Möglicherweise hat Horst Seehofer mit seinem Sie-können-das-ruhig-senden-Wutausbruch die Art der Deutschen, Politik zu machen, für immer verändert. Ein Quantensprung, womöglich ein Paradigmenwechsel! Oder beides? „Wir sollten etwas nicht schön reden, was nicht schön ist“ – das war sein Kernsatz, der nun auf Umsetzung wartet. Maßgebliche deutsche Politiker aller Parteien zweifeln bereits an ihrem Berufsbild, denn bislang galt ja als verbindlich, dass erfolgreiche Politik zu etwa 95 Prozent daraus besteht, allgemein bekannte Probleme knackfrech schönzureden; die restlichen fünf Prozent betreffen das Schlechtmachen des Gegners. Es gab noch Seehofers Vorgänger Stoiber, der einfach so dahergeschwatzt hat, aber der spielt ja keine Rolle mehr.
Nun also Seehofer mit seinem Klartext. Und schon bewegt sich die SPD, schickt ihren Gabriel zu den sozialdemokratischen Frauen und lässt ihn dort rumpelnd seehofern. Darf alles gesendet werden! Was hätten wir da? Eine Attacke gegen die mangelnde Veränderungsbereitschaft der SPD-Funktionäre, ein Rempler gegen den „Schlafwagen der Parteiorganisation“ – und dann auch noch die Bemerkung, die Partei sei für jüngere Frauen im Vergleich zu den Grünen wenig anziehend. Und ob denn der Frauenkongress länger dauern müsse als ein kompletter Bundesparteitag? Uuuh. Früher wäre ein SPD- Vorsitzender für so etwas aus der Partei geworfen worden. Heute gilt auch dort das Seehofer-Axiom über das Schönreden.
Allerdings existieren starke Gegenströmungen. CDU-Fraktionschef Kauder hat jetzt diesbezüglich das Dogma geprägt: „Zuerst kommt das Land und die Menschen, dann erst die Partei, und ganz zum Schluss komme ich.“ Das „Ich“ ist hier als Platzhalter zu verstehen, also so, dass nicht Kauder zuletzt kommt, sondern Norbert Röttgen, der damit gemeint war.
Auf Klardeutsch übertragen hieß das übrigens: Schnauze, Röttgen! Aber so klingt es schöner. Das Land und die Menschen – das sind wir Wähler und der Boden, auf dem die Wahllokale stehen. Die Partei ist das, was wir wählen. Und das Ich hat eben nicht funktioniert, es hat zugelassen, dass der CDU–Vorsprung „geschmolzen ist wie ein Eisbecher in der Sonne“. Auch das ist von Seehofer, die Schriftgelehrten arbeiten noch, eine Interpretation von Richard David Precht wird stündlich erwartet, wer stellt einen Eisbecher in die Sonne, war ein Eisberg gemeint oder nur das Eis im Becher?
Wie geht es weiter? Genscher wirft Rösler aus der FDP. Oder umgekehrt? Der neue Klartext wird noch viele Opfer fordern.
Der überraschende Schwenk der Rathauskooperation von einer Tourismusabgabe zu einer Beherbergungssteuer zur Verhinderung eines Pflichteintritts für den Park Sanssouci stößt in der Stadt auf ein geteiltes Echo. Welche Lösung hätten Sie bevorzugt?