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  • 07.08.2017
  • von Ann-Kathrin Hipp

Leerstand in Brandenburg: Die zweite Wende für eine Stadt im Osten

von Ann-Kathrin Hipp

Weil das Eigentumsverhältnis einiger Häuser nicht geklärt ist, werden sie so verschönert. Foto: Hipp

Viele haben Wittenberge nach der Wiedervereinigung verlassen. Der Leerstand liegt bei 20 Prozent. Doch die Stadt will wieder glänzen. Ein Besuch.

Man kann sich Wittenberge als eine neue Version von Monopoly vorstellen. Eine Version, in der es nicht darum geht, neue Häuser zu kaufen, sondern alte zu sanieren oder abzureißen. Die Partie ist in vollem Gange. Einige Straßenzüge sind bereits prachtvoll restauriert, in anderem stören Ruinen mit eingeworfenen Fensterscheiben das Bild. Zwischendrin hinterlässt der Abriss seine Löcher. Und dann gibt es noch die Schummelhäuser – Schauseite hui, innen pfui. Der äußere Schein soll die Baustelle im Inneren kaschieren – und die Leere. Eine Leere, die Wittenberge seit der Wende nie richtig zu füllen vermochte.

Die Deindustrialisierung nach der Wiedervereinigung traf die Stadt, die einst ein wirtschaftliches Aushängeschild der DDR war, wie so viele Orte im Osten mitten ins Herz. Das berühmte Nähmaschinenwerk wurde geschlossen. Die Ölmühle, eine Zellstofffabrik, ein großes Bahnwerk, der Reichsbahnhof ebenso. Wer konnte, ging fort. Zurück blieb, wer nicht anders konnte. In der einst so großen und bekannten Stadt war plötzlich nichts mehr – nur noch die gespenstische Anwesenheit der Abwesenheit.

Die Einwohnerzahl hat sich halbiert

Bis heute stehen dem Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e.V. in Wittenberge zufolge rund 20 Prozent der Gebäude leer – allein in Forst und Lauchhammer sind es mehr. Doch aus dem nichts soll wieder etwas werden. Das hat sich die Stadt fest vorgenommen. „Und sie hat das Potential“, sagt David Eberhart, Pressesprecher des Verbandes.

Von einst 30.000 Einwohnern sind Wittenberge rund 17.000 geblieben. In den vergangenen Jahren musste die Stadt deshalb zusammenrücken. Die Plattenbauten außerhalb wurden und werden abgerissen, die Menschen in den sanierten Altbauten im Zentrum untergebracht. Vier bis maximal sechs Euro pro Quadratmeter kostet eine frisch sanierte Wohnung in bester Lage. Zumindest das Erdgeschoss ist immer barrierefrei.

Zuzug und Wegzug halten sich die Wage

„Wenn das Hemd zu groß ist, muss man die Ränder eben abschneiden“, sagt Torsten Diehn, Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft. „Die Zeit nach der Wende war ein brutaler Niedergang, aber mit dem Stadtumbau kommt leise die Hoffnung zurück.“ Immerhin: Zuzug und Wegzug hielten sich mittlerweile die Waage. Einige Pendler würden in der Stadt sesshaft und mehr Babys geboren, so Diehn. Während die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), von einer weiteren Leerstandswelle im Osten in den nächsten 15 Jahren warnt, scheint die Lage in Wittenberge einigermaßen stabil. Zumindest für den Moment.

„Mit der Zeit wird es hier wieder heller. Es wird wieder schön“, sagt Birka Stövesandt, die zu DDR-Zeiten in der Stadt aufgewachsen ist und mittlerweile das Stadtmuseum leitet. „Die Leute mussten nach der Wende erst einmal verstehen, dass kein Prinz mehr kommt, der sie erlöst. Dass sie alleine etwas tun müssen, um etwas zu erreichen.“ Nicht für alle war das Ende eines Staates, der alles überwachte, aber eben auch alles regelte, ein Befreiungsschlag. Manche, sagt Stövesandt, warteten noch immer, aber einige hätten auch die Kraft gehabt, etwas zu bewegen. Mit Willen und Fleiß.

Wie Lutz und Jan Lange zum Beispiel. Aus einer alten Ölfabrik in Wittenberge haben Vater und Sohn einen Erlebniskomplex mit Restaurant, Hotel und Freilichtbühne geschaffen. Ein Leuchtturm der Stadt. Mittlerweile kommen 250 000 Gäste im Jahr. Das Unternehmen schreibt schwarze Zahlen. Die Familie hat etwas riskiert, hat Millionen investiert und wurde belohnt. Sie gehört zu denen, die es geschafft haben und glauben vielleicht auch deshalb an die Stadt, in der sie so gerne leben.

„Unserer Familie war es immer wichtig, die Region nach vorne zu bringen. Wir hätten ein ähnliches Objekt in Bayern kaufen können. Aber wir haben hier an eine Zukunft geglaubt“, sagt Jan Lange. Der 30-Jährige hat einen guten Job, Frau, Tochter, Freunde. Er steht auf der Gewinnerseite der Stadt.

Wer auf der anderen steht, ist weniger optimistisch. Zukunft scheint da keine Kategorie mehr. Was zählt, ist das jetzt. „Das hier ist doch nur eine Stadt der alten Leute", sagt ein junger Mann, der als Schweißer arbeitet und nach Feierabend mit seiner Freundin unterwegs ist. „Wenn man zum Arzt oder morgens in den Supermarkt geht, dann merkt man das besonders“, sagt er. „Die Schlangen sind riesig.“ Tatsächlich sind in der Straße, in der die beiden unterwegs sind, fast nur Senioren. Cafés oder Bars, in denen sich die Jugend trifft, sucht man vergeblich.


Größte Metropole zwischen Hamburg und Berlin werden

Stattdessen gibt es Geschäfte für Nachthemden, Kleidung, Brillen oder Blumen. „Das einzige was es für die jungen Leute gibt, ist ein Kino“, sagt die Freundin des jungen Mannes. Ein Dritter, der bei Kaufland arbeitet, kommt dazu. „Seitdem die Flüchtlinge hier sind, ist man hier doch nicht mal mehr sicher“, sagt er. „Und die Jungschen hauen doch eh alle ab, weil es keine Jobs gibt.“ Durch den Kontrast zum einstigen sozialistischen „Wir" wirkt die Zersplitterung in der Stadt umso schwerer, so scheint es. Ob die drei gegangen wären, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätten? Alle nicken.

„Man findet hier in der Stadt nicht alles, aber man findet auf jeden Fall etwas“, sagt der parteilose Bürgermeister Oliver Hermann zur Situation auf dem Arbeitsmarkt in Wittenberge. Die Großindustrie gebe es zwar nicht mehr, dafür aber einen ordentlichen Mittelstand. Das Gewerbegebiet, das ist nicht zu übersehen, wächst, neue Firmen wie „Brillux“ oder „MV Pipe“ siedeln sich an und bringen Arbeitsplätze zurück in die Stadt.

„Die Stimmungslage hat sich verändert. Es ist nicht mehr so, dass die Eltern ihren Kindern sagen: Wenn ihr etwas werden wollt, müsst ihr weg.“ Die Zahl der Arbeitslosen liegt mit zwölf Prozent dennoch über dem Brandenburger Durchschnitt. Und wer studieren will, muss sowieso weg. Zumindest vorübergehend.

Hermann will deshalb auf die Rückkehrer setzen. „Natürlich gibt es einen Großstadttrend. Aber genauso gibt es Leute, die zurück kommen“, sagt er. Die Leute, die mit Mitte 30 sesshaft werden und ihr Kind nicht auf dem Alexanderplatz groß ziehen wollen.

Kitas haben erstmals Wartelisten

„Perspektiven 2030 – Damit wir bleiben können“, heißt ein gemeinsames Programm von Wittenberge und der Nachbarstadt Perleberg, dass es sich zum Ziel gesetzt hat, auf die lebenswerten Seiten und Potentiale der Region aufmerksam zu machen. Heimatidylle für Familien steht dem Bürgermeister zufolge darin großgeschrieben. Eine Art Lebensqualitätssteigerungsprogramm soll für Vereinsleben, schöne Parks, Familienevents und gute Kitas sorgen.

Erste Erfolge gebe es bereits. Für einen Platz in der Kindertagesstätte gab es in diesem Jahr erstmals Wartelisten. Ein in Großstädten übliches Problem, über das sich der Bürgermeister von Wittenberge fast zu freuen scheint. Die Zahl der Grundschüler soll bis 2022 von 550 auf 705 steigen.

Da ist das junge Paar, das zurück ins Elternhaus gezogen ist, der Mann, der zur Arbeit nach Hamburg pendelt und in Wittenberge lebt „weil es so schön ruhig ist“ oder der holländische Künstler, der in die Stadt kam, um ein Café mit Galerie zu eröffnen. Weil es günstiger ist als in der Stadt. Und weil Wittenberge noch Potentiale hat. „Vielleicht wird das hier das nächste Prenzlauer Berg“, sagt er. Und wirkt überzeugt.

"Größte Metropole zwischen Berlin und Hamburg"

An die Möglichkeiten der Stadt glaubt auch eine Gruppe von 30 Jugendlichen, die sich im „Jugendforum Prignitz“ zusammengeschlossen haben. Sie wollen dafür sorgen, dass Wittenberge und die Region gerade für junge Menschen wieder attraktiver wird. „Da muss sich endlich was ändern“, sagt die 19-jährige Mitgründerin Jule Hensler.

Bessere Mobilität steht auf ihrer Wunschliste. Dazu Partyangebote, Weltoffenheit, bessere Ausbildungsmöglichkeiten, ein Krankenhaus und vielleicht sogar eine Universität. Dann, so ihre Theorie, wollen auch wieder mehr Menschen hier bleiben. Sie selbst will das, weil sie sich zu Hause fühlt. In der Heimat sei es eben doch am schönsten.

Mit dem Stadtumbau sind die ersten Züge auf dem Weg zur Veränderung bereits gemacht. 1200 Altbauwohnungen wurden bereits saniert. 25 Gebäude stehen noch aus, weitere 25 zum Verkauf. In zehn Jahren sollen dann „zumindest die Schandflecke beseitigt sein“, sagt Torsten Diehn, von der Wohnungsbaugesellschaft. Die Ruinen der Vergangenheit werden verschwinden. Die Stadt wieder lebenswerter werden. Das Ziel des Spiels: Wittenberge soll die größte Metropole zwischen Hamburg und Berlin werden. Die Latte für die zweite Wende liegt hoch.

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