Schülerinnen nehmen sich in den Arm, und leise fällt Schnee. Fotos: Reuters/ dpa
Es ist still, eine kleine Ewigkeit. Wie vor einem Jahr, als das mit Tim K. geschah – Winnenden gedenkt des Amoklaufs
Aus allen Richtungen dringt um 9 Uhr 33 der Klang von Kirchenglocken bis vor die Albertville-Realschule in Winnenden. Drei Minuten später ist alles totenstill, die Glocken sind verstummt. Der Schnee verschluckt jedes Geräusch. 900 Menschen – Schüler, Lehrer und Eltern – stehen auf dem Schulhof vor dem leer stehenden Gebäude der Realschule und halten sich an den Händen.
Drei Minuten sind eine lange Zeit, wenn jemand mit der Waffe in der Hand eine Schule betritt, um möglichst viele Menschenleben auszulöschen. Innerhalb von drei Minuten erschoss der 17-jährige Tim K. vor einem Jahr in seiner ehemaligen Schule neun Schüler und drei Lehrerinnen. „Es ist so bedrückend, welches Leid in diesem Haus geschehen ist“, sagt Wolfgang Schiele, leitender Regierungsschuldirektor in Baden-Württemberg.
Zwei Männer schleppen einen Topfbaum vor die Realschule. An diesem „Baum des Lebens“ sind Blechanhänger angebracht. Ein Stern und ein Herz schwingen im Wind, auf einem goldenen Engel steht in ordentlicher Mädchenhandschrift: „Hallo, Sonnenschein, in unserem Herzen wirst du immer bei uns sein.“ Der Platz vor der Schule füllt sich mit Menschen, die sich unter bunten Regenschirmen eng aneinanderdrücken. Um elf Uhr beginnt die offizielle Trauerfeier. Der Winnender Oberbürgermeister Bernhard Fritz tritt ans Mikrofon: „Unser Leben existiert zwischen zwei extremen Polen“, beginnt er. Ein Pol sei die Solidarität und Aufmerksamkeit, der andere Pol sei dunkel und mache Angst. „Vor einem Jahr prallten diese Gegensätze aufeinander“, sagt Fritz.
Eine Frau starrt nach vorn ins Leere, bis ihr die Tränen in die Augen treten. Hastig versteckt sie sich hinter einem Taschentuch. Ein zweijähriges Mädchen wippt auf den Schultern ihres Vaters und lächelt vergnügt.
Bundespräsident Horst Köhler blickt in das Meer von schwarzen Jacken und bunten Schirmen. „Meine Frau und ich sind gekommen, um diesen Tag mit Ihnen zu teilen“, sagt er langsam und mit gesetzter Stimme. Ein trauriges Musikstück ist zu hören. Die Mutter der getöteten Viktorija Minasenko spielt es auf dem Klavier. Sie hat es selbst komponiert. Zum Andenken. Ein Schüler geht ans Rednerpult: „Es gibt Momente im Leben, da steht die Welt für einen Augenblick still. Der 11. März wird immer ein Teil unseres Lebens bleiben, aber wir wollen nicht, dass er uns beherrscht.“
„Wir trauern um Selina Marx“, langsam liest eine Schülerin die Namen der Getöteten vor. Sie trägt einen Pullover, auf dem steht: „Ich lebe meinen Traum“. Während sie liest, legen Schüler 15 Steinplatten mit den Namen der Opfer vor der Schule auf den Boden, darauf jeweils eine rote Rose. „Das vergangene Jahr war ein unendlich schweres Jahr“, sagt die Rektorin der Albertville-Realschule, Astrid Hahn. „Die ganze Schulgemeinschaft hat versucht, ihre Träume in diesem Jahr weiterzuleben, ihr seid so stark.“ Zum Schluss der Gedenkfeier singen die Schüler die „Winnender Hymne“: „Wir geben niemals auf und meine Hand ist für dich da, die zu dir hält. Wir stehen wieder auf, finden das Glück. Schaut nicht zurück.“
Mit klammen Händen und Tränen im Gesicht legten die Schüler Steinplatten und rote Rosen nieder. Ein Jahr nach dem Amoklauf formten sie aber auch einen „Weg in die Zukunft“, mit Kieselsteinen, beschriftet mit Worten der Hoffnung: „Liebe“, „Frieden“ oder „Engel“.
Bundespräsident Horst Köhler, der bereits im Vorjahr zu den Trauernden gesprochen hatte, fand bei dichtem Schneetreiben und klirrender Kälte warme Worte des Trostes: „Nichts ist mehr, wie es vorher war; das ist wahr. Aber was jetzt ist, das ist eben auch so viel mehr als Nichts. Etwas Neues ist im Entstehen begriffen.“ Wieder erinnerte Köhler an die Eltern des 17 Jahre alten Amokschützen. Sie waren von der Stadt nicht zur Gedenkstunde eingeladen worden. „Ich füge auch heute hinzu: Auch die Familie des Täters hat ein Kind verloren. Auch für sie ist eine Welt zusammengebrochen.“ Die Eltern und Verwandten der Toten hatten sich bereits am frühen Morgen in der Hermann-Schwab-Halle gegenüber der Realschule versammelt. Dort wurden auf einer Videoleinwand Bilder aus dem Leben der Opfer gezeigt und Gedichte vorgetragen, teilweise mit Musik untermalt.
Bundespräsident Köhler sprach sich für eine weitere Verschärfung des Waffenrechts aus. Zugleich forderte er die Medien zu einer zurückhaltenderen Berichterstattung über Amokläufe auf, um Nachahmertaten zu verhindern. Beim Waffenrecht könne „noch mehr als bisher“ geschehen, „damit gefährdete Menschen nicht an Schusswaffen gelangen“. Bund und Länder sollten das Waffenrecht weiter voranbringen und Schützenvereine ihnen dabei helfen, forderte Köhler. Der Bundespräsident warnte zudem davor, dass eine intensive Medienberichterstattung über Täter Nachahmer auf den Plan rufen könne. Es müsse deshalb gemeinsam mit den Medien ein übergreifender „Pressekodex im Geist der Prävention“ erarbeitet werden. Sprecher der Union lehnten eine Verschärfung des Waffenrechts gestern ab. Tsp/epd/dpa/AFP
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