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  • 10.01.2017
  • von Dagmar Dehmer

Datenstrom: Energieinformationen in Echtzeit

von Dagmar Dehmer

Das ist ein Screenshot der Stromkarte, die zeigt, dass die Stromproduktion am trüben Montag in Deutschland, Polen und Tschechien stark kohlehaltig war. Schweden, Norwegen und Frankreich dagegen sehen ziemlich grün aus. Foto: Screenshot

Echtzeitdaten, die vor allem Stromnetzbetreiber für ihre tägliche Arbeit brauchen, werden immer öfter auch für Visualisierungen des Energiesystems genutzt, die allen offenstehen. Ein Überblick.

Wer wissen will, in welchem Land in Europa die Stromproduktion gerade besonders klimafreundlich ist, kann das nahezu in Echtzeit auf der Electricity Map des jungen Startup-Unternehmens Tomorrow herausfinden. Entwickelt hat sie Olivier Corradi, ein dänisch-französischer Computerfachmann.

Seit September 2016 ist die Electricity-Map online, nach fünf Monaten Entwicklungszeit. Corradi hat sie zunächst aus purer Neugier entworfen. Er arbeitete in einem IT-Startup-Unternehmen, das sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigt. Aber die Frage, wie aus einer stark kohlenstofflastigen Energieversorgung in Europa ein Stromsystem auf der Basis erneuerbarer Energien werden könnte, interessiert ihn viel mehr. „Ich habe vor kurzem gekündigt“, berichtet er dem Tagesspiegel. Inzwischen hat er ein kleines Team von Energie- und IT-Fachleuten um sich herum versammelt, mit dem er seinem Ziel näher kommen will.

Thierry Ollivero ist einer von ihnen. Die meisten Leute, berichtet er, würden die Karte aufmachen, sie schön finden, und wieder zumachen. "Aber manche nutzen die Visualisierung auch, um zu streiten", berichtet er. Anhänger der Atomenergie nutzen windstille Wintertage, an denen Deutschland braun aussieht, um für Kernkraft zu werben. Anhänger von Wind- oder Sonnenstrom nehmen die grünen, deutschen oder dänischen Tage als Argument für die Energiewende. Dabei geht es Corradi zunächst einmal vor allem darum, in jedem beliebigen Moment "zu zeigen, was ist".

Die aktuellen Stromdaten liefert die europäische Transparenzplattform der Netzbetreiber, Entsoe. Die jungen französischen Entwickler greifen aber auch noch auf weitere Zahlen zurück, wenn ihnen die Detailtiefe der Entsoe-Daten nicht ausreicht. Der französische Netzbetreiber RTE beispielsweise liefert selbst umfangreiche Informationen über den Zustand der französischen Stromerzeugung. Die Produktionsdaten des Stroms werden mit den vom Weltklimarat erarbeiteten Umrechnungsformeln in Kohlendioxid-Emissionen übersetzt. Auf einer Farbskala von schwarz (Polen) bis grün (Norwegen und Frankreich) bewegen sich die anderen Europäer, je nach Ausbaustatus der erneuerbaren Energien und Wetter oder des Atomstromanteils eher Richtung grün oder braun. Norwegen ist meistens grün, weil die Stromversorgung auf umweltfreundlicher Wasserkraft beruht. Frankreich ist meistens grün, weil drei Viertel des dort erzeugten Stroms in Atomkraftwerken produziert wird, wohingegen in Polen nahezu 100 Prozent des Stroms in Kohlekraftwerken produziert wird. Die jungen Entwickler haben die Karte als Open Source Software angelegt. Wer sie verbessern will, kann auf die Quellcodes der Entwickler zugreifen. "Das hat sich bewährt", erzählt Corradi.

Datengetriebene Entscheidungshelfer, ein Überblick

Die bereits erwähnte Transparenzplattform von Übertragungsnetzbetreibern aus 35 europäischen Staaten, Entsoe ist bereits seit 2008 online. Die Netzbetreiber finanzieren die Seite gemeinsam. Dort lassen sich die Stromflüsse, also Stromimporte und -exporte der Länder in Echtzeit ablesen. Die Seite bietet einen guten Überblick über den Stand des europäischen Stromsystems. Es gibt Informationen über Erzeugungskapazitäten, über Stromspeicher, also vor allem Pumpspeicherwerke, und über die am folgenden Tag erwarteten Strommengen aus erneuerbaren Energien.

Einen Überblick über den Ausbauzustand des europäischen Stromleitungsnetzes bietet die Europäische Union. Darin sind nicht nur Stromleitungen sondern auch Gaspipelines berücksichtigt, die in ihrem Bauzustand oder Planungszustand abgebildet sind. Ein ähnliches Angebot liefert die Bundesnetzagentur, die auf einer Karte die Ausbauvorhaben und ihren Planungsstand präsentiert.

Wer sich nur für den deutschen Strommarkt interessiert, findet die spezifischen Daten auf der Seite der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber: Netztransparenz.de. Auch hier finden sich Stromproduktionsdaten und Prognosen für den Folgetag. Auf ihrer Seite verzeichnen die Netzbetreiber auch die Einnahmen auf dem EEG-Konto, auf das die Ökostromabgabe aller Stromkunden überwiesen wird. Aus der Bilanz dieses EEG-Kontos wird dann im Oktober jeden Jahres die EEG-Abgabe für das Folgejahr errechnet.

Einen Überblick über die aktuellen Einspeiseverhältnisse der verschiedenen Stromerzeugungsarten und die zugehörigen Preise bietet auch das Agorameter des Berliner Thinktanks Agora Energiewende. Der Vorteil dieser Plattform ist, dass sie, wie auf der Seite Netztransparenz auch, nicht nur die aktuellen Daten liefert. Auf dem Agorameter lassen sich die Stromkurven bis zu einem Jahr zurück darstellen. Das ergibt bei einem Stromnetz, das stark auf nicht kontinuierliche Stromquellen zurückgreift, wie das deutsche mit hohen Wind- und Solarstromanteilen, einen repräsentativeren Überblick über das Geschehen im Strommarkt. In Deutschland liefert das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (Fraunhofer ISE) zudem detaillierte Informationen über das Stromsystem, aber auch den jeweils aktuellen Kohlendioxid-Ausstoß.

Auch in einigen anderen europäischen Ländern liefern die Netzbetreiber umfangreiche Informationen über das Stromnetz. In Irland bietet der Netzbetreiber Eirgrid eine Vielzahl an ständig aktualisierten Charts über den Zustand der Netze, den Mix der Stromerzeugung und den Kohlendioxidausstoß an. Darauf weist der Berliner Energieexperte Heiko Stubner hin, der vor allem Erzeuger und Verbände der erneuerbaren Energien berät. Das gleiche gilt für Dänemark, wo der Netzbetreiber EnerginetDK eine interaktive Karte mit den aktuellen Stromdaten bereit hält. Von den "elektrischen Nachbarn", wie Energie-Staatssekretär Rainer Baake die Staaten nennt, mit denen Deutschland einen Austausch von Strom hat, neben den direkten Nachbarn sind das auch Schweden und bald Norwegen, die mit Seekabeln mit dem deutschen Netz verbunden sind, ist Dänemark der Partner, mit dem der Stromaustausch am längsten und umfangreichsten funktioniert. Wie Deutschland ist auch Dänemark in hohem Maß auf Windkraft angewiesen. Dort deckt die Energie vor der Küste und an Land allerdings bereits den größten Teil der Stromversorgung ab.

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