• 26.05.2012

Matthies meint: Kleine Bitte an einen großen Investor

Am Freitag ging die Meldung herum, dass ein Dönerverkäufer aus Velbert dazu verurteilt worden war, 400 000 Euro Steuerschulden zurückzuzahlen, die er in sechs Jahren aufgehäuft hatte. Da er mittlerweile von Hartz IV lebt, darf er die Summe in Raten von zehn Euro monatlich abstottern, was angeblich 3333 Jahre dauert. Döner macht bekanntlich schöner, aber so alt ganz sicher nicht.

Nein, ich ziehe daraus jetzt keine Schlüsse in irgendeine Richtung, sondern nehme den guten Mann als Symbol der Situation, in der wir uns alle irgendwie befinden. Ist da täglich nicht dieses blöde Gefühl, finanziell auf einem Vulkan zu sitzen, der auf sehr dünnem Eis steht und durch gewaltige Erdbeben erschüttert wird? Nächsten Donnerstag, nur zur Erinnerung, ist die Steuererklärung fällig, ein Stichtag, nach dem alles meist noch finsterer ausschaut.

Nur wenige Zeitgenossen können sich diesem Strudel entziehen. Nicolas Berggruen ist einer von ihnen, einer, dessen finanzielle Perspektiven nicht besser sein könnten. Karstadt hat er sich schon gekauft, ein ziemlich dicker Brocken, und nun taucht er plötzlich mitten im Todeskampf des Schlecker- Imperiums auf und teilt mit, nun ja, damit lasse sich doch sicher noch was anstellen. Berggruen ist also gewissermaßen der Mark Zuckerberg des notleidenden Einzelhandels, was er anfasst, wird zu, sagen wir: Stahlblech. Möglicherweise hätte der Investor auch ein Herz für den gescheiterten Dönerbrater gehabt, wäre die Nachricht rechtzeitig durchgedrungen. Karstadt-Schlecker-Döner: eine stabile Basis fürs weitere Wirtschaften.

Wenn noch ein Vorschlag erlaubt wäre? Wer so viel unterwegs ist, um klamme Konzerne zu retten, wer praktisch im Flieger lebt, der kann einen eigenen Flughafen sehr gut brauchen. Wir hier im Großraum Berlin hätten da einen, so gut wie neuwertig, mit ein paar kleineren Brandschutzproblemen, nichts Gravierendes.

Aber nun ist die Kohle alle, es laufen ein paar dumme Schadenersatzklagen, er wäre also günstig abzugeben in liebevolle Hände, die bei einem Berlin- Freund wie Berggruen ja selbstverständlich sind. Willy Brandt, der Namenspate, kann nicht mehr protestieren, also könnte das ganze Ding auch sofort Anton-Schlecker- oder Kalle-Karstadt-Airport heißen, falls das den Kaufentschluss befördert.

Bitte, Herr Berggruen, tun Sie das für uns Berliner. Wir haben auch keine 3333 Jahre Zeit mehr.

  • Erschienen am 26.05.2012 auf Seite 01

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