• 30.10.2012

Matthies meint: Platz genug für 95 Thesen

Autobahn … Das ist noch schlimmer als Schäferhund – man assoziiert ein paar Sekunden, und schon steht dieser Hitler im Raum. Hitler-Autobahn-Vergleiche sind ein Karrierekiller eigener Kategorie, ich rate Neugierigen, die Finger am besten ganz davon zu lassen.

Dennoch ist Deutschland bekanntlich von Autobahnen durchzogen, und deshalb haben sich die Verantwortlichen entschlossen, alles nur Denkbare zu tun, um diese politisch belasteten Verkehrsverbindungen harmlos erscheinen zu lassen. Der Autofahrer rast beengt mit 190, sein Hirn flüstert ihm zu „Es war doch nicht alles schlecht bei den Nazis“ – und zack, bringt ihn ein Hinweisschild am Straßenrand auf andere Gedanken.

Bitte, das ist eine Theorie, aber aus welchem anderen Grund sollten diese Schilder sonst erdacht worden sein? „Anorexie-Stadt Kötzschenbroda“ steht da drauf, oder „Staubsauger-Museum Altranft“. Wir werden mit der Silhouette der Raubritterburg Hornisgrinde vertraut gemacht oder dem Alpinklettergarten Brunfter Berge, es ist, als habe sich jeder Dorfbürgermeister in einem 50-Kilometer-Streifen längs der Autobahn irgendwie einbringen dürfen.

Über die Wirkung dieser Schilder habe ich nichts gefunden. Bremsen die Autofahrer („Interessant!“) und biegen hart rechts ab, um mehr über Anorexie und Staubsauger zu erfahren? Ändern sie spontan ihre Reisepläne, brechen gar Dienstfahrten ab, um dem Lockruf des Schildes zu folgen? Man weiß so wenig.

Am gestrigen Montag ist – auf dem Wittenberger Marktplatz! – ein erstes Autobahnschild zum Reformationsjubiläum 2017 enthüllt worden. Die Pläne der Landesregierung Sachsen-Anhalts sehen vor, in den nächsten Jahren vier einschlägige Autobahnen mit solchen Schildern auszurüsten, „Hier hatte Martin Luther eine Reifenpanne“, „Hier wurde Martin Luther von einem Gegenreformator von der Überholspur gedrängt“, „Hier überschritt Luther das zulässige Höchstreformationstempo“. Ja, man könnte sich sogar vorstellen, dass beispielsweise zwischen Dessau-Süd und Naumburg sämtliche 95 Thesen vorgestellt werden, möglicherweise auch jeweils mit einer katholischen Gegenrede im 500-Meter-Abstand als leichter, erfrischender Diskurs.

Ist übertrieben, kann sein. Aber gemessen an der Tatsache, dass das Jubiläum noch fünf Jahre hin ist, beunruhigen diese frühen Vorbereitungen, es ist, als komme ein sehr großer historischer Wirbelsturm auf uns zu. Immerhin ist dann das Gerede von Hitler und den Autobahnen sicher endgültig hinwegreformiert.

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