Die Hauptstadt ist kaputt, die Menschen irren umher – Stunde null eines zusammengebrochenen Staates
Ein sichtlich gezeichneter Mann irrt auf dem Flughafen umher. Er wirkt orientierungslos. Er sagt: „Ich muss mich jetzt darum kümmern, so viele Menschen wie möglich zu retten.“ Der Mann heißt René Préval. Er weiß nicht weiter. Wie alle Menschen an diesem Tag. Dieser Mann, der da so verloren auf und ab läuft, ist der Staatspräsident Haitis. Sein Präsidentenpalast brach bei dem verheerenden Erdbeben am Dienstag in sich zusammen. Von seiner Idee, auf dem Flughafen Position zu beziehen, um ausländische Helfer zu begrüßen, scheint der grauhaarige Politiker nicht ganz überzeugt zu sein. Préval ist in diesem Moment wahrscheinlich der einzige amtierende Staatschef der Welt ohne Büro, Telefon, Verwaltung und Mitarbeiterstab.
Es gibt auch niemanden, den er anrufen könnte. Der Staat, der ärmste, korrupteste und unfähigste der westlichen Welt, ist zusammengebrochen. Es gibt keine organisatorischen Zusammenhänge mehr. Es ist zu Ende. Stunde null. In den Straßen der Hauptstadt Port-auPrince irren die Menschen ziellos umher. Sie wissen nicht wohin. Sie suchen Trinkwasser, Essen, Medikamente, Hilfe für ihre Verletzten und wissen nicht, wo sie das bekommen sollen. Wenn sie erschöpft sind, legen sie sich hin. Schlafen unter freiem Himmel, wo sie gerade sind. Die Straßen sind ein einziges Sammellager. Viele wirken verstört und verängstigt. Von aller Welt verlassen.
„Herr, komm und rette uns“, rufen Verlorene in der Menge. Eine kleine Gruppe läuft singend durch die Straßen und macht sich Mut. „Die Erlösung ist nahe“, rufen sie.
Es gibt keine sanitären Anlagen, kein frisches Trinkwasser. Was das in den nächsten Tagen bedeuten wird, ist unklar. Ob es Seuchen geben wird, hängt davon ab, wie schnell die internationalen Helfer ein Trinkwassersystem aufbauen können. Es wird ein Wettlauf mit der Zeit.
Es hat alle getroffen. Die Armen, die Reichen, den Staat, die Helfer der vereinten Nationen, die Kirche. Die Kathedrale von Port-au-Prince ist zerstört, der Bischof tot. Erdbeben machen keine Unterschiede.
In den wenigen Hospitälern, die nicht eingestürzt sind, wird bis zur Erschöpfung gearbeitet. Doch das medizinische Personal kann nicht einmal ansatzweise die vielen Opfer behandeln, die vor den Toren der Krankenhäuser warten. Und in den schwer zugänglichen Gebieten in der Hügellandschaft rund um Port-au-Prince warten noch unzählige Verletzte auf Hilfe, die bislang von der Außenwelt abgeschnitten sind. Die Nacht ist pechschwarz. Von Hügel zu Hügel, Straße zu Straße hallen religiöse Gesänge und Gebete. Frauen klatschen im Takt in die Hände, um ihr Singen rhythmisch zu begleiten. Sie beten für die Toten und wollen sich selbst und anderen in den schweren Stunden Mut machen. Immer wieder zerreißen Schreie von Kindern die Nacht. Verletzte Mädchen und Jungen liegen schluchzend auf dem Boden vor Trümmerbergen, einige von ihnen voller Blut und mit klaffenden Wunden.
„Oh mein Gott, wer will unserem Land jetzt noch helfen?“ – Manuel Deheusch, ein haitianischer Geschäftsmann, der aus der benachbarten Dominikanischen Republik zurückkam, um nach Angehörigen und Freunden zu suchen, ist erschüttert. „Die Welt muss uns helfen! Dieses Desaster können wir nicht allein bewältigen.“ Verzweifelt graben die Haitianer mit bloßen Händen im Schutt, in dem sie ihre Angehörigen vermuten.
In der Nacht zum Donnerstag brach plötzlich Panik aus. Tausende Menschen drängten in die höher gelegenen Regionen der Millionenstadt, nachdem es Gerüchte über einen herannahenden Tsunami gegeben hatte, wie ein AFP-Reporter berichtete. Zu Fuß oder mit Autos versuchten die Menschen, in den Vorort Pétion-Ville zu gelangen. Eine Hotelmanagerin äußerte die Vermutung, das Tsunami-Gerücht sei gestreut worden, um Plünderungen zu erleichtern.
Die UN-Stabilisierungstruppe Minustah, die rund 9000 Mitarbeiter in Haiti stationiert hat, war den ganzen Tag damit beschäftigt, Verletzte und Tote aus den Trümmern ihres zusammengebrochenen Hauptquartiers zu bergen. Rund 150 UN-Mitarbeiter starben nach den Angaben. mit AFP/KNA/Reuters
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