Die Kontrolle verlieren, Merkels Erfolge sehen, ein Ohr abschneiden
In Ägypten ringt der Präsident mit dem Militär. Wer wird gewinnen?
So schnell keiner. Das Militär beherrscht den „tiefen Staat“, die Islamisten die Straße. Derweil versinkt die Wirtschaft, verliert Kairo die Kontrolle über den Sinai, wo sich diverse Al-Qaida-Kräfte eingenistet haben. Wächst das Chaos, wird sich ein Demagoge durchsetzen, der Ruhe und Ordnung verheißt. Das wäre weder der greise Marschall Tantawi noch Präsident Morsi. Beide sind Figuren des Übergangs.
Schäuble wird vorerst nicht der Eurogruppe vorstehen. Ist Deutschland nicht mehr Chef von Europa?
Und dann? Das Dreigestirn Paris-Rom- Madrid? Ganz Europa als „Club Med“? Der hat die Eurozone ins Unglück gestürzt; der Verschwender als Aufpasser wird den Euro nicht retten. Immerhin hat Merkels Hartleibigkeit die Sünder ermuntert, Reformen anzupacken. Irland ist auf gutem Weg; Portugal, Spanien und Italien ziehen zumindest proklamatorisch nach. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, denn mächtiger noch als Merkel sind die Märkte, die mit der Peitsche des Zinsaufschlags agieren.
Der bekannte US-Politologe Kenneth Waltz glaubt, eine iranische Atombombe würde zum Gleichgewicht der Mächte in Mittelost führen. Hat er recht?
Waltz ist nicht nur „bekannt“, sondern auch der Lehrer von WmdW, von dem er heute noch zehrt. Seit vierzig Jahren predigt er „more is better“, je mehr Atommächte, desto stabiler die Welt. Die Abschreckungslogik erklärt die Selbstzügelung der USA und UdSSR, nicht aber die Kriegsfreudigkeit in Mittelost. Ägypten hat die Atommacht Israel 1973 angegriffen. Der Kalte Krieg war auch kein Kaffeekränzchen. Die Großmächte haben sich andauernd bekriegt, bloß nicht direkt, sondern per Stellvertreter: Korea, Vietnam. Israel/Araber, Afghanistan. Iran, um das es bei Waltz geht, schickt Hamas und Hisbollah gegen Israel vor. Unter dem atomaren Schutzschild würde Teheran umso beschwingter (auch gegen die Araber und die USA) weitermachen. Stabilität im Hexenkessel Mittelost sieht anders aus.
Ein Wort zur deutschen Vorhautpolitik
Allah/Gott sei Dank nimmt sich nun der Bundestag der paar Millimeter an, um Krieg zu verhindern, toben doch zum ersten Mal Abend- und Morgenland gegen den Michel im Talar. WmdW erinnert an den „Krieg um Jenkins Ohr“ (1739-42), den England gegen Spanien führte, nachdem Käptn Jenkins dem Parlament das Seinige (in Alkohol eingelegte) vorgelegt hatte – abgehackt von einem fiesen Spanier bei Durchsuchung seines Schiffes in der Karibik. Die Briten nahmen Portobelo in Panama ein; Londons „Portobello Road“ erinnert an den Sieg. Es ging weiter mit dem „Österreichischen Erbfolgekrieg“. Derlei Weiterungen will der Bundestag nun gesetzlich stoppen. Dank göttlicher Erleuchtung.
Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“.
Fragen: fal
Potsdam bekommt doch noch eine Kunsthalle: Hasso Plattner will zusammen mit dem Investor Lelbach den Palast Barberini wieder aufbauen und dort anschließend seine Sammlung von DDR-Kunst ausstellen. Eine gute Idee?