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  • 11.03.2018

Vom Verlust der Vielfalt: Die Erde ist an ihrer Belastungsgrenze

Ein Arbeiter sortiert frisch gefangenen Fisch im indonesischen Jakarta. Foto: Risa Krisadhi/Pacific Press/dpa

Immer mehr Tier- und Pflanzenarten sterben aus, die Ozeane sind überfischt, Ackerland wird knapp. In Kolumbien treffen sich 128 Ländern zum Thema Biodiversität.

Die Erde ächzt. Fast 7,6 Milliarden Menschen verseuchen Flüsse und Meere, beuten Bodenschätze aus und holzen Wälder ab. Ganze Landstriche werden zerstört, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Der Raubbau an der Natur und der Verlust der biologischen Vielfalt gibt aber nicht nur Umweltschützern und Öko-Aktivisten zu denken, er hat direkte Auswirkungen auf das Leben aller Menschen, warnen Fachleute. „Die Biodiversität der Welt geht verloren – das untergräbt auch das Wohlergehen der Menschen“, sagt der Vorsitzende des Weltbiodiversitätsrats (IPBES), Robert Watson.

Nach dem Vorbild des Weltklimarats IPCC soll der IPBES Regierungen bei Entscheidungsfindungen unterstützen. Er erstellt dazu wissenschaftliche Gutachten zu Biodiversität, Ökosystemen oder Methoden zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung der lebenswichtigen Naturschätze. „Erfolgreiche Anstrengungen der Menschheit, die gegenwärtige nicht nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen umzukehren, erfordert bestmögliche Beweise, schlüssige Optionen für die Politik und gut informierte Entscheidungsmacher“, sagt Watson.

128 Staaten sind in Medellin vertreten

Drei Jahre lang arbeiteten mehr als 550 internationale Experten an vier Regionalberichten und einem Spezial-Report über die Verschlechterung der Qualität von Land. Bei der sechsten Plenarsitzung des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) vom 17. bis 24. März im kolumbianischen Medellín sollen Vertreter der 128 Mitgliedsstaaten die Berichte nun diskutieren und verabschieden.

„Politische und wirtschaftliche Entscheidungen, aber auch der persönliche Lebensstil können eine nachhaltige Zukunft entweder bedrohen oder fördern“, sagt die Exekutivsekretärin von IPBES, Anne Larigauderie. „Die Ökosysteme zu stabilisieren und die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten zu erhalten, ist fundamental für Gesundheit und Wohlergehen der Menschheit sowie die Bekämpfung von Armut.“

"Unternehmen müssen Lieferketten kennen"

Die Menschen treiben den Planet immer mehr an die Belastungsgrenzen. Seit 1990 wurden laut dem Living Planet Report der Umweltschutzorganisation WWF rund 239 Millionen Hektar Wald vernichtet – mehr als sechseinhalbmal so groß wie Deutschland. Auf 34 Prozent aller Böden wird Landwirtschaft betrieben. Mehr als 30 Prozent der Fischbestände weltweit gelten als überfischt. „Es muss uns gelingen, die menschliche und wirtschaftliche Entwicklung von der Umweltzerstörung zu entkoppeln“, heißt es in dem Bericht. „Da tragen die Unternehmen eine ganz große Verantwortung“, sagt der Leiter der Abteilung für Internationale Biodiversitätspolitik beim WWF, Günter Mitlacher. „Viele Firmen kennen ihre eigenen Lieferketten überhaupt nicht. Es ist aber ihre Pflicht sicherzustellen, dass bei der Herstellung ihrer Produkte kein Schaden angerichtet wird.“

Gerade in ärmeren Ländern geht außerdem die Sorge um, dass Umweltschutz die wirtschaftliche Entwicklung bremsen könnte. „Wir müssen mit den Entwicklungsländern zusammenarbeiten. Wir sind schließlich davon abhängig, dass sie beim Schutz der biologischen Vielfalt mitziehen. Also stehen wir auch in der Verantwortung, ihnen dabei zu helfen“, sagt die Abteilungsleiterin für Naturschutz und nachhaltige Naturnutzung im Bundesumweltministerium, Elsa Nickel. Die Bundesregierung steckt pro Jahr eine halbe Milliarde Euro in den Schutz der Ökosysteme weltweit.

Dramatischer als der Klimawandel

Der schwedische Wissenschaftler Johan Rockström hat das Konzept der planetaren Grenzen entwickelt. Demnach ist der rasante Verlust der biologischen Vielfalt das größte Problem für die Menschheit – noch vor dem Klimawandel. Nach Einschätzung von Experten hat der Rückgang an Biodiversität längst wirtschaftliche, gesellschaftliche und sogar sicherheitspolitische Folgen.

„Mit dem illegalen Wildtierhandel beispielsweise werden Millionen umgesetzt. Das Geld fließt oft in die Taschen von Terroristen und Milizen, die Länder und ganze Regionen destabilisieren“, sagt WWF-Experte Mitlacher. Die Degradierung landwirtschaftlicher Anbauflächen befeuert zudem oftmals die Migration. Wenn Küstenbewohner keine Fische mehr fangen, weil Korallenriffe absterben, birgt das sozialen Zündstoff. „Biologische Vielfalt ist längst kein Orchideenthema für Umweltschützer mehr, die ein paar Orang-Utans im Regenwald retten wollen – das muss in alle Politikbereiche gehen“, sagt Elsa Nickel vom Umweltministerium. (Denis Düttmann/dpa)

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