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  • 24.03.2015
  • von Jan Kixmüller

Golfstrom wird schwächer

von Jan Kixmüller

Foto: dpa

Potsdamer Klimaforscher finden erstmals Belege und warnen vor Zunahme von Wetterextremen in Europa

Potsdam - Eine Annahme der Klimaforschung erhält nun beängstigende Gewissheit. Seit Langem schon gehen Wissenschaftler davon aus, dass die Zirkulation, die zum Golfstrom beiträgt, durch den vom Menschen verursachten Klimawandel zum Erliegen kommen könnte. Nun haben Forscher des renommierten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) erstmals triftige Belege dafür gefunden, dass somit der Golfstrom tatsächlich an Kraft verliert. Die Strömung, die im Atlantik wie eine gewaltige Umwälzpumpe warmes Wasser in den Norden und kühles in den Süden transportiert, sorgt in Mitteleuropa für verhältnismäßig mildes Klima. Ein Ausbleiben der Strömung hat in der Erdgeschichte bereits mehrfach zu eiskalten Wintern bis nach Süditalien geführt. Das Klima war damals in unseren Breiten stark kontinental geprägt.

Die Atlantische Umwälzbewegung, die so genannte Atlantic Meridional Overturning Circulation (AMOC), war in den letzten Jahrzehnten langsamer als jemals zuvor im vergangenen Jahrhundert, wahrscheinlich sogar im vergangenen Jahrtausend, schreiben die Forscher um Leitautor Stefan Rahmstorf in einer Studie, die am Montag in der Fachzeitschrift Nature Climate Change“ erschienen ist. Zu der Abschwächung der Strömung habe offenbar die zunehmende Eisschmelze auf Grönland beigetragen, die wiederum durch den Klimawandel verursacht werde. Somit würden sich gigantische Mengen zusätzlichen Süßwassers in den Nordatlantik ergießen, was die ozeanische Umwälzbewegung stört. Bei fortschreitender Klimaerwärmung könnte sich der Prozess nach Angaben der Experten noch verschärfen.

„Eine weitere Verlangsamung der Strömung könnte nicht nur Folgen haben für marine Ökosysteme, sondern auch für den Meeresspiegel und das Wetter in den USA und Europa“, heißt es in der Studie. So könnten sich die Zugbahnen von Sturmtiefs vom Atlantik weiter nach Europa verlängern. „Das könnte mehr Stürme nach Europa bringen“, erklärte Rahmstorf gegenüber den PNN. „Wenn die große Atlantikströmung weiter verlangsamt wird, könnte das massive Folgen haben“, sagt er. Demnach wäre auch mit einem regionalen Anstieg des Meeresspiegels zu rechnenen, unter anderem wären davon Städte wie New York oder Boston bedroht. Aber auch andere Bereiche der menschlichen Zivilisation wäre betroffen: Die Forscher gehen davon aus, dass die Ökosysteme des Ozeans gestört würden, und damit auch die Fischerei und die Lebensgrundlagen vieler Menschen an den Küsten.

Dass die aktuelle Entwicklung in Europa zu einer kleinen Eiszeit führen könnte, wie der Hollywood-Film „The Day After Tomorrow“ nahelegt, schließen die Potsdamer Forscher jedoch aus. „Die anhaltende Erwärmung der Landmassen würde durch die Abkühlung über dem Nordatlantik kaum verringert“, erklären sie. Die Erwärmung durch den Klimawandel sei zu stark. Gemessen wurde aktuell eine Abschwächung der Atlantikströmung um 15 bis 20 Prozent: „Das reicht, um draußen über dem Atlantik eine deutliche Abkühlung zu bringen, ist aber zu wenig, um in Europa die erfolgte Klimaerwärmung durch die Treibhausgase zu kompensieren, die dort schon mehr als ein Grad beträgt“, erklärte Rahmstorf. Wenn die Strömung gegen Ende des Jahrhunderts nach einer starken globalen Erwärmung versiegen sollte, was am wahrscheinlichsten sei, würden die Temperaturen aufgrund der starken Erwärmung trotzdem nicht unter die heutigen fallen.

Anhand der Beobachtungsdaten folgern die Forscher, dass die Modelle die Empfindlichkeit der Strömung bisher möglicherweise sogar unterschätzt haben. „Ob es aber zum kompletten Versiegen der Strömung kommt und wie rasch das sein könnte, kann heute niemand sicher vorhersagen“, so Rahmstorf. Sollte es dazu kommen, würde sich das kaum umkehrbare Kippen des Golfstroms in wenigen Jahrzehnten abspielen.

  • Erschienen am 24.03.2015 auf Seite 01

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