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  • 05.10.2017
  • von Henrik Mortsiefer

Deutsche Bahn präsentiert Innovationen: Kreativ mit Verspätung

von Henrik Mortsiefer

Umstellen. Ab 10. Dezember ändert sich ein Drittel des Bahn-Fahrplans. Foto: Friso Gentsch/dpa

Die Deutsche Bahn stellt in Berlin neue Produkte, Dienste und Zukunftsmusik vor. Die Züge sind voll - aber häufig verspätet.

Richard Lutz ist froh, dass der Sommer vorbei ist. Die vergangenen Monate waren für die Deutsche Bahn, die Lutz seit März als Vorstandschef führt, nicht leicht: Es gab Überschwemmungen und Stürme, die Rheintalbahnstrecke war wochenlang gesperrt, Vandalismus und Anschläge lähmten den Schienenverkehr, Großereignisse wie der G20-Gipfel in Hamburg setzten der Bahn zu. Die Folge: In den Monaten Mai, Juni, Juli und August war fast jeder vierte Zug im Fernverkehr unpünktlich. „Beim Kunden zählen aber keine Entschuldigungen“, sagte Lutz am Donnerstag in Berlin. Bis Jahresende wolle man deshalb „zu einem kraftvollen Endspurt ansetzen“ und das selbst gesteckte Pünktlichkeitsziel von 80 Prozent erreichen. 2020 sollen es dann 85 Prozent sein. Der Endspurt im laufenden Jahr wurde am Donnerstag allerdings erst einmal von Sturmtief „Xavier“ gebremst: die Fernverkehrsstrecken Berlin-Hannover und Berlin-Hamburg wurden eingestellt.

Im September immerhin sah es bei der Pünktlichkeit schon besser aus, wie Fernverkehrschefin Birgit Bohle berichtete. Auch sie räumte aber ein: „Wir haben an Vorsprung eingebüßt.“

68 Millionen Passagiere im ersten Halbjahr

Zur rechten Zeit präsentierten Lutz und Bohle deshalb am Donnerstag in den Hallen des Kultur- und Veranstaltungszentrums Radialsystem am Ostbahnhof 17 Neuheiten und Innovationen für ihre Kunden. Diese sind trotz Verspätungen zahlreicher geworden. Mehr als 68 Millionen Reisende fuhren laut Bohle im ersten Halbjahr Bahn, 1,6 Millionen mehr als im Vorjahreszeitraum. Außerdem stieg die Auslastung der Züge um drei Prozentpunkte auf 54,5 Prozent. „Es ist ziemlich voll in den Zügen“, sagte Bohle. Im laufenden Jahr und im kommenden seien neue Fahrgastrekorde in Sicht.

Erreichen will die Bahn diese mit mehr Qualität und einer höheren Zufriedenheit im Rahmen des Programms „Zukunft Bahn“. Zum dritten Mal stellte der Schienenkonzern unter dem Motto „Mobilität erleben“ in Berlin rund 150 Gästen neue Produkte und Dienste vor, die das Zugfahren attraktiver machen sollen.

So könnte für viele Kunden im Fernverkehr schon bald die Fahrkartenkontrolle wegfallen. Dafür muss der Fahrgast nach dem Einsteigen in seiner Handy-App „Navigator“ bestätigen, dass er sich auf den zuvor reservierten Platz gesetzt hat. Dem Zugbegleiter wird diese Information weitergeleitet, er lässt den Kunden bei der Kontrolle aus. Zunächst will die Bahn dieses Angebot Fahrgästen machen, die sich ein Handyticket mit Platzreservierung kaufen. Auch Bahnkarten-Inhaber (25 und 50) werden einbezogen. Derzeit läuft ein Test auf den ICE-Strecken Dortmund-Stuttgart und Hamburg-München. 2018 sollen mehr Verbindungen hinzukommen. Später könnte das System dann in allen ICE und IC eingeführt werden.

Punktgenaue Beschallung und leuchtende Bahnsteigkanten

Im Testbetrieb befindet sich auch eine akustische Innovation, die das Berliner Start-up Holoplot der Bahn gerne verkaufen würde. Spezielle Lautsprechersysteme, die das 2011 gegründete Unternehmen entwickelt hat, sind in der Lage, Durchsagen auf dem Bahnsteig punktgenau zu platzieren. So erreichen Informationen nur die betroffenen Passagiere, ohne andere zu stören. Das Soundsystem ist auch in der Lage, zwei unterschiedliche Durchsagen in verschiedene Richtungen gleichzeitig auszuspielen. Nach Tests in den Bahnhöfen Frankfurt am Main und München soll die punktgenaue Holoplot-Beschallung auf einem „großen deutschen Bahnhof“ im Alltag eingesetzt werden, wie Geschäftsführer Roman Sick sagte.

Leuchtende Bahnsteigkanten, bessere Kundeninformation bei Störfällen, Wlan im Nahverkehr, autonom fahrende Shuttle-Busse, elektrische Lastenfahrräder – die Deutsche Bahn präsentierte sich am Donnerstag als Kreativ-Labor für den Schienenfern- und Regionalverkehr. Vieles ist noch Zukunftsmusik.

Schon im kommenden Winterfahrplan werden sich allerdings viele Bahn-Kunden umstellen müssen. Die Bahn verändert zum 10. Dezember etwa ein Drittel ihrer ICE- und IC-Fahrpläne. Grund dafür sei die Eröffnung der neuen Schnellfahrstrecke zwischen München und Berlin, sagte Birgit Bohle. Der Bahn zufolge sind es die umfassendsten Fahrplanumstellungen seit 2002.

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