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  • 01.07.2017
  • von Gerd Braune

150. Geburtstag: Ein großes Experiment namens Kanada

von Gerd Braune

Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Vancouver im Februar 2010. Foto: dpa/EPA/Srdjan Suki

Vor 150 Jahren entstand ein junges, multikulturelles Land. Heute gilt es als Musterbeispiel friedlichen Zusammenlebens – doch nicht alle sind in Feierlaune.

Kanada feiert sich. Der Nationalfeiertag „Canada Day“ am heutigen 1. Juli ist dieses Mal ein besonderer Feiertag: Der Staat Kanada wird 150 Jahre alt. Quer durchs Land gibt es Feste, die größte Geburtstagsparty findet in der Hauptstadt Ottawa statt, wo am Parlament eine halbe Million Menschen erwartet werden.

Melissa und Andrew Gawrys sind mit ihren fünf Kindern schon einige Tage vor den großen Feiern von Whitby bei Toronto nach Ottawa gekommen. Es ist ihr erster Besuch in der Hauptstadt. Sie schlendern mit ihren Kindern über den Rasen vor dem Parlament. Dort werden sich am Samstag Premier Justin Trudeau und Prinz Charles sowie dessen Frau Camilla einfinden. Mit dabei Hunderttausende, die in rot-weiße Ahornblattfahnen gehüllt sein werden, die Gesichter rot bemalt und Fähnchen schwenkend.

Für Melissa und Andrew ist Kanada das Land, das Menschen, die aus allen Gegenden der Welt einwandern, Respekt entgegenbringt. „Das ist einer der kanadischen Werte, die wir unseren Kindern beibringen wollen“, sagt Andrew. „Toleranz und das Recht, seine Meinung frei und ohne Furcht zu äußern.“ Melissa ist gebürtige Kanadierin. Andrew hat einen ganz anderen Lebenslauf. „Ich bin ein Immigrant, kam 1981 kam als Fünfjähriger mit meinen Eltern aus Polen.“ Es war das Jahr, das mit der Verhängung des Kriegsrechts in Polen und der Unterdrückung der Gewerkschaftsbewegung endete.

Hohe Bildungs- und Lebensstandards

Kanada ist ein Land der Weite mit faszinierenden Landschaften, aber auch mit modernen Städten und einem Rohstoffreichtum, um den es beneidet wird. Die Einwohner erfreuen sich generell eines hohen Lebens- und Bildungsstandards. International wird Kanada als das Musterland des Multikulturalismus und friedlichen Zusammenlebens vieler Ethnien gesehen. Seine Einwanderungspolitik gilt als Vorbild. Das Land ist Heimat einer Bevölkerung mit mehr als 200 verschiedenen ethnischen Wurzeln und ebenso vielen Sprachen (einschließlich der beiden offiziellen Landessprachen Englisch und Französisch sowie etwa 65 Sprachen der kanadischen Ureinwohnervölker).

2017 sei ein Jahr, das Potenzial dieses „großen Experiments“ Kanada zu begreifen, sagt Generalgouverneur David Johnston, Repräsentant von Königin Elisabeth II., die als „Queen of Canada“ das formale Staatsoberhaupt Kanadas ist. „Auch nach 150 Jahren ist Kanada ein sich fortentwickelndes soziales Experiment.“ Ein Experiment in dem Sinn, dass sich bis heute Menschen aus aller Welt, Alteingesessene und Neuankömmlinge, zusammenfinden, um den Staat zu einem Erfolg zu machen.

Mit der Wahl Trudeaus hat Kanada an Renommee gewonnen

Das kanadische Experiment reicht jedoch nicht nur 150 Jahre zurück. In diesem Land lebten tausende Jahre vor Ankunft der Europäer indigene Völker – die heute als „First Nations“ bezeichnet werden – und die Inuit der Arktis. Ab dem 16. Jahrhundert kamen Franzosen, Briten, Iren, Schotten und Deutsche. Waldläufer und Pelzhändler drangen nach Westen vor. Aus den Kontakten zwischen europäischen Siedlern und indianischen Völkern entstand das Volk der „Metis“, das heute als drittes indigenes Volk Kanadas anerkannt ist. Auf seine Vielfalt kann Kanada aber nur stolz sein, wenn alle am Erfolg teilhaben. Und das ist, wie Generalgouverneur Johnston sagt, bei den Ureinwohnern noch nicht erreicht.

Dass sich Gebiete des heutigen Kanada, die Kolonien Großbritanniens waren, 1867 zu einem Staat zusammenschlossen, war weniger Ausdruck eines Strebens nach Unabhängigkeit. Es war eher das Bemühen, sich gemeinsam einem möglichen Expansionsstreben der USA entgegenzustellen, wo der Sezessionskrieg zwischen Nord- und Südstaaten tobte. In mehreren Konferenzen handelte man in Kanada und in London die „British North America Act“ aus. Im Frühsommer 1867 wurde sie vom Parlament in London verabschiedet und trat am 1. Juli in Kraft. Damit wurden die heutigen Provinzen Ontario, Quebec, Neu-Braunschweig und Neuschottland zum „Dominion of Canada“ vereinigt. Heute ist das fast zehn Millionen Quadratkilometer große Land ein Koloss vom Atlantik zum Pazifik und bis zum Eismeer.

„Als Kanadier wissen wir, dass unsere Vielfalt uns stärkt“, sagt Premierminister Trudeau. Mit der Wahl des jetzt 45-jährigen liberalen Politikers zum Premierminister im Oktober 2015 hat Kanada an Renommee gewonnen. Sein unkonventionelles Auftreten und sein Bekenntnis zu Feminismus, Einwanderung und die Aufnahme von Flüchtlingen haben ihm und seinem Land international viel Anerkennung eingebracht. Und die Wahl von US-Präsident Donald Trump zeigt der Welt, dass Kanada anders tickt. Eine populistische Bewegung, die auf Fremdenfeindlichkeit und Abschottung setzen könnte, ist zwar auch in Kanada nicht ausgeschlossen, sie ist jedoch derzeit nicht in Sicht.

Die Unterscheide zu den USA sind frappierend

Kanadier reagieren ohnehin allergisch, wenn man sie mit den USA in einen Topf wirft. Denn die Unterschiede zu Amerika sind frappierend. Die Todesstrafe ist abgeschafft. Ein Recht auf das Tragen von Waffen gibt es nicht. Kanada hat seit rund 50 Jahren ein staatliches Gesundheitssystem. Die Menschen legen Wert auf einen eigenständigen Kurs ihres Landes – wie in Zeiten der Vietnamkriegs, als US-Deserteure nach Kanada kommen durften. Oder wie vor 15 Jahren, als Kanada keine Soldaten in den Irak-Krieg schickte.

Doch nicht allen ist zum Feiern zumute. Das gilt zum Beispiel für die Verfechter der Unabhängigkeit Quebecs, die dem Bundesstaat weiter reserviert bis ablehnend gegenüberstehen. Vor allem aber trifft es für die Ureinwohnervölker zu. Rassismus und Kolonialismus prägten lange Zeit die Haltung Kanadas gegenüber seinen indigenen Völkern. Die Tragödie der Internatsschulen, in denen Indianer- und Inuitkinder bis in die 1960er Jahre hinein zwangsassimiliert werden sollten, ihrer Sprache und Kultur beraubt wurden.

Wenn die indigenen Völker etwas feiern, dann die Tatsache, dass sie trotz der Kolonisierung und Unterdrückung immer noch da sind. „Und dass wir unseren Stolz wiedererlangt haben“, sagt Perry Bellegarde, nationaler Häuptling der indianischen Nationen. Die Versöhnung mit den Ureinwohnern ist denn auch eine der großen Herausforderungen, derer sich die Kanadier langsam bewusst werden. Sie fragen allerdings auch, wie es in einer Gesellschaft, die auf Zuwanderung angewiesen ist, gelingen kann, „kanadische Werte“ als verbindendes Band zu erhalten.

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