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  • 13.11.2017
  • von Andreas Oswald

Urlaubsparadies: Alle reden von Jamaika - wie es dort so ist

von Andreas Oswald

Ganz entspannt. Fischer auf Jamaika. Foto: Jean-Pierre Degas/hemis.fr/laif

Jamaika ist ein Paradies für Urlauber. Aber ist es auch ein politisches Vorbild? Das Land will jetzt Kapital aus den Sondierungen in Deutschland schlagen.

Barry DiFlorio hat Hunger. Gierig zieht er einen saftigen Hähnchenschenkel durch die dicke Grillsauce. Es handelt sich um eine typisch jamaikanische Scotch-Bonnet-Sauce, und wer weiß, wie scharf Scotch-Bonnet-Chili-Schoten sind, kann sich ausmalen, wie elend sich der arme Mann anschließend gefühlt haben muss. Scotch-Bonnet-Schoten gehören zu den schärfsten Chili-Schoten der Welt. Der arme Mann ist ein CIA-Agent in dem berühmten Jamaika-Roman „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ von Marlon James, der genüsslich schildert, welche Härten der CIA-Mann auf der Insel durchmachen muss. Das war 1976, zu einer Zeit, als die Insel in einer beispiellosen Gewaltwelle zu versinken drohte und die USA ein zweites Kuba befürchteten.

Wer heute als Urlauber Jamaika besucht, wähnt sich dagegen im Paradies. Es gibt kaum eine Insel in der Karibik, auf der eine noch entspanntere Atmosphäre herrscht. Diese Gelassenheit der Menschen, ihre innere Ruhe, ihre Angewohnheit, alles positiv zu sehen, scheint einmalig zu sein.

Der Einfluss von Bob Marley

Woran das liegt? Reggae-Fans würden sagen, es liegt am Einfluss der Rasta-Bewegung, die Liebe und Frieden gepredigt hat. Und an Bob Marley, der mit vielen Liedern seine Landsleute auf eine friedliche Welt einzustimmen versuchte.

Bob Marley ist auf Jamaika auch 36 Jahre nach seinem Tod allgegenwärtig. Überall sieht man Zitate oder Songtitel auf T-Shirts und Graffiti, seine Musik erschallt aus Lautsprechern und scheint im Leben einfach nebenher mitzulaufen.

Dass Jamaika gerade in Deutschland allgegenwärtig ist, hat mit der Insel natürlich nicht mehr zu tun, als dass die Nationalflagge des Inselstaats in den Farben der drei derzeit sondierenden Parteien strahlt: Schwarz-Grün-Gelb. Und jamaikanische Entspanntheit scheint zwar bisher nicht auf die Sondierungen der Jamaika-Parteien in Deutschland auszustrahlen, aber vielleicht muss in Deutschland ein Konflikt erstmal auf die Spitze getrieben werden, bevor Ruhe einkehrt.

Jamaika hat Wind von den Sondierungen bekommen und will das ausnutzen. Wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, will die Tourismusbehörde der Insel jetzt mehr Deutsche auf die Insel locken. „Für 2017 erwarten wir rund 30.000 Gäste und damit eine Steigerung von 50 Prozent“, teilte die Behörde dpa mit. Das Ziel für das kommende Jahr seien rund 40.000 Gäste aus Deutschland. „Die Koalitionsgespräche bringen natürlich mehr Aufmerksamkeit und mediales Echo“, sagte ein Sprecher, der auch die Werbung in Deutschland organisiert.

Tricksereien in der Politik

In Jamaikas Werbekampagne in Deutschland werden Wortspielereien der Politiker gezielt eingesetzt. In Anspielung auf FDP-Chef Christian Lindner heißt es in einer der Anzeigen: „Christian sagt: Es ist ein weiter Weg nach Jamaika“. Antwort eines Reggaemusiker dazu: „No, man, just one non-stop flight“ („Nein, Mann, nur einen Nonstop-Flug“). In Bezug auf Kanzlerin Angela Merkel heißt es: „Angela sagt: Jamaika ist eine Option“. Daneben das Bild eines lachenden Jamaikaners: „I say: All right, man.“ („Ich sage dazu: alles klar, Mann“). Koalitionen gibt es übrigens auf Jamaika nicht. Die Parteien sind sich spinnefeind. Die sozialdemokratisch ausgerichtete Volkspartei (PNP) wurde bei den letzten Wahlen in die Opposition geschickt, Jetzt regiert die konservative Partei, die etwas verwirrend Labour Party (JLP) heißt.

Jamaika ist sicher kein politisches Vorbild für Deutschland. Die Volkspartei hatte Jamaika in den Staatsbankrott und in die Hände des Internationalen Währungsfonds getrieben. Das Land muss jetzt über neun Prozent Zinsen auf die IWF-Kredite zahlen und hält die Vorgaben penibel ein. Als die neue Regierung einen entsprechenden Haushalt beschließen wollte, schimpfte die Opposition, die zuvor das Abkommen mit dem IWF ausgehandelt hatte, auf die unsoziale Austeritätspolitik der neuen Regierung. Laut schimpfend zog die Opposition deshalb vor der Abstimmung aus dem Saal – und ermöglichte damit in Wirklichkeit, dass der IWF-gerechte Haushalt angenommen werden konnte. Die Regierung hatte keine Mehrheit, weil ein Abgeordneter krank geworden war.

Aber solche Spielchen scheinen die Jamaikaner nicht weiter zu irritieren. Ernster sind da schon die fast täglichen Berichte, dass einmal mehr in Rotlichtvierteln und Armenghettos Menschen bei Schießereien getötet werden und die Polizei machtlos wirkt. Urlauber betreffen solche Abrechnungen unter Kriminellen in der Regel nicht, wenn sie nicht in die falschen Viertel gehen. Wer es spannend haben will, sollte einfach am Strand unter Palmen den Roman von Marlon James lesen.

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