollprofis, das schaffen sonst nur die Airlines in Japan“, weiß er. Kritik an der Maschine regt ihn auf: „Bei den Jets der PanAm früher, da wackelte das Geschirr in meiner Bude in Spandau auch bei geschlossenen Fenstern.“

Besuch in der Betriebskantine: Es riecht nach Pleite

Nur eine Station Busfahrt in die Herzkammer der Air Berlin – die Zentrale am Saatwinkler Damm: Auch hier ist der Schmerz, die Kränkung der vielen Airberliner, die zuletzt im Demozug vom Hauptbahnhof zum Kanzleramt gezogen waren, nicht sofort zu spüren. René Ketelhut, Chefkoch und Betreiber der Betriebskantine bedauert natürlich das Aus, fühlt für die Mitarbeiter, seine Gäste. Er habe aber vom Vermieter des Bürokomplexes signalisiert bekommen, dass neue Firmen kommen. Seine fünf Leute und er hätten keine Sorgen. Außerdem: „Köche und Caterer werden gerade überall in der Stadt gesucht.“

Ein wenig riecht es in der Kantine aber doch nach Pleite: Die Flachbildschirme sind von den Wänden geschraubt, Mittwoch holten Leute von einem Kunstmuseum ein paar der Design-Werbeplakate. „Ja, insgesamt ist selbst mittags weniger los“, berichtet Koch Ketelhut noch. Dabei sind ja noch ein paar Hundert Mitarbeiter vor Ort. Vor dem Sommer aber dürfte bei Air Berlin nicht das letzte Licht ausgehen, schätzt man. Zu viel sei noch für die geordnete Abwicklung zu tun. Da gibt es noch die Transfergesellschaft, in der vor allem die Angestellten der Verwaltung sich fit machen dürfen für ganz neue Aufgaben.


Die Arbeitsagentur ist besorgt, Kunden sind "stinksauer"

Die Arbeitsagentur "vermisst" Antragssteller

Bisher sind erst 279 Mitarbeiter in diese Gesellschaft gewechselt, die vom Land Berlin und der EU finanziert wird. Bei der Senatsverwaltung für Finanzen erwartet man, dass im Laufe der kommenden Monate 1500 bis 1800 Personen dieses Angebot zur Weiterbildung wahrnehmen könnten. Und man hofft auch auf Air-Berlin-Mitarbeiter, die sich für Jobs in der Berliner Verwaltungen erwärmen können. „Unser erster Eindruck ist, dass die Leute überwiegend gut qualifiziert sind“, sagt eine Behördensprecherin. Knapp 400 Personen hätten einen entsprechenden Fragebogen ausgefüllt.

Und der Rest? Mehr als 8000 Mitarbeiter hatte der Air Berlin Konzern vor der Pleite, rund 3000 Mitarbeiter werden derzeit noch bezahlt – als Angestellte der Firmenteile wie der Niki, die zu Lufthansa oder anderen Firmen wechseln sollen. Die übrigen 5000 Leute sind freigestellt und erhalten kein Geld mehr. Haben die alle so schnell neue Jobs gefunden?

In Berlin beschäftigte Air Berlin rund 2700 Personen, ein paar Hundert sind es noch. Bis Donnerstag hatten sich aber nur exakt 506 Mitarbeiter arbeitslos gemeldet, in Brandenburg 124 Airberliner. „Die Arbeitsagenturen sehen mit Sorge, dass nach der Insolvenz der Fluggesellschaft sich erst relativ wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeitslos gemeldet haben“, sagt ein Sprecher der Regionaldirektion der Arbeitsagentur. Er weist darauf hin, dass Arbeitslosengeld erst ab dem Tag der persönlichen Meldung gezahlt werden kann. „Wir können daher allen Mitarbeitern von Air Berlin nur empfehlen, sich arbeitslos zu melden, sofern sie nicht in Transfergesellschaften gegangen sind oder bereits eine neue Arbeit gefunden haben. Nur so haben sie Anspruch auf Arbeitslosengeld“.

Strafanzeigen gegen Air-Berlin-Chef Winkelmann

Der Abbau von Air Berlin verläuft ähnlich systematisch wie der Aufbau des Flughafens BER. Mitverantwortlich dafür sind Mitarbeitervertretungen. Einige dieser Gremien verschicken Rundbriefe, in denen sie Kollegen abraten, sich arbeitslos zu melden. Begründung: Man würde dann auf das Recht verzichten, von einem neuen Eigentümer zu alten Bedingungen eingestellt zu werden. An dem Punkt setzt jetzt auch die Gewerkschaft Verdi an. Sie will die den Übergang von Betriebsteilen an die Lufthansa von Gerichten prüfen lassen. Das könne mehrere Jahre dauern, räumte man bei Verdi am Freitag ein.

So werfen Ereignisse rund um Air Berlin jetzt sehr lange Schatten voraus. An einen Tod der Airline, einen Abschluss für die Mitarbeiter, ist nicht zu denken. Auch wegen des zehntausendfachen Kundenzorns. Während Inhaber einer Air-Berlin-Anleihe sich dieser Tage zusammengeschlossen haben, um gemeinsam Ansprüche im Insolvenzverfahren geltend zu machen, bleiben viele Kunden vorerst auf den Schäden sitzen.

Hans R., Inhaber einer Maschinenbaufabrik im Berliner Westen, hat „die Schnauze voll“, wie er sagt. Seine Frau, seine Tochter und er hätten am 3. August, wenige Tage vor der Insolvenzmeldung Tickets für die Weihnachtstage in Bangkok gebucht: Businessklasse, da die Frau gerade eine Knie-OP hinter sich hat und ihr Bein strecken muss. Kosten: Insgesamt 6700 Euro. Der Insolvenzverwalter beharrt auf dem Standpunkt, dass alle Ansprüche vor dem Stichtag 15. August nicht gelten. „Ich werde Strafanzeige stellen wegen Betrugs und Insolvenzverschleppung“, kündigt Hans R. an, eine Klage auch gegen Thomas Winkelmann, den Air-Berlin-Chef. Als einstiger Lufthansa-Mann habe der doch das alles eingefädelt, meint R.

Für solche Verschwörungstheorien habe man keine Zeit, heißt es sinngemäß in der Zentrale am Saatwinkler Damm. Später. Vielleicht.

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