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  • 19.05.2017
  • von Dagmar Dehmer

Energiewende: Bürgerenergie gewinnt Wind-Ausschreibung

von Dagmar Dehmer

Ein Turmsegment einer neuen Windkraftanlage wird mit einem Kran angehoben. Bei der ersten von drei Ausschreibungsrunden für Windenergie an Land haben sich die norddeutschen Standorte durchgesetzt. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Bei der ersten Ausschreibung um die Förderung von Windenergieanlagen an Land hat die Bundesnetzagentur nur fünf kommerziellen Anbietern Zuschläge erteilt. Alle anderen Anlagen werden von Bürgerenergie-Initiativen gebaut. Die Preise liegen knapp unter der bisherigen Einspeisevergütung.

Rainer Baake (Grüne) sieht sehr zufrieden aus. Der Energie-Staatssekretär der Bundesregierung hat am Freitagmorgen die Ergebnisse der ersten Ausschreibung für Windenergie an Land vorgestellt. Besser hätte es aus seiner Sicht gar nicht laufen können. Die Bundesnetzagentur (BNetzA) hat 93 Prozent der Zuschläge an Bürgerenergie-Projekte erteilt. Der gewichtete Durchschnittspreis für die Förderung des Windstroms liegt bei 5,71 Cent Pro Kilowattstunde, und damit leicht unter der aktuell gültigen Einspeisevergütung von sechs Cent.

Baake sagte am Freitag Morgen: "Sie sehen einen zufriedenen Staatssekretär vor sich." Die Auseinandersetzungen über die Ausschreibungen und vor allem die genaue Ausgestaltung derselben "haben sich gelohnt", meinte er. Das Ministerium und die BNetzA hätten "ausgewertet, was anderswo schief gelaufen ist", betonte er. Und dann seien offenbar die "richtigen Weichen gestellt" worden, sagte er. "Die hohe Akteursvielfalt ist das Rückgrat der Energiewende", sagte Baake. Es habe sich gelohnt, genau zu definieren, was unter Bürgerenergie verstanden werde. Der Erfolg der Bürgerenergie-Initiativen zeige auch, dass diese "regional verwurzelt" seien und deshalb auch auf eine "hohe Akzeptanz" zählen könnten.

807 Megawatt Windenergie können gebaut werden

Die Ausschreibung war mehrfach überzeichnet. 70 Zuschläge über ein Ausbauvolumen von 807 Megawatt hat die BNetzA erteilt. 256 Angebote für 2137 Megawatt sind bis zum 2. Mai bei der Behörde in Bonn eingegangen. Nur fünf kommerzielle Anbieter konnten sich durchsetzen. Einer davon ist die RWE-Tochter Innogy, die mit der Modernisierung eines Windkraftstandorts im Netzengpassgebiet in Norddeutschland erfolgreich war. Im Gegensatz zu den Bürgerenergie-Unternehmen, die außer in Niedersachsen und Schleswig-Holstein alle den höchsten noch erteilten Zuschlagsbetrag bekommen, erhalten die kommerziellen Anbieter tatsächlich nur den Betrag, den sie geboten haben. Für die Bürgerenergie-Anbieter liegt die Einspeisevergütung bei 5,78 Cent pro Kilowattstunde. In den sogenannten Netzausbaugebieten im Norden sind es 5,58 Cent pro Kilowattstunde.

Viele Zuschläge für Norddeutschland

Mit 18 Zuschlägen über 246,8 Megawatt Leistung steht Niedersachsen an der Spitze der Bundesländer, in denen nun weitere Windparks gebaut werden können. Dann folgen Schleswig-Holstein mit 17 Zuschlägen über 119,9 Megawatt, Brandenburg mit 13 Zuschlägen über 157,6 Megawatt, Nordrhein-Westfalen mit neun Zuschlägen über 96,6 Megawatt und Mecklenburg-Vorpommern mit fünf Zuschlägen über 76 Megawatt. Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt haben Zuschläge für ein bis drei Windparks bekommen. Leer sind nur Baden-Württemberg, Thüringen, Sachsen und die Stadtstaaten ausgegangen.
„Die erste Ausschreibung für Wind an Land war erfolgreich", sagt Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur. Er lobte das "erfreulich hohe Zum August beginnt schon die zweite von drei Bieterrunden in diesem Jahr. Ob die Preise dann noch deutlich sinken werden, weiß Baake allerdings auch noch nicht. Denn neben den Anlagenpreisen spielen auch die Grundstückspreise und Finanzierungskosten eine große Rolle dabei, wie die Angebote ausfallen werden.

Eine Analyse des Berliner Thinktanks Agora Energiewende kommt zu dem Ergebnis, dass die Vollkosten an hervorragenden Standorten in Deutschland auf drei bis 4,5 Cent pro Kilowattstunde sinken könnten. "Technologisch ist die Entwicklung bei den Windkraftanlagen noch längst nicht ausgereizt“, sagt Matthias Deutsch, Co-Autor der Analyse „Future Cost of Onshore Wind“.  „So, wie wir bei Solarenergie und Wind Offshore deutliche Kostenreduktionen durch den Wettbewerb bei den Ausschreibungen gesehen haben, sind diese auch im Bereich Wind Onshore möglich.“

Die zweite von drei Ausschreibungsrunden in diesem Jahr beginnt am 1. August.

Gemischte Reaktionen

Stefan Kapferer, Hauptgeschäftsführer des Energie-Branchenverbands BDEW, fühlt sich bestätigt. „Die Ergebnisse der Ausschreibung für Windenergie an Land belegen: Die Einführung von Auktionen zur Ermittlung der Förderhöhe für Erneuerbare Energien  war richtig." Damit werde die Förderung der Erneuerbaren effizienter, meint er. "Dass Bürgerenergiegesellschaften in diesem Umfang zum Zug gekommen sind, zeigt deutlich: Die Angst vor einer Verringerung der Akteursvielfalt war unbegründet."

Davon sind aber noch nicht alle überzeugt. Marcel Keiffenheim, Leiter Politik und Kommunikation bei Greenpeace Energy und Aufsichtsratsmitglied im Bündnis Bürgerenergie äußerte den Verdacht, dass ein Teil der Zuschläge womöglich doch an "versteckte Großinvestoren" gegangen sein könnten, die sich quasi als Bürgerenergie ausgegeben hätten. "Das Ergebnis der Ausschreibungen muss jetzt allerdings genau darauf geprüft werden, ob hier Gesellschaften zum Zug kamen, in denen tatsächlich engagierte Bürger die Zügel in der Hand halten", verlangte er.

Die Energieexpertin der grünen Bundestagsfraktion Julia Verlinden sagte: „Das Ergebnis ist einer klarer Beleg, dass die Windenergie längst wettbewerbsfähig mit den alten, schmutzigen Energieträgern ist. Deshalb muss der Deckel für den Ausbau der Windenergie weg."

Rainer Baake genoss derweil, dass es seinen Kritikern, die mit dem Beginn der Ausschreibungen das Ende der Energiewende gekommen sahen, nun doch ein wenig die Sprache verschlagen hat. Mit Spannung warten nun alle auf die zweite Ausschreibungsrunde. Auch bei der ersten Ausschreibung für Solarstrom sei der Preis nur leicht gesunken, die Preissprünge nach unten hätte es erst im Verlauf gegeben, sagte Baake.

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