• 16.10.2012

Matthies meint: Geh aus, mein Herz!

Annette Schavan ist Jahrgang 55, da steht sie in der Blüte ihrer Jahre, kann noch alles Mögliche werden, ausgenommen vielleicht Bundespräsidentin oder nochmal Ministerin. Auch an die Spitze der Deutschen Bank oder des Wissenschaftsrats wird sie es nicht mehr bringen, das steht unverrückbar fest. Aber, du liebe Güte, mit diesem Makel muss fast jeder Deutsche leben, das allein ist kein Grund zum Jammern.

Wie diese Karriere allerdings wirklich weiter verläuft, hängt auch von einer geschickten Verteidigung ab, von einer Verteidigung, die die Schwächen ihrer Dissertation versteckt und Stärken in den Vordergrund rückt. Was haben wir da momentan?

Es schaut, um ehrlich zu sein, ein wenig dünn aus. Ein einziger Satz ragt erratisch aus dem Schavan’schen Verteidigungs-Oeuvre heraus, es ist ein Ich-gebe-zu-Satz, er lautet: „Bei Freud war ich damals noch ziemlich verdruckst.“

Verdruckst. „Durch mangelnde Selbstsicherheit, mangelnde Offenheit gekennzeichnet; schüchtern, unsicher, gehemmt“ heißt es dazu im Duden – ein seltsam altbackenes Wort. Viele jüngere Schavan-Leser werden womöglich glauben, sie habe damit einen Druckfehler zu entschuldigen versucht oder ein körperliches Unwohlsein bei Abfassung der Fußnoten, Ähnliches kennen wir ja aus der Causa Guttenberg, da kann einem das wissenschaftliche Niveau schon einmal temporär entgleiten. Aber nein: schüchtern, unsicher, gehemmt. Bei Freud!

Was an sich okay ist. Wer wäre bei Freud nicht gehemmt? Dieser Typ mit all dem Einschüchterungszeug, Es, Ich, Über-Ich. Traumdeutung! Phallussymbolik! Libido! Er hat Adorno, Sartre, Derrida beeinflusst, womöglich sogar Richard David Precht und Thomas Gottschalk. Und stammt nicht diese Masche von ihm, jede Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten, ohne die noch heute jedes Tatort-Drehbuch zu Staub zerfiele?

Sicher, er war etwa 40 Jahre tot, als Annette Schavan sein Werk nach Fundstellen zur Gewissenserforschung durchsah, es war also nicht mehr mit einer persönlichen Intervention zu rechnen. Aber man kann sich den Unwillen vorstellen, an diese Bücher unmittelbar heranzugehen, der die junge Doktorandin überfiel – das war einer dieser Momente wie bei Harry Potter, wenn sich Hermine den verbotenen Zaubersprüchen näherte. „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ mahnt das Kirchenlied die Gläubigen – in diesem Fall vergeblich.

Bitte, das war jetzt nur eine mögliche Interpretation. Aber unsereiner ist beim inneren Merkel-Zirkel immer ziemlich verdruckst.

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