• 22.09.2012

Matthies meint: Über die Schmerzgrenze

Schmerz ist so schmerzlich relativ. Wo der eine schon laut jammert, verlangt der andere gierig nach mehr, das ist nun mal so. Der eine stöhnt über Nachbars Rasenmäher, der andere sagt: „Machmalauter!“ Die einschlägige Website schmerzgrenze.com kündigt als Bestandteil einer Performance „Knatterbretter, zertrennter Stahl, Gehirnsaugmaschinen an“, aber das ist offenbar Jahre her, das tut heute niemandem mehr weh. Bei schmerzgrenze.org finden wir dagegen einen etwas jüngeren Hinweis auf „Schmerzgrenze“ als die „Grandsigneurs des musikalischen Emmerichs“, was sicher verdammt gezogen hat, zumindest in Emmerich.

Was also bedeutet es, dass der sächsische Ministerpräsident Tillich am Freitag mitgeteilt hat, bei den Strompreisen sei die Schmerzgrenze erreicht? Der Begriff schillert in allen Farben. Die Schmerzgrenze sei der Punkt, wo es beginne, wehzutun, sagt Wikipedia. Aber meint Tillich nicht doch eher jene Schwelle, an der der Schmerz unerträglich wird? An der der Verbraucher sich in Krämpfen windet, weil er nun auch und gerade den Strom bezahlen soll, der nicht erzeugt wird? Damit die Energiewende ein wenig später auf dem Boden der Realität zerschellt?

Oh, es ist ein großes Schmerzgeschrei in diesen Zeiten. Jeden Tag kommt irgendjemand und testet, wo die Grenzen liegen. „Apple testet die Schmerzschwelle der EU-Kommission“, war kürzlich in einer Zeitung zu lesen, ein Fall für Spezialisten, denn Apple widersetzt sich mit einem vieldiskutierten Ladestecker fürs neue iPhone den Vorgaben der EU, die solche Basteleien grad abschaffen möchte und nun vermutlich über das Wochenende in Klausur geht, um herauszufinden, ob es schon wehtut.

Die klassische Schmerzgrenze finden wir allerdings beim Benzinpreis. Und zwar immer exakt dort, wo er sich gerade befindet. Vor mehr als 20 Jahren gab es ein „Spiegel“-Titelbild, auf dem sich ein Cartoon-Mann eine Zapfpistole an die Schläfe hielt, bereit zum Suizid wegen unerträglich teuren Sprits. Der Preis damals: 1,59 D-Mark. Wenn uns das damals wehgetan hat, dann wären die Autos heute erfüllt von Schreien der Qual. Aber was passiert stattdessen? Die Leute kaufen hochhackige SUVs, damit sie ein bisschen mehr Benzin verbrauchen dürfen, und, statt zu jammern, blicken sie stolz aus dem Fenster auf die Radler drunten.

So viel zur Relativitätstheorie des Schmerzes. Möglicherweise hat uns damals wirklich jemand an die Gehirnsaugmaschinen angeschlossen.

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