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  • 14.11.2017
  • von Marie Rövekamp

Ungleiche Vermögensverteilung: Viele Deutsche könnten nicht lange von Ersparnissen leben

von Marie Rövekamp

Die reichsten fünf Prozent könnten von ihren Ersparnissen länger als zwei Jahrzehnte leben. Foto: FOTOLIA

Fiele plötzlich das Einkommen weg, kämen viele Haushalte nur wenige Wochen über die Runden. Besonders betroffen wären laut einer Studie Ältere und Alleinerziehende.

Die Mehrheit der Deutschen würde bei einem finanziellen Notfall schlecht schlafen: Jeder dritte Haushalt könnte seine Konsumausgaben nur wenige Wochen lang von seinem Ersparten bezahlen. Die ärmsten 20 Prozent hätten laut dem neuen Verteilungsbericht des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) überhaupt gar keine Rücklagen. Die reichsten fünf Prozent könnten von ihren Ersparnissen hingegen länger als zwei Jahrzehnte leben.

Die WSI-Forscher untersuchten, wie lange Haushalte den hypothetischen Extremfall durchhalten könnten, wenn sie auf jedes Einkommen aus Job, Rente oder Sozialtransfer verzichten müssten und stattdessen ihr komplettes Vermögen aufzehren würden. Im Durchschnitt kamen sie auf einen Wert von einem Jahr und elf Tagen. Die Haushalte, die nur kurze Zeiträume überbrücken könnten, würden wenig oder nichts besitzen. Dagegen verfügten die zehn Prozent der Haushalte, die am längsten ohne Einkommen leben können, nach Abzug von Verbindlichkeiten, über ein mittleres Haushaltsvermögen von knapp 500000 Euro.

Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland

Natürlich gebe es Ausnahmen: Einige Wohlhabende würden so viel für ihren persönlichen Konsum ausgeben, dass ihr hohes Vermögen nicht besonders lange reiche. Gleichzeitig gebe es Mittelklasse-Haushalte, die so wenig konsumierten, dass sie lange Zeit mit ihrem Geld über die Runden kommen würden. Trotzdem kommt Anke Hassel, wissenschaftliche Direktorin des WSI, zu dem Schluss: „Wer viel Vermögen hat, steht wirtschaftlich weitaus unabhängiger da.“ Vermögen bedeute nicht nur Luxus, sondern auch Sicherheit.

Der Bericht offenbart deutliche Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. Im Mittel könnten Haushalte in den neuen Bundesländern lediglich halb so lange Zeiträume durch das Aufbrauchen ihres Vermögens überbrücken wie die in den alten – und zwar nicht einmal ein Jahr statt mehr als zwei. Besonders problematisch sei die Situation außerdem von Älteren und von Alleinerziehenden. Rund 40 Prozent verfügten über kein Vermögen.

WSI fordert unter anderem solide Einkommen

Die Daten des Berichts illustrieren wie ungleich die Vermögen in Deutschland verteilt sind. Nach Angaben der Industrieländer-Organisation OECD besitzen die reichsten zehn Prozent hierzulande mehr als 60 Prozent des gesamten Vermögens. Laut WSI ist die Spanne hierzulande größer als in fast allen anderen europäischen Ländern und auch größer als zur Jahrtausendwende. Viele Arbeitnehmer können sich auch deshalb keine Gedanken über kürzere Arbeitszeiten machen. Wer über keinen finanziellen Puffer verfügt, der berufliche Auszeiten ermöglichen könnte, dem droht später auch eher Altersarmut. Dies unterstreicht laut WSI die Bedeutung der sozialen Sicherungssysteme. In Haushalten, die kein Vermögen aufbauen könnten, finde praktisch auch keine private Altersvorsorge statt. Außerdem begünstigten materielle Ängste und Unsicherheiten – wie Studien erwiesen haben – populistische Einstellungen.

Das WSI fordert auf der Grundlage seiner Analyse solide Einkommen als Grundlage eines Vermögensaufbaus, ausreichende Betreuungsangebote für Kinder, damit bei Bedarf beide Elternteile arbeiten gehen können, ein größeres Schonvermögen für Hartz-IV-Empfänger sowie eine staatliche Förderung des Immobilienbesitzes für untere und mittlere Einkommen. Untersuchungen zeigten, dass der Besitz von Immobilien entscheidend zum Aufbau von Vermögen beiträgt, sagte WSI-Direktorin Hassel.

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