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  • 07.08.2017
  • von Marie Rövekamp

Ausbildungsjahr 2017: Warum Firmen immer schlechter Azubis finden

von Marie Rövekamp

Praxis statt Auswendiglernen. Im August und September beginnen wieder Tausende Schulabgänger eine Ausbildung. Foto: picture alliance / dpa

Nicht mehr ausreichend: Die deutsche Berufsausbildung gilt weltweit als Erfolgsmodell – und stößt hierzulande an Grenzen.

Die Ausbildung zum Bankkaufmann galt jahrzehntelang als sicher und solide. Die Lehre war beliebt; wer sie machte, galt als vernünftig. Doch in den deutschen Geldhäusern hat sich die Zahl der Azubis in den vergangenen 20 Jahren verringert, nein halbiert. Keine 10.000 Jugendliche haben sich im vergangenen Jahr für diesen Beruf entschieden.

Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hatten so viele Menschen eine Beschäftigung wie heute. Zeitgleich erreicht die Zahl der Azubis in diesem Jahr ein Rekordtief. Arbeitsmarkt und Ausbildungsmarkt entwickeln sich in verschiedene Richtungen. Experten sprechen von Entkopplung. Mit der Folge, dass sich der schon jetzt spürbare Fachkräftemangel weiter verschärfen wird.

In Berlin gibt es 6019 offene Lehrstellen

Einige Schulabgänger haben in dieser Woche ihre Ausbildung begonnen. Die meisten starten am 1. September. Allerdings haben 150.000 junge Frauen und Männer bundesweit noch immer keinen Ausbildungsplatz gefunden, viele wissen nicht, was sie tun sollen. 179.000 Lehrstellen sind wiederum unbesetzt. In Berlin hätten die 7917 Jugendlichen, die noch nichts gefunden haben, gute Chancen, wenn sie im Einzelhandel oder Büro arbeiten wollen, im Hotel, einer Restaurantküche oder eben einer Bank. Insgesamt sind hier noch 6019 Plätze offen.

Die Arbeitsagentur begründet die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage so: Zunächst einmal gibt es regionale Ungleichgewichte. Deswegen sollten sich Jugendliche in Berlin, die noch keine Stelle haben, auch mal im Umland umsehen. Dazu kommt, dass sich die Berufswünsche der jungen Menschen nicht eins zu eins mit dem decken, was gebraucht wird. Der Einzelhandel ist trotz offener Stellen gefragt, Bäcker will kaum jemand mehr werden.

Die meisten wollen lieber studieren

Die deutschen Unternehmen spüren außerdem den demografischen Wandel: In ganz Deutschland ist ein Schülerjahrgang seit 2007 um rund 120.000 Abgänger geschrumpft. Von den 28.000 Berliner Absolventen entscheiden sich nur noch höchstens 3000 für eine Lehre. Viele wollen lieber studieren.

Ein Grund dafür ist wiederum die Akademisierung. Nach dem katastrophalen Ergebnis der Pisa-Studie lauteten die Empfehlungen der OECD: Deutschland braucht mehr Abiturienten, mehr Hochschulabsolventen! Was geklappt hat. Zunächst einmal macht das für den Einzelnen auch Sinn: Mit einem Uniabschluss verdient man im Schnitt mehr Geld, hat bessere Aufstiegschancen, wird seltener arbeitslos. Die Folge ist aber auch, dass mittlerweile jeder dritte Betrieb laut einer DIHK-Befragung seine Lehrstellen nicht mehr besetzen kann und jeder Zehnte sagt, er bekommt nicht einmal mehr eine Bewerbung. Seit 2008 hat sich dieser Anteil nahezu vervierfacht.

Die Schule muss alle Optionen aufzeigen

„Uns geht der Nachwuchs aus“, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer vor Kurzem. Seiner Meinung nach müsse sich die Berufsorientierung an den Schulen verbessern – vor allem an den Gymnasien. Lehrer sollten „nicht nur die Chancen der akademischen Bildung aufzeigen, sondern auch die der beruflichen Bildung“. Dabei könnten Schüler auch für jene Jobs begeistert werden, die auf den ersten Blick nicht attraktiv erscheinen.

So läuft es fast immer: Die Unternehmen schimpfen über die Schulen und unbelastbare, leistungsschwache Jugendliche, die mit 15 Jahren keine klaren Berufsvorstellungen haben. Daraufhin schimpfen die Gewerkschaften über die Unternehmen, die keinen Grund zur Klage hätten, wenn sie die Azubis mal anständig bezahlen und behandeln würden.

Was die Berliner Betriebe in ihrer Not mittlerweile tun, ist Folgendes: Jedes zweite Ausbildungsunternehmen kümmert sich laut einer Umfrage der IHK Berlin um die Erschließung neuer Bewerbergruppen – wie etwa Studienabbrecher, lernschwächere Jugendliche oder Geflüchtete. Mehr als jeder dritte Betrieb hat sein Marketing verbessert oder bietet mehr Praktikumsplätze an. Andere Firmen kooperieren mit Schulen oder Hochschulen, bieten Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, werben mit Auslandsaufenthalten, verschenken Goodies wie Smartphones, Bahn-Karten und Fitnessstudio-Mitgliedschaften.

Tablets, Mietzuschüsse, mehr Urlaub

Bei der Deutschen Bahn bekommen Lehrlinge von nun an ein Tablet, nachdem der Konzern schon die Vergütung für Auszubildende um durchschnittlich sechs Prozent erhöht und Zuschüsse bei hohen Mieten eingeführt hatte. Auch andere Betriebe werben mit einer übertariflichen Vergütung – oder mehr Urlaubstagen, weil der Nachwuchs-Generation Zeit für das Privatleben wichtig ist.

Der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Friedrich Hubert Esser, ist der Ansicht: Unternehmen müssten die Ausbildungsqualität, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Bezahlung sowie die Aufstiegsmöglichkeiten weiter verbessern. „Wenn es hier nicht substanziell zu Fortschritten kommt, wird der Trend in die Hörsäle und weg von den Werkbänken anhalten“, sagt er. Gleichzeitig fordert er von der Politik, Maßnahmen zu ergreifen, um den Stellenwert der beruflichen Bildung in Deutschland wieder zu stärken. Unter anderem müssten die Berufsschulen besser ausgestattet werden.

Spezialisierung als Hemmnis

Es stellt sich allerdings die Frage, ob die Logik der dualen Ausbildung im Zuge der Digitalisierung nicht generell überdacht werden muss. Bislang wurde die berufsspezifische Ausbildung als etwas Gutes angesehen. Wenn aber bestimmte Fähigkeiten wegen des technischen Wandels überflüssig werden, erhöht sich laut einer Studie des ifo Zentrums für Bildungsökonomik später die Gefahr, die Arbeit zu verlieren. „Um unser duales System zukunftsfähig zu halten, sollten wir die frühe Spezialisierung der Auszubildenden verringern“, sagt Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums. Wichtiger werde der allgemeinbildende Anteil an den Inhalten und lebenslanges Weiterbilden.

Wenn es wirklich zur Normalität wird, dass man alle paar Jahre etwas Neues dazulernt, muss der 15-Jährige vielleicht auch nicht mehr die Angst haben, nach einer Lehre beruflich zu schnell stillzustehen.

Probezeit, Überstunden, Abmahnung: Was Azubis zum Start wissen sollten, lesen Sie hier!

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