Starkes Erdbeben in Norditalien. Foto: dapd
Mindestens sechs Tote / Potsdamer Geoforscher von Erdbebenstärke überrascht
Wissenschaftler des Potsdamer Geoforschungszentrum haben sich von der Stärke des Erdbebens in der italienischen Region Emilia-Romagna in der Nacht zu Sonntag überrascht gezeigt. Wie Geophysiker Winfried Hanka am Sonntag mitteilte, gehen die Potsdamer mittlerweile von einer Stärke von 6,1 aus. „Italien ist insgesamt gesehen stets von Erdbeben bedroht. Es gibt jedoch Regionen, wo das Erdbeben-Risiko geringer ausfällt“, erklärte Hanka. Hierzu zähle eigentlich auch Region Emilia-Romagna in der Po-Ebene. Diese sei tektonisch stabiler. Zwar seien an den Rändern der Ebene Erdbeben möglich, würden nur nicht so häufig auftreten.
Der jetzige Erdstoß bewege sich von der Stärke her jedoch am oberen Ende und ist laut Hanka in der Region „eher ungewöhnlich“. Das Beben sei fast so stark gewesen wie das von Aquila, so Hanka. Am 6. April 2009 hatte ein Erdstoß der Stärke 6,2 die Stadt in den Abruzzen erschüttert und schwere Schäden angerichtet. Aber auch in der Region Emilia-Romagna sind mehrere Menschen in den Tod gerissen worden. Im Unterschied zu Aquila habe das Zentrum des Bebens nicht in einer Stadt gelegen, so der Geoforscher. Sonst wären wahrscheinlich noch mehr Opfer zu beklagen gewesen.
Die Ursache für die stetige Erdbeben-Gefahr in Italien sei die nach Norden drückende afrikanische Erdplatte. Pro Jahr bewege sich diese bis zu einem Zentimeter in Richtung Europa und presse dabei Italien wie einen Sporn in den europäischen Kontinent, erklärte Hanka. Auf diese Art und Weise hätten sich über die Jahrtausende auch die Alpen als eine Art Knautschzone aufgefaltet. Auch von Osten kommt von der Adriatischen Platte Druck. Dieser habe den Apennin aufgefaltet. Von Westen drücke die europäische Platte, auf der auch Korsika liegt.
Das Beben war eines der stärksten Erdbeben seit mehreren hundert Jahren in Norditalien. Es hat mindestens sechs Menschen das Leben gekostet. Die Stärke des Bebens um 04.04 Uhr lag bei 6,0, wie die US-Erdbebenwarte mitteilte. Betroffen war der Großraum Bologna zwischen Modena und Mantova, der Erdstoß war aber auch noch in der Toskana und in Südtirol zu spüren. Die deutsche Botschaft und das Generalkonsulat gingen Hinweisen auf mögliche deutsche Opfer nach und standen in engem Kontakt mit den italienischen Behörden, wie das Auswärtige Amt in Berlin mitteilte.
Einige ältere Gebäude und Dächer stürzten ein, und an Kirchtürmen entstanden Risse. Der Zivilschutz erklärte, es sei das stärkste Erdbeben seit dem 14.
Jahrhundert in der Region gewesen. Menschen rannten in Panik auf die Straßen. „Es war ein starkes Beben, und es dauerte ganz schön lange“, sagte Emilio Bianco, Rezeptionist des Hotels „Canalgrande“ in Modena. Viele Menschen waren trotz der nächtlichen Stunde noch auf den Beinen, weil in der Stadt eine „weiße Nacht“ gefeiert wurde. Geschäfte und Restaurants hatten noch geöffnet, die Museen waren allerdings nach einem tödlichen Bombenanschlag in Süditalien am Samstag geschlossen worden.Der Leiter des Zivilschutzes, Franco Gabrielli, erklärte, bei den vier Todesopfern handele es sich um Arbeiter, die bei drei Fabrikeinstürzen ums Leben gekommen seien. Außerdem seien zwei Frauen gestorben, die kurz nach dem Beben offenbar Herzinfarkte erlitten hätten.
Der Fernsehsender TG24 TV berichtete, eine der Frauen sei rund 100 Jahre alt gewesen. Zwei der getöteten Arbeiter hatten Nachtschicht in einer Keramikfabrik in Sant'Agostino di Ferrara. Einer der Getöteten war laut Medienberichten für einen erkrankten Kollegen eingesprungen.
Auch in der Ortschaft Ponte Rodoni di Bondeno stürzte eine Fabrik ein. Ein Mensch kam ums Leben.
Papst Benedikt XVI. sagte in seinem Sonntagsgebet auf dem Petersplatz, er fühle sich den Betroffenen „spirituell nahe“ und bat die Menschen, für die Toten und Verletzten zu beten.
Erst Ende Januar war in Norditalien von einem Erdbeben der Stärke 5,4 erschüttert worden. Einige Bürogebäude in Mailand wurden damals als Vorsichtsmaßnahme evakuiert. 2009 hatte ein verheerendes Beben in der Stadt L'Aquila in Mittelitalien mehr als 300 Menschen das Leben gekostet. dpa/dapd
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