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  • 08.06.2017
  • von Sabine Beikler

Elektromobilität in der Hauptstadt: Verlässt die Formel E bald Berlin?

von Sabine Beikler

Umstrittenes Event. Beim Formel-E-Rennen auf der Karl-Marx-Allee im vergangenen Jahr gab es Anwohnerbeschwerden. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Die Formel E startet am kommenden Wochenende auf dem Tempelhofer Feld – 2018 könnte die Rennserie aber in München stattfinden.

Surrende E-Flitzer, quietschende Reifen, eine Show für die ganze Familie auf dem Tempelhofer Feld: 20.000 Zuschauer erwarten die Veranstalter der Formel E am kommenden Wochenende in Berlin. Das dritte Mal ist die elektrische Rennserie zu Gast in der Hauptstadt. Ob Berlin 2018 erneut den Zuschlag des  FIA-Weltverbandes erhält, ist jedoch völlig offen.

München ist ein heißer Anwärter für die Austragung der Formel E im kommenden Jahr. Und Automobilkonzerne, die in der Formel E antreten, kritisieren das Verhalten des rot-rot-grünen Senats. „Momentan wird die Formel E in Berlin eher stiefmütterlich behandelt. Wir hatten gehofft, dass die Regierung die Formel E positiv aufnimmt und einen Straßenkurs in der Hauptstadt anbietet, um die Vorteile der Elektromobilität auch den Bürgern näherzubringen“, sagte Wolfgang Dürheimer, Generalbevollmächtigter des Volkswagen-Konzerns für den Motorsport, dem Tagesspiegel. FIA-Präsident Jean Todt sagte: „Ich möchte ein Formel-E-Rennen im Zentrum einer Stadt.“

Rennkurse in den Innenstädten vieler Metropolen - nur nicht in Berlin

Spannende Duelle, innovative Technik und Unterhaltung will die Formel E in den Städten präsentieren. In dieser Saison fährt die Formel E seit ihrer Gründung 2014 auf zwei bis drei Kilometer langen Rennkursen in den Innenstädten – von Hongkong, Marrakesch, Las Vegas, Buenos Aires, Mexiko-Stadt, Monaco, über Paris, New York, Montréal und Berlin. Nur in der deutschen Hauptstadt darf das Rennen nicht in der City stattfinden.

Beim ersten Rennen 2015 war Tempelhof der Austragungsort, doch wegen der Flüchtlingsunterkunft in den einstigen Airportgebäuden mussten die E-Flitzer 2016 auf die Karl-Marx-Allee in Mitte und Friedrichshain ausweichen. Dort waren viele Anwohner genervt, sie fühlten sich durch Sperrungen und den Publikumsansturm belästigt, weshalb der Senat die Notbremse zog. Er untersagte ein weiteres Rennen auf der Allee und gab wieder grünes Licht fürs Tempelhofer Feld.

"Gute Werbung für Elektromobilität und Berlin"

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) kann die Kritik nicht nachvollziehen. Die Formel E sei eine „sehr gute Werbung für Elektromobilität und für Berlin. Wir sind der richtige Standort für sportliche Großveranstaltungen und ebenso für die neuesten technischen Innovationen“, sagte Müller dem Tagesspiegel. Die Formel E setze die Messlatte für die technischen Möglichkeiten der E-Mobilität und „ist damit in der Smart City Berlin genau richtig aufgehoben. Wir sind mit Brandenburg zusammen eines der vier Schaufenster für Elektromobilität, das seit 2012 existiert“, so Müller.

Das Tempelhofer Feld sei „eine einzigartige Rennstrecke mitten in der City. Es ist für alle Anwohner und Gäste sehr gut zu erreichen, gleichzeitig wird niemand durch Straßensperrungen eingeschränkt oder gestört.“ Jeder könne die Vorzüge der Elektromobilität und ein spannendes Autorennen unbeschwert genießen, sagte Müller.

"Tierisch viele Beschwerden"

Die Verkehrsverwaltung betont, dass man sich „gemeinsam mit dem Veranstalter“ auf den Austragungsort auf dem Vorfeld des ehemaligen Flughafen Tempelhof verständigt habe. Bei der Ortswahl sei es auch darum gegangen, „Verkehrseinschränkungen zu vermeiden, die im vergangenen Jahr bereits in der Aufbauphase der Veranstaltung sichtbar wurden“, sagte ein Sprecher. Es habe „deutliche Kritik und Protest“ aus den Bezirken Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg gegeben.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) sagte, es habe „tierisch viele Beschwerden“ gegeben. Und die Rennen seien auch nicht leise. Formel-E-Rennen haben in der Regel eine Lautstärke von 80 Dezibel, Formel-1-Rennen von 130 Dezibel. Bei einem Formel-E-Rennen ist eine normale Unterhaltung möglich, bei einem Formel-1-Rennen nicht mehr.

Ist das Rennen Werbung oder schreckt es ab?

Auch die Automobilkonzerne nutzen die Formel E, um gerade Stadtbewohnern auf Strecken in den Innenstädten die Vorzüge der leisen Elektromobilität zu präsentieren. „Wir zeigen damit Nachhaltigkeit und wollen auch, dass die Menschen Elektroautos kaufen", sagte FIA-Präsident Todt. Um mit dieser Art von Motorsport für Elektromobilität zu werben, „müssten wir gerade in der Hauptstadt an prominente Plätze wie den Alexanderplatz oder an das Brandenburger Tor gehen, um die maximal mögliche Aufmerksamkeit zu bekommen“, sagte VW-Manager Dürheimer.

Das sieht die Berliner Verkehrsverwaltung anders. Die Formel E werden auf dem betonierten Vorfeld des Flughafens Tempelhof sehr viele Zuschauer anlocken, die sich „von der Leistungsfähigkeit der Elektromotoren aus erster Hand ein Bild machen möchten“, sagte ein Sprecher. Durch das Rennen auf dem Tempelhofer Feld könnten "lange Straßensperrungen" vermieden werden. Solche Sperrungen dürften die Bürger „wohl kaum von den Vorzügen der E-Mobilität überzeugen, sondern eher abschrecken“. Man sei zuversichtlich, dass sich der Standort Tempelhofer Feld auch im kommenden Jahr wieder als Austragungsort in Berlin anbieten würde.

Flitzen die E-Autos bald über die Theresienwiese?

Da hat Berlin die Rechnung nicht mit der bayerischen Landeshauptstadt München gemacht. Diese bewirbt sich ebenfalls um die Austragung der Formel-E im Jahr 2018. Die FIA soll sogar schon über ein Rennen auf der Theresienwiese verhandeln. Und süddeutsche Automobilkonzerne wie Audi oder BMW favorisieren den Standort München. Nach Tagesspiegel-Informationen hat der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) bereits entsprechende Schreiben der Konzernspitzen erhalten. Die Münchner Stadtverwaltung lehnte eine Stellungnahme dazu ab. Und auf Anfrage sagte Tom Wood von der FIA, man werde sich dazu noch nicht offiziell äußern.

Vermutlich spricht der neue Titelsponsor für die Formel E ein Wörtchen mit beim Austragungsort 2018: die Allianz. Der Versicherungskonzern hat seinen Sitz in München. Die Entscheidung ist noch nicht gefallen: München, Berlin oder vielleicht sogar ein Rennen an zwei Austragungsorten?

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