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  • 10.06.2018
  • von Sandra Weiss

Angriffe in Venezuela: Die Piraten der Karibik kehren zurück

von Sandra Weiss

Wegen der Krise sind Marine und Küstenwache auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Foto: picture alliance / dpa

Die wirtschaftliche Krise in Venezuela trifft auch die Küstenbewohner des Landes mit voller Wucht: Die Zahl der Überfälle von Piraten steigt massiv.

Einen schöneren Strand gibt es selbst in Venezuela kaum: Inmitten eines Palmenhains gelegen, zwischen einer unter Naturschutz stehenden Lagune und der türkisblauen Karibik, war die Ferienanlage „Tortuga Lodge“ einst ein beliebtes Ziel für Wochenendausflügler, die dem Stress der venezolanischen Hauptstadt Caracas entfliehen wollten. Dann kamen 2016 die Piraten.

„Eines Nachts legten sie mit Schnellbooten an, bestimmt ein halbes Dutzend Männer, vermummt und schwer bewaffnet“, berichtet ein Wachmann. „Sie raubten alle Gäste aus und verschwanden so urplötzlich, wie sie gekommen waren.“ Der Vorfall sprach sich herum, Touristen blieben fern. Auch im benachbarten Fischer- und Ferienort Rio Chico gammeln Ferienhäuser einsam vor sich hin, die wenigen, die sichtbar noch benutzt werden, sind mit Überwachungskameras versehen und verstecken sich hinter meterhohen Mauern und Stacheldraht.

Einst waren Korsaren und Piraten die gefürchteten Herren der Karibik, stets auf der Jagd nach spanischen Galonen, die Gold und Silber aus den Kolonien ins spanische Mutterland brachten. Nun erleben sie eine moderne Renaissance, befeuert von Wirtschaftskrise, korrupten Sicherheitskräften und gescheiterten Staaten.

Zahl der Zwischenfälle 2017 um 160 Prozent gestiegen

Besonders viele Angriffe verzeichnen die Behörden vor der 2700 Kilometer langen Küste Venezuelas und der Küste des benachbarten Guyana. In der Karibik haben nach Angaben der Organisation „One Earth Future“ die Zwischenfälle 2017 um 160 Prozent zugenommen. Es wurden insgesamt 71 Angriffe verzeichnet, alleine in Guyana starben in diesem Jahr bereits fünf Menschen bei Piratenangriffen auf See.

Experten zufolge sind vor Guyana und Suriname schon länger kriminelle Piratenbanden aktiv, die nun offenbar im Angesicht der politischen und wirtschaftlichen Krise in Venezuela Nachahmer gefunden haben. „Es gibt zwei Arten von modernen Piraten: Die professionell operierenden Kommandos und die gewalttätigen Kleinkriminellen“, sagt der Kapitän der Handelsmarine, José Bellaben, der spanischen Zeitung „ABC“.

Der erste in den Medien kolportierte Piratenangriff in Venezuela fand 2014 in Arapito im Bundesstaat Sucre statt, wo über Weihnachten 300 Touristen von schwer bewaffneten, vermummten Angreifern in Schnellbooten ausgenommen wurden. Seither hat sich der Modus operandi auf die ganze Küste ausgebreitet.

Wegen des drohenden Staatsbankrotts sowie Desertion und Ersatzteilmangels ist die venezolanische Küstenwache auf ein Minimum zusammengeschrumpft und vielerorts nicht mehr operationsfähig. Punktuelle Razzien der Nationalgarde sind ineffizient, die Bevölkerung wirft den Sicherheitskräften Komplizenschaft mit den Banden vor.

Fischer organisieren Selbstverteidigungskommandos

Entlang der Küste haben sich viele Fischerorte deshalb bereits organisiert und bewaffnete Selbstverteidigungskommandos eingerichtet. Hauptangriffsziel der modernen Seeräuber sind ankernde Yachten und Segelboote, heißt es im Report „Oceans beyond piracy“.

Aber auch Fischer und Frachter gehören zu den Opfern, und selbst Strandurlauber ergreifen Vorsichtsmaßnahmen. „Alleine am Strand spazieren gehen ist unmöglich“, sagt Marleny Perez. Kaum ein Tourist betrachtet in Rio Chico noch den Sonnenuntergang. Auch die wenigen noch verbliebenen fliegenden Händler machen sich lange vor der Dunkelheit auf den Heimweg. Die Besitzer von Segel- und Motorbooten starten nur noch im Konvoi zu Ausflugstouren. Die paradiesische Halbinsel Paria ist nach Angaben des oppositionellen Abgeordneten Omar Gonzalez völlig unter Kontrolle der Drogenmafia, die die dortigen Strände als Lande- und Umschlagplatz nutzt.

Boote werden ausgeraubt, Besatzungen getötet

In Punta de Araya ankerte einst die viertgrößte Thunfisch-Fangflotte der Welt. Durch die Wirtschaftskrise ist die Industrie eingebrochen und verarbeitet nur noch ein Drittel der üblichen Menge. „Viele Arbeitslose haben sich zu kriminellen Banden zusammengeschlossen und schmuggeln Drogen oder Nahrungsmittel von der benachbarten Karibikinsel Trinidad, rauben fahrtüchtige Fischerboote aus, stehlen Motoren und Netze und ertränken oder erschießen die Besatzung“, erzählte Gewerkschaftsführer Jose Antonio Garcia der Agentur AP. Täglich komme es zu Überfällen, und Dutzende Fischer seien ums Leben gekommen.

In Tortuga Lodge sind die Bungalows vernagelt, der Putz blättert, und der Wachmann findet höchstens noch einen gestrandeten Wal, so wie neulich. Doch noch bevor die Naturschutzbehörde eintraf, hatten ihn hungrige Fischerfamilien getötet, zerlegt und das Fleisch untereinander aufgeteilt.

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