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  • 02.08.2017
  • von Marie Rövekamp

Integration von Flüchtlingen: Im zweiten Lehrjahr

von Marie Rövekamp

Erste Berufserfahrungen. Morteza Modaber (vorne) ist aus Afghanistan geflohen und macht zurzeit ein Praktikum bei der S-Bahn. Foto: Jens Jeske/ Imago Foto: imago/Jens Jeske

Immer mehr Berliner Betriebe stellen Flüchtlinge ein. Der Azubi bei Siemens wird vorerst trotzdem die Ausnahme bleiben.

In einer blauen Latzhose steht die junge Frau an dem runden Werktisch, feilt die Kanten eines Metallstücks glatt. Reyhane Alinaghi, 24, lange, dunkle Haare, hat im Iran ihr Abitur gemacht und danach als Fotografin gearbeitet. Dass sie einmal in einer Firma wie Siemens arbeiten, dort fräsen und bohren würde, gemeinsam mit Männern, hätte sie damals nicht gedacht. Sie hätte es auch nicht gedurft.

Reyhane Alinaghi gehört zur zweiten Förderklasse von Siemens, die Anfang März begann. Sie ist vor vier Jahren nach Deutschland geflohen. Im vergangenen Jahr hat ihr ein befreundeter Siemens-Mitarbeiter von dem Programm erzählt. Mitschüler lasen auf Facebook davon.

Insgesamt bewarben sich 500 Geflüchtete für einen Platz, 32 wurden genommen. Bis Ende August lernen sie nun weiter Deutsch, haben praktischen Unterricht in der Ausbildungshalle und Theoriestunden in der Berufsschule. Ziel ist es, dass sie dadurch die Chance haben, sich auf eine Lehrstelle zu bewerben. Bevorzugt werden sie dabei nicht. Sie müssen das gleiche Verfahren wie alle anderen bestehen.

Die erste Förderklasse startete vor einem Jahr und endete im vergangenen August. Von den 18 Teilnehmern begannen 13 eine Ausbildung bei Siemens oder einem Kooperationspartner. Die vier, die noch nicht so weit waren, machten einen weiteren Sprachkurs oder holten einen Schulabschluss nach. Einer brach das Programm aus familiären Gründen ab.

2016 war für alle ein Lernjahr

Es gibt keine Statistik, wie viele Berliner Betriebe Geflüchtete als Praktikanten, Azubis, Zeitarbeiter oder Fachkräfte mittlerweile beschäftigen. Laut den Unternehmensverbänden Berlin-Brandenburg würden sich aber vor allem die Branchen engagieren, die es schwer haben, ihre Stellen zu besetzen. Wie das Handwerk und der Bau. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin hat Ende des vergangenen Jahres 110 Ausbildungsverträge mit jungen Frauen und Männern aus Syrien oder Afghanistan abgeschlossen. 100 Geflüchtete würden eine Einstiegsqualifizierung machen. Eine Vorbereitung auf die duale Ausbildung wie bei Siemens. Dort bekommen die Geflüchteten fast 500 Euro im Monat: 231 Euro vom Jobcenter, 259 Euro vom Unternehmen.

Das vergangene Jahr war für die Berliner Betriebe, die Flüchtlinge beschäftigen wollten, ein Lernjahr. Sie besuchten Info-Veranstaltungen und Seminare, waren auf Jobbörsen für Geflüchtete vertreten, vergaben erste Praktika und Jobs. „Viele waren motiviert, aber überforderten sich auch“, sagt Marlies Peine, Sprecherin der Initiative „Wir zusammen“. Aus ihren Erfahrungen hätten die Betriebe mit den Monaten gelernt. Sie würden heute mehr über die Rechtslage und Qualifikationen der Geflüchteten wissen. Würden sich mehr zutrauen. Die Integration in den Unternehmen habe von daher Fortschritte gemacht. Zwar langsam, aber das sei auch verständlich: Die Geflüchteten müssten nach wie vor in einem fremden Land, weit weg von ihren Familien, zurechtkommen. Die Unternehmen müssten sich in asylrechtlichen und kulturellen Fragen fortbilden und die Geflüchteten intensiver betreuen als andere.


Traumata werden sichtbarer

Bei der Deutschen Bahn ist das die Aufgabe von Ulrike Stodt. Bundesweit qualifiziert der Konzern 120 Flüchtlinge. In diesem und im kommenden Jahr kommen noch mal 150 Plätze hinzu. Eine Maßnahme ist neben der Umschulung auch hier die Einstiegsqualifizierung. Zum Ausbildungsstart im vergangenen September wurden erstmals elf von 18 Flüchtlingen als Lehrlinge übernommen. In Berlin waren es acht von zwölf. Sie werden nun Elektroniker, Mechatroniker oder Koch. Seit November wird die zweite Klasse mit zwölf Teilnehmern für die Ausbildung bei der Bahn in Berlin geschult.

Soll Ulrike Stodt die Entwicklung der vergangenen zwölf Monate beschreiben, nennt sie als Erstes die Sprachkenntnisse der Schüler. Im Vergleich zum Vorjahr können sie sich besser ausdrücken. Verstehen mehr. Zumindest im alltäglichen Umgang. „Mit den Fachbegriffen wie Abisolierzange ist es für sie nach wie vor schwer“, sagt Stodt. Das Berufsvokabular, das allerdings auch für deutsche Lehrlinge kompliziert ist, lernen die Geflüchteten, indem sie das Werkzeug aufmalen und den Begriff mehrmals schreiben. Sie führen Vokabellisten, nutzen hin und wieder eine Übersetzungs-App auf dem Smartphone. Manchmal sagt die Klasse „Abisolierzange“ auch drei Mal hintereinander im Chor. Bis sich der Begriff eingeprägt hat. Obwohl das ganz gut funktioniert, plädieren immer mehr Unternehmen für berufsbezogene Sprachkurse.

Klar ist: Das sind Vorzeigeprojekte

Im ersten Flüchtlingsjahrgang leisteten die Betriebe viel Alltagshilfe. Erklärten den Flüchtlingen die deutsche Bürokratie, halfen, Formulare auszufüllen. Heute kommen sie in Berlin etwas besser zurecht. Einige – wie Reyhane Alinaghi – leben nicht mehr im Heim, sondern haben eine eigene Wohnung. Weil sich der Stress mit den Behördengängen, die Überforderung der ersten Monate langsam legt, wird allerdings ein anderes Problem immer sichtbarer: Die Traumatisierung vieler Flüchtlinge. „Das kann ein großes Problem werden, weil es nicht annähernd genug Therapeuten gibt“, sagt Stodt. Erst neulich wurde ihr erzählt, dass sich zwei Azubis bei einem lauten Knall auf den Boden schmissen. Es erinnerte sie daran, wie Krieg klingt.

Vor zwei Wochen besuchte Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) das Programm der Deutschen Bahn im S-Bahn-Betriebshof Schöneweide. Sie hörte sich die Geschichten der Geflüchteten an, zeigte sich begeistert von deren Sprachvermögen. "Bei der Deutschen Bahn muss man richtig arbeiten", sagte ihr Ahmed Bitar aus Syrien. "Ist harte Arbeit und viel Verantwortung." Nahles nickte, lachte, weil er sogar schon den Berliner Akzent übernommen habe. Die Ministerin wusste aber auch: Das hier ist – wie bei Siemens – ein Vorzeigeprojekt.


Die meisten üben Hilfsjobs aus

Bei dem Unternehmen Gegenbauer machen 90 Geflüchtete ein Praktikum, 70 üben einen Hilfsjob im Reinigungs- oder Sicherheitsbereich aus. Fünf machen eine Ausbildung oder werden darauf vorbereitet. Einer ist Ingenieur. Diese Verteilung kommt dem, was den Geflüchteten zur Zeit möglich ist, weitaus näher.

„Eine Herausforderung wird sein, dass sie nicht nur prekäre Helfertätigkeiten übernehmen“, sagt Henning Paulmann, Leiter des Arrivo Servicebüros. „Der Markt dafür ist in Berlin auch begrenzt.“ Ähnlich sehe es mit Praktika aus. Sie seien zwar ein guter Einstieg, aber enden nach ein paar Monaten auch wieder. Das Arrivo Servicebüro wurde im vergangenen August eröffnet und ist die zentrale Anlauf- und Koordinierungsstelle für alle Berliner Unternehmen, die Geflüchtete einstellen wollen. „Nach einem Jahr des Kuddelmuddels sind die Prozesse in Berlin viel besser geworden“, sagt Paulmann. Dennoch hätten Arbeitgeber nach wie vor asylrechtliche Fragen, würden wissen wollen, welche Fördermöglichkeiten es gibt und was sie im Miteinander beachten müssen.

Seit dem Spätsommer hätten sich mehr als 400 Betriebe in dem Büro in Mitte beraten lassen. Oft aus dem Handwerk. Mit der Unterstützung von Arrivo seien laut der Handwerkskammer Berlin – mit 30000 Mitgliedern – bis heute 150 Ausbildungsverträge mit Geflüchteten unterzeichnet worden. Zugute kommt den Neuankömmlingen, dass viele Berliner Betriebe Probleme haben, Lehrlinge zu finden.

Möglichkeiten für Gründer

Für jene, die in ihrer Heimat unternehmerisch tätig waren, bietet die IHK Berlin eine Beratung an – und Start-up- Klassen. Im vergangenen Jahr haben 165 Flüchtlinge daran teilgenommen. Auffallend sei auch hier das mittlerweile recht gute Sprachniveau. Als größte Hürden bezeichnen die potenziellen Gründer die Finanzierung und das deutsche Steuerrecht.

Andersherum hat sich auch die Berliner Gründerszene in der Arbeitsmarktintegration engagiert. Wie etwa das Start-up Workeer. Auf der Jobplattform für Geflüchtete sind aktuell 3385 Bewerber und 2392 Arbeitgeber mit einem öffentlichen Profil registriert. Noch weitaus mehr sind nicht-öffentlich angemeldet. Arbeitsministerin Nahles meinte im vergangenen September, dass dort 10 000 potenzielle Jobmöglichkeiten geschaffen werden könnten. Workeer-Gründer David Jacob hält das nach wie vor für machbar.

In der Ausbildungshalle von Siemens haben die Geflüchteten Mittagspause. Mohammad Bassam Manzljy, 23, hatte in Syrien Informatik studiert und zwei Jahre gearbeitet. Dass er jetzt nochmal eine Ausbildung machen muss, stört ihn nicht. "Ich mag das praktische Arbeiten", sagt er. "In Syrien gibt es nur Theorie." Auf der anderen Seite des Gangs legen auch die Azubis ihr Werkzeug aus der Hand. Dass Geflüchtete ein paar Meter von ihnen entfernt arbeiten, ist für sie noch etwas Besonderes. Für die kommenden Jahrgänge könnten Kollegen aus Syrien ganz normal sein.

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